Wenn man selbst zum Pilger wird – Ethnologische Feldforschung in Lourdes

Was lässt sich über Lourdes verstehen, wenn man nicht nur fragt, sondern mitgeht? Für seine Masterarbeit begleitet Michael Bieri Pilger:innen am Marienwallfahrtsort Lourdes und beobachtet, wie religiöse Erfahrung im Alltag sichtbar wird– in Gebeten, Gesten und persönlichen Erzählungen.

Michael Bieri mit der Pilgerin Bahur an der Grotte von Lourdes, dem Ort der Marienerscheinungen von 1858.
Michael Bieri beim Rosenkranzgebet an der Grotte von Lourdes.

 «Michael schau, hier dieses Wasser.» Antonello hält seine Hand nach vorne und wartet, bis ein Tropfen vom Felsen fällt. Dann streicht er sich mit der nassen Hand über die Stirn und geht langsam weiter. Immer wieder berührt er den Felsen, als wolle er jeden Zentimeter in sich aufnehmen, alles mitnehmen, was dieser Ort ihm zu geben hat. Danach sagt er mir: «Michael, wenn ich den Kopf an den Felsen halte, dann geht es mir besser. Meine Angst ist weg.»

Die Szene spielt sich am Marienwallfahrtsort Lourdes ab. Dort soll der jungen Bernadette Soubirous 1858 nach katholischer Überlieferung die Mutter Gottes erschienen sein. Seitdem reisen jedes Jahr Menschen aus aller Welt nach Lourdes. Bekannt ist Lourdes vor allem als Ort der Heilung. In meiner Feldforschung zeigt sich jedoch: Die Gründe, weshalb Menschen hierherkommen, sind vielfältiger. Sie reichen von Krankheit und konkreten Bitten bis zu Dankbarkeit, Frieden, spiritueller Sehnsucht – oder wie manche sagen: Sie folgen einem Ruf Mariens.

Gerade an einem Ort wie Lourdes zeigt sich, was ethnologische Feldforschung leisten kann: Sie versucht zu verstehen, wie Menschen ihre Welt erleben und welchen Sinn sie ihren Handlungen und Erfahrungen geben.

Mitten im Pilgeralltag

Für meine Masterarbeit begleite ich während mehrerer Wochen Pilger:innen in Lourdes. Mich interessiert, wie sie diesen Ort erleben: Welche Bedeutung haben die Grotte, das Wasser, die Prozessionen oder das gemeinsame Gebet? 

Ethnologie bedeutet hier nicht, mit einem Fragebogen vor der Grotte zu stehen und möglichst viele Antworten zu sammeln. Eine zentrale Methode des Fachs ist die teilnehmende Beobachtung. Ich verbringe Zeit mit den Menschen: wohne im Pilgerhaus, esse mit ihnen, begleite sie an die Grotte, nehme an Messen und Prozessionen teil und führe Gespräche, die manchmal geplant, oft jedoch ganz beiläufig entstehen. Zugleich bedeutet Feldforschung, die eigene Rolle immer mitzudenken und zu reflektieren: Wie prägt meine eigene Perspektive das Beobachtete?

Was Menschen an der Grotte erleben

Gerade in Lourdes zeigt sich, wie wichtig dieses Dabeisein ist. Viele Erfahrungen lassen sich nicht einfach in einem Interview abfragen. Sie zeigen sich in Gesten: im Berühren des Felsens, im stillen Gebet, im Trinken des Wassers, im gemeinsamen Singen oder in Momenten, in denen Menschen plötzlich erzählen, weshalb sie hierhergekommen sind – oder was sie an der Grotte fühlen. Manche sprechen von einem starken Gefühl des Friedens, andere von Gnade. Einzelne erzählen, sie hätten an der Grotte den Blick Marias auf sich gespürt – eine Erfahrung, die sie als elektrisierend beschreiben. Ein Pilger aus den Philippinen berichtet: Jedes Mal, wenn er in Lourdes zur Grotte komme, fühle es sich an, als wäre er nach langer Zeit endlich wieder zu Hause angekommen.

Wenn Lourdes Kraft gibt

Eine verbreitete Annahme lautet, dass Menschen vor allem mit der Hoffnung auf Heilung einer Krankheit nach Lourdes kommen. In meiner bisherigen Forschung hat sich dieses Bild jedoch nur teilweise bestätigt. Im Pilgerheim, in dem ich lebe, begegne ich vielen Menschen, die jedes Jahr nach Lourdes reisen – unabhängig davon, wie es ihnen gerade geht oder in welcher Lebenssituation sie sich befinden. Für viele ist Lourdes Ort des Auftankens. Statt Ferien am Strand zu machen, kommen sie nach Lourdes, besuchen täglich die Grotte oder gehen den Kreuzweg. Danach, so erzählen viele, hätten sie wieder neue Kraft für ihren Alltag im weltlichen Leben.

Erst durch das Mitgehen im Alltag werden solche Erfahrungen sichtbar – oft jenseits erster Annahmen und schneller Deutung. Und manchmal bringt dieses Mitgehen auch ganz praktische Dinge mit sich: Nach einigen Wochen in Lourdes kann ich den Rosenkranz inzwischen in vier Sprachen auswendig. Ave Maria!

Dieser Artikel wurde von Michael Bieri, Masterstudent in Ethnologie und Religionswissenschaft, verfasst.