Das Leben der ersten Schweizer Juristin auf der Bühne

Das Supergiù Teatro feierte mit einer neuen Version ihrer aktuellen Perfomance «Eine Emilie Kempin-Spyri. Alle Emilie» am 29. September im Kulturzentrum Südpol in Kriens Première. Dabei wurden Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben und reflektiert.

Zeigt Emilies aus der Vergangenheit und Emilies aus der Gegenwart: das Supergiù Teatro (Bild: Corinne Huwyler)

Ruth Bader Ginsburg, die bekannte und kürzlich verstorbene Richterin des Supreme Court, ist inzwischen wohl den meisten Schweizer*innen ein Begriff. Aber Emilie Kempin-Spyri? Leider kein sehr bekannter Name. Das Supergiù Teatro unter der Regie von Sara Flaadt möchte dies ändern. Denn Emilie Kempin-Spyri, geboren 1853 in Altstetten, die erste Juristin der Schweiz und erste Doktorin des Rechts in Europa, hätte es mehr als verdient.

Wir sind alle ein bisschen Emilie

In einer einstündigen Performance zeichnet das Ensemble eindrücklich die Lebensgeschichte Kempin-Spyris nach. Vier Darstellerinnen spielen, tanzen, lesen und reflektieren dabei über immer wieder neu auftauchende Geschehnisse und Quellen aus dem Leben Kempin-Spyris. Dabei wird wiederholt der Bogen zwischen der Protagonistin und dem Publikum gespannt: Kommen wir uns in der eigenen Familie manchmal nicht auch fremd vor? Sind wir in die für uns passende Zeit hineingeboren worden? Und woher kommen eigentlich immer wieder die Schuldgefühle, wenn wir Entscheidungen für uns und unser Wohlergehen fällen?

Berührende Lebensgeschichte

Eindrücklich ist dabei nicht nur die Inszenierung, sondern auch das Leben der Emilie Kempin-Spyri selbst. Sie begann mit 32 Jahren ein Jurastudium an der Universität Zürich und wurde vier Jahre später, 1887, die erste Rechtsdoktorin Europas. Das Anwaltspatent wurde ihr in der Schweiz aber aufgrund des fehlenden Aktivbürgerrechts verwehrt, weshalb sie einige Zeit in New York und später in Berlin lebte und dort als Rechtsdozentin arbeitete. Immer wieder kehrte sie in die Schweiz zurück, um neue Anträge zur Anwaltszulassung zu stellen, die aber alle abgelehnt wurden. Schliesslich zerbrach sie an diesem zermürbenden Kampf und starb mit 48 Jahren verarmt in Basel. Obwohl Emilie Kempin-Spyris eigene Geschichte traurig endete, hat sich ihr Einsatz trotzdem gelohnt: Als erster Kanton erlaubte Zürich 1898 Frauen den Zugang zur Anwaltsausbildung, später wurde dieses Recht auf die ganze Schweiz ausgeweitet.

Sara Flaadt, Regisseurin und Autorin

Geschrieben und inszeniert hat das Stück die Tessinerin Sara Flaadt. Flaadt, Gründerin des Kollektivs Supergiù Teatro, hat Geschichte studiert, was ihr die Arbeit an der Performance, insbesondere die Nachforschungen in Archiven, überhaupt ermöglicht hat. Das Stück zu Kempin-Spyri wird bereits seit zwei Jahren aufgeführt, wurde dabei aber immer weiterentwickelt und in der aktuellsten Form zum ersten Mal im Südpol gezeigt. Nebst dem Bekanntmachen der Protagonistin ist es der Regisseurin auch wichtig, dass das Theater in allen Landesteilen der Schweiz aufgeführt werden kann. Die Schauspielerinnen stammen deshalb aus verschiedenen Sprachregionen der Schweiz und werden in Bern das Stück dann auch in allen vier Landessprachen aufführen.

Gleichstellung und Geschlechtergeschichte an der Universität Luzern

Der Universität Luzern ist die Gleichstellung der Geschlechter ein wichtiges Anliegen. So wurden die Aufführungen des Supergiù Teatro im Südpol am 29. und 30. September unter anderen von der Gleichstellungskommission der Universität mitfinanziert. Am 13. Oktober um 16:15 Uhr wird zudem im Rahmen des Forschungskolloquiums zur Geschichte der vormodernen und modernen Welt Frau Dr. Silke Redolfi vom Frauenkulturarchiv Graubünden über die Situation der Frauen im Bürgerrecht der Schweiz referieren. Und wenn es manchen zwischendurch mühsam erscheinen mag, die gendergerechte Sprache aufrecht zu erhalten, so reicht in Zukunft vielleicht der Gedanke an Emilie Kempin-Spyri, deren Berufswunsch an dem Wörtchen «Schweizer» in der Bundesverfassung gescheitert ist.

Veranstaltungseintrag zum Forschungskolloquium mit Frau Dr. Silke Redolfi

Dieser Beitrag wurde von der Studentin Corinne Huwyler verfasst. Sie studiert den Masterstudiengang Geschichte mit Politikwissenschaft im Nebenfach.

 

6. Oktober 2020