Was kann die Schweiz von Krankenversicherungssystemen anderer Länder lernen? Der Gesundheitsökonom Lukas Kauer hat gemeinsam mit anderen Forschenden in einem neu erschienenen Essay die Systeme in Europa und den USA verglichen.

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(Symbolbild: ©istock.com/Supatman)

Lukas Kauer, in Ihrer Publikation (s. unten) vergleichen Sie die Krankenversicherungssysteme in Europa (Deutschland, Niederlande, Schweiz) und den USA. Warum lohnt sich dieser Blick über die Landesgrenzen hinaus?

Lukas Kauer: Vergleiche mit anderen Ländern helfen, das eigene System besser zu verstehen. Wir sehen, wie sie ähnliche Probleme angehen und können einordnen, wo die Schweiz gut dasteht und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Letztlich geht es um die Frage: Wie organisiert man ein System so, dass es möglichst gut funktioniert? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Essay mit Systemen, die nach dem Prinzip des «regulierten Wettbewerbs» organisiert sind. Was bedeutet das konkret?

Foto Lukas Kauer
Dr. Lukas Kauer, Lehr- und Forschungsbeauftragter an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin

Es gibt verschiedene Ansätze, Gesundheitssysteme zu organisieren. Der regulierte Wettbewerb ist einer davon. Hier konkurrieren mehrere Krankenversicherungen miteinander, aber innerhalb klarer gesetzlicher Rahmenbedingungen. Diese Rahmenbedingungen braucht es, da es im Gesundheitswesen ohne sie zu Marktversagen mit schwerwiegenden Folgen kommen kann. Ohne Regulierung hätten z.B. Personen mit Vorerkrankungen oder ältere Menschen Schwierigkeiten, eine Versicherung abzuschliessen, da sie ein zu grosses Risiko darstellen. Daher gibt es bei Grundversicherungen einen Aufnahmezwang.

Wieso eignet sich das Modell für die Organisation von Krankenversicherungen?

Dem Modell liegt die Annahme zugrunde, dass Wettbewerb als Organisationsmechanismus bestimmte Vorteile mit sich bringt, beispielsweise Effizienz, Innovation und Wahlfreiheit für Versicherte. Andere Systeme, wie im Vereinigten Königreich mit dem National Health Service (NHS), setzen auf eine steuerfinanzierte Versorgung durch den Staat. In diesen Systemen gibt es deutlich weniger Wahlfreiheit bezüglich der Leistungserbringer (Ärztinnen/Ärzte, Spitäler etc.) und nur eine Art der Versicherungsdeckung. Dafür wird der umfassende und einheitliche Zugang zur Versorgung höher gewichtet. 

Ist regulierter Wettbewerb also das perfekte Krankenversicherungssystem?

Nein, ein perfektes System gibt es nicht. Jedes System basiert auf gewissen Werten und Prioritäten. Manche Länder gewichten den Zugang stärker, andere Effizienz oder Wahlfreiheit. Diese Ziele lassen sich nicht gleichzeitig maximieren, da sie im Zielkonflikt stehen. Dies führt auch dazu, dass Systeme – auch wenn sie dem Prinzip des regulierten Wettbewerbs folgen – trotzdem unterschiedlich gestaltet sind. 

Wie gross der Spielraum der Versicherungen ist, ihr Angebot individuell zu gestalten, unterscheidet sich von Land zu Land stark. In der Schweiz ist er eher klein. So dürfen Versicherungen in der Grundversicherung beispielsweise nicht frei entscheiden, mit welchen Leistungserbringern sie zusammenarbeiten wollen. 

Fehlende Digitalisierung und ungenügende Koordination sind grosse Kostentreiber. Ich sehe grosses Potenzial, die Effizienz zu verbessern.
Lukas Kauer
Lehr- und Forschungsbeauftragter für Health Impact Assessment

Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen für das Schweizer System?

Die Kosten sind mit Abstand die grösste Herausforderung. Die fehlende Digitalisierung und daraus resultierende ungenügende Koordination zwischen Leistungserbringern, die zu Doppelspurigkeit führt, sind grosse Treiber. Viele Prozesse sind nach wie vor fragmentiert und Daten werden oft nicht effizient genutzt. Das liegt auch an strukturellen und kulturellen Faktoren der Schweiz wie dem Föderalismus oder einer gewissen Skepsis der Bevölkerung gegenüber zentralen Lösungen – insbesondere, wenn es um persönliche Daten geht. Hier sehe ich grosses Potenzial, die Effizienz zu verbessern.

Und was läuft in der Schweiz sehr gut?

Die Schweiz hat ein Gesundheitssystem mit relativ hoher Qualität und guten Ergebnissen für Patientinnen und Patienten. Dieser hohe Standard zeigt sich auch in der Krankenversicherung. Der Zugang zur Versorgung ist sehr gut, Termine und Behandlungen sind in der Regel schnell verfügbar – wenn auch mit Unterschieden je nach Fachbereich. Die Zufriedenheit mit dem System ist, abgesehen von den Kosten, insgesamt hoch.

Wo konnten Sie Parallelen in den verglichenen Ländersystemen erkennen?

Alle vier Länder garantieren eine umfassende medizinische Versorgung. Dazu gehören beispielsweise Spitalbehandlungen, Medikamente sowie die Betreuung durch Haus- und Fachärztinnen und -ärzte. Bei gewissen Leistungen, wie z.B. der Physiotherapie, gibt es aber auch Unterschiede. Auch versuchen alle Systeme, die Kosten zu kontrollieren und den Zugang sicherzustellen. Die Finanzierung erfolgt über Prämien und die Versicherten beteiligen sich an den Kosten. Zudem gibt es Mechanismen zum Risikoausgleich zwischen Versicherern sowie Vergütungsmodelle, die Leistungserbringer stärker in die Kostenverantwortung einbeziehen.

Wo gab es klare Unterschiede?

Ein zentraler Unterschied betrifft den Zugang: In den untersuchten europäischen Ländern ist die Krankenversicherung obligatorisch, in den USA teilweise freiwillig und nicht flächendeckend. Ein zweiter Unterschied liegt in der Struktur der Versicherer. In Europa sind sie meist eigenständige, oft gemeinnützige Organisationen. In den USA reicht die Bandbreite von gemeinnützigen Anbietern bis zu grossen, gewinnorientierten Gesundheitskonzernen. Ein dritter Unterschied betrifft die Kostenkontrolle. In den USA setzt man stärker auf Marktmechanismen, während in Europa die Versicherer dafür weniger Möglichkeiten haben.

Für die Schweiz könnte man überlegen, ob mehr Flexibilität für die Versicherer zu Effizienzgewinnen führen würde.

Was können wir von anderen Ländern lernen?

Potenzial sehe ich in der Ausgestaltung des Systems in den Niederlanden. Dort haben Versicherer mehr Spielraum als in der Schweiz, beispielsweise in der Auswahl von Leistungserbringern. Gleichzeitig ist die Zusammenarbeit zwischen Staat und Versicherern oft enger und mehr konsensorientiert. In der Schweiz ist dieser Spielraum stärker eingeschränkt. Hier könnte man überlegen, ob mehr Flexibilität zu Effizienzgewinnen führen würde. 

Gab es in den Resultaten des Vergleichs Aspekte, die Sie überrascht haben?

Besonders interessant finde ich die Frage nach den Anreizen für Krankenversicherungen in der Schweiz. In der Grundversicherung dürfen sie keine Gewinne ausschütten, müssen alle Versicherten aufnehmen und haben gleichzeitig nur begrenzten Handlungsspielraum. Mehr Spielraum besteht bei Zusatzversicherungen, aber nicht alle Versicherer bieten diese an.  Das führt zur Frage: Was ist eigentlich die Zielsetzung einer Krankenversicherung in einem solchen System und welche Anreize bestehen, effizient zu arbeiten oder Kosten zu senken? Diese Frage möchten wir in künftiger Forschung vertiefen.

Lukas Kauer et al.
Regulated Competition in Health Insurance Markets on Two Sides of the Atlantic
Journal of Economic Perspectives, Volume 40, American Economic Association, 2026
Open-Access-Aufruf


Der vorgestellte Publikation ist im Mai 2026 in der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift Journal of Economic Perspectives erschienen. Anders als bei klassischen wissenschaftlichen Zeitschriften soll hier ein Überblick über ein bestimmtes Thema geboten und für ein breiteres Fachpublikum zugänglich gemacht werden. Es handelt sich bei der Publikation um einen Essay, wobei keine Datenanalysen oder neue Modelle eingeführt wurden. Beteiligt waren Forschende aus der Schweiz (Universität Luzern), den USA (Harvard Medical School), Deutschland (Bundesamt für Soziale Sicherung) und den Niederlanden (Erasmus University Rotterdam).

Katja Haas

Verantwortliche Wissenstransfer und Kommunikation an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin