Das Studium bietet eine einzigartige Möglichkeit, sich seiner Stärken und Interessen bewusst zu werden. Für das spätere Berufsleben ist dies enorm wertvoll, findet Isabelle Gerber (29), Absolventin des Bachelors in Politischer Ökonomie.

Isabelle Gerber, sitzend, mit Blick nach hinten zum Betrachter
(Bild: Markus Forte)

Isabelle Gerber, als Sie mit dem Studium begonnen haben, gab es Ihren Studiengang erst seit zwei Jahren. Warum haben Sie sich für die junge Universität Luzern entschieden?

Isabelle Gerber: Ich hatte mein Studium in Genf begonnen. Da es mir dort nicht vollumfänglich gefiel, suchte ich intensiv nach einer Alternative. Meine Fragen über das Studienprogramm wurden in Luzern eingehend beantwortet. Schliesslich haben mich die sehr positiven Rückmeldungen von Studierenden besonders überzeugt. Eines der wichtigsten Argumente damals war zudem, dass ich parallel zum Studium noch arbeiten konnte – ich hatte seit meiner Matura einen Job bei einer Bank.

War es rückblickend die richtige Entscheidung?

Ja, auf jeden Fall. Den Studiengang empfand ich stets als sehr realitätsbezogen. Die komplexen und verschachtelten Thematiken der Ökonomie – grundsätzlich ja nur die Wissenschaft der knappen Güter – haben mich sehr interessiert. Dass einige Vorlesungen von externen Dozierenden, zum Beispiel einer Mitarbeiterin der Nationalbank, gehalten wurden und wir oftmals die Möglichkeit hatten, bei «Lecture Series» gestandenen Lehrmeisterinnen und -meistern zuzuhören, empfand ich als äusserst lehrreich. Ich fühlte und finde immer noch, dass wir sehr privilegiert waren und sind, ich bin der Universität sehr dankbar für die Möglichkeiten, die sie mir eröffnet hat. Ebenfalls profitierte ich vom familiären Charakter. Ich würde behaupten, Professor Christoph A. Schaltegger [Leiter des damaligen Ökonomischen Seminars und inzwischen Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät; Anm. d. Red.] kennt mich noch heute mit Namen.

Was waren bis jetzt Ihre beruflichen Stationen?

Gegenwärtig bin ich in einigen Projekten des Blockchain-Startups Fyooz engagiert – es handelt sich um den weltweit ersten Marktplatz für Aufmerksamkeitsökonomie. Wir arbeiten an einer Plattform, wo Tokens gehandelt werden können. Aber von vorne: Nach dem Studium hatte ich die Stelle bei der Bank gekündigt und war auf Reisen gegangen. Danach begann ich beim Schweizerischen Eishockeyverband zu arbeiten. Dort waren damals grosse Umstellungen im Gange, und ich hatte die Chance, relativ schnell ein Team zu führen und mich in der Stabsstelle des CEOs aktiv in die Organisationsentwicklung einzubringen. Drei Jahre später führte ich die internen Dienste und die IT, war in der erweiterten Geschäftsleitung des Verbandes und absolvierte einen Executive MBA an der Universität Zürich.

«Während des Studiums konnte ich mir aneignen, fundiert und konzeptionell zu arbeiten und komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen.»
Isabelle Gerber

Eishockey – was hat das mit Politischer Ökonomie zu tun?

Im Studium lernt man nicht nur Inhalte, sondern auch Methoden sowie ganzheitliches und vernetztes Denken. Während des Studiums konnte ich mir aneignen, fundiert und konzeptionell zu arbeiten und komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Im politischen Umfeld der Verbandsarbeit sind diese Skills sehr zentral. Am Ende hilft es in jeder beruflichen Position, wenn man sachlich argumentieren kann.

War es schwierig, einen Job zu finden?

Nein. Da ich schon während des ganzen Studiums gearbeitet hatte, konnte ich zum Zeitpunkt des Abschlusses schon auf viel Arbeitserfahrung zählen. Für die Stelle beim Eishockeyverband wurde ich sogar aus meinem beruflichen Netzwerk angefragt. Ich hatte nie das Gefühl, wegen meines Abschlusses an der jungen Universität Luzern benachteiligt worden zu sein. Im Gegenteil: Man konnte sehr viel von der Dynamik profitieren und dies auch so gegenüber dem Arbeitgeber vermitteln.

Hat Sie das Studium gut auf das Berufsleben vorbereitet?

Es ist meines Erachtens stark auf die Forschung respektive Wissenschaft ausgerichtet. Auch auf die Geschichte im Feld. Im Berufsleben lernt man schnell, dass Wissen alleine nicht reicht. Ebenfalls sind nicht nur Qualität, Sorgfalt und konzeptionelle Tiefe wichtig. Im Team zu arbeiten – mit allen Vorteilen und Herausforderungen – und Ideen und Entscheidungen zu verteidigen wurde mir während des Studiums zu wenig beigebracht. Meine Durchsetzungsfähigkeit musste ich im Berufsleben erst mal stärken und meine Resilienz trainieren. Eine Topleistung heisst zudem noch lange nicht, dass alles gut läuft und du befördert wirst. Entscheidend sind Beziehungen und Kontakte, das bekannte «Vitamin B», und auch dein Image. Das wurde auch in verschiedenen Studien dargelegt. Nach dem Studium fand ich das ernüchternd und unfair.

Isabelle Gerber vor einer Wand mit farbigen Lichtquellen

Es war relativ schwierig einen Termin mit Ihnen zu finden – vermissen Sie das Studileben? 

Ich würde sagen, mein Studentenleben hat gar nie richtig aufgehört. Ich habe während des Studiums ja bereits Teilzeit gearbeitet, hatte immer was los. Mein Leben als Studentin bestand auch darin, die vielen spannenden Vorträge, wie zum Beispiel die «Notenstein Lectures», zu besuchen. Und auch heute nehme ich noch an zahlreichen Veranstaltungen teil. Wie gesagt, ich finde, der Zugang zu Wissen ist ein Privileg. Bücher mit Wissenschaftskontext lese ich heute noch sehr gerne, erst gerade kürzlich habe ich mir das Buch «What works» von Iris Bohnet bestellt. Mein Bücherregal wächst seit dem Studium. Überdies konnte ich auch nicht richtig mit der Universität abschliessen. Ein verspäteter Flug im Dschungel von Bolivien hat dazu geführt, dass meine Eltern ohne mich an meiner Diplomfeier waren.

Studierende scheinen mindestens einmal im Studium eine Sinnkrise durchmachen zu müssen. Mit Fragen wie: Warum studiere ich das eigentlich, werde ich damit jemals einen Job finden? etc. Wie war das bei Ihnen?

Solche Gefühle sind absolut normal, man fühlt sich stets unter Druck gesetzt von Personen, die von Beginn an sehr zielorientiert sind. Die grosse Auswahl in der eigenen Zukunftsgestaltung führt zur inneren Lähmung und bei mir sogar zur Ratlosigkeit und Unzufriedenheit. Mir hat es sehr geholfen aufzuschreiben, was ich mag, was ich weiss und wo meine Stärken liegen, anstatt mich ständig zu fragen, warum ich nicht genau weiss, wo ich in zehn Jahren stehe.

Sie haben also gewissermassen die Perspektive umgedreht …

Ja. Wer nicht weiss, was er oder sie will, soll den Fokus darauf legen, was man weiss, und das andere eben ausprobieren. Und das Studium nutzen: Man hat eine einzigartige Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln beziehungsweise seine Individualität zu finden, zu formen und auszuleben. Man gewinnt Einsicht in verschiedenste Thematiken und kann somit richtiggehend ausprobieren, was einem gefällt und was nicht. Man erfährt, was man gut kann und was weniger. Für das Berufsleben ist das durch diesen Prozess gewonnene Selbstbewusstsein sehr wertvoll. Heute verspüre ich in diesen Fragen weniger Druck mehr, sondern Freiheit und Lust, meinen Weg zu gehen. Niemand ist besser darin, du zu sein, als du selbst.

Yves Spühler
Sektionsvorsteher Wirtschaftswissenschaften der ALUMNI Organisation, Legal & Finance Manager bei der Sonect AG in Zürich, Teilzeit-Masterstudent der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Luzern