Anja Nunyola Glover (33), Masterabsolventin in Kulturwissenschaften, ist Soziologin, Autorin, Moderatorin und Social Entrepreneur. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit Rassismus, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und sozialer Gerechtigkeit auseinander.
Anja Nunyola Glover, wie sah Ihr Weg vom Studium an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu Ihrem heutigen Tätigkeitsfeld aus?
Anja Nunyola Glover: Ich war schon vor dem Studium journalistisch tätig und habe währenddessen immer parallel gearbeitet. Einerseits war das finanziell notwendig, andererseits wollte ich das Berufsleben bewusst neben dem Studium erleben. Dadurch verlief mein Einstieg in die Arbeitswelt fliessend. An meinem Studium schätzte ich besonders die vielen Wahlfreiheiten – so konnte ich mich früh auf die für mich wichtigen Themen fokussieren, insbesondere auf Fragen rund um Rassismus und soziale Gerechtigkeit.
Gibt es eine Erinnerung an Ihr Studium, die Ihnen besonders geblieben ist?
Direkt am ersten Tag habe ich meine besten Freundinnen kennengelernt. Rückblickend hätte ich mich vielleicht noch stärker ins Unileben einbringen können. Besonders präsent ist mir auch meine Bachelorfeier 2017: Ich erhielt eine Auszeichnung für meine Abschlussarbeit und durfte eine Rede halten – und dies an meinem Geburtstag!
Sie sind Inhaberin einer eigenen Kreativagentur mit thematischem Schwerpunkt auf Rassismus und Diversität. Wie kam es dazu und was waren die Herausforderungen?
Ich war bereits während des Studiums selbstständig. Später gründete ich mit meinem damaligen Vorgesetzten eine Kommunikationsagentur. Er war bis 2020 Mitinhaber und hat mich unterstützt, gerade am Anfang, als ich wenig Erfahrung hatte. Die grösste Herausforderung war der Zeitpunkt: Kurz nach der Gründung kam Corona, und Aufträge blieben aus. Zudem wusste ich, dass ich keine klassische Kommunikationsagentur führen wollte. Ich wusste noch nicht genau, wohin es geht – aber ich wusste sehr klar, dass ich selbstbestimmt arbeiten will und meine Themen setzen möchte.
Wer sich selbstständig machen möchte, sollte den Fokus auf das ‹Machen› legen.
Was würden Sie Studierenden raten, die sich selbstständig machen möchten?
Unbedingt machen und den Fokus auf das «Machen» legen. Formalitäten sind wichtig, aber entscheidend ist der Mut, anzufangen. Man muss nicht sofort eine GmbH gründen; Selbstständigkeit kann auch neben einer Anstellung wachsen.
Welche Aspekte Ihres Studiums waren besonders hilfreich?
Inhaltlich habe ich enorm profitiert. Mein Buch «Was ich dir nicht sage» basiert unter anderem auf meiner Masterarbeit. Ich habe mich früh auf Ethnografie spezialisiert. Bei dieser Forschungsmethode geht es darum, zu beobachten, wie Menschen in ihrem natürlichen Umfeld denken und handeln. Ich habe sowohl die Bachelor- als auch die Masterarbeit als Auto-Ethnografie geschrieben, also mich und mein eigenes Umfeld zum Gegenstand der Forschung gemacht. Diese methodische Freiheit war für mich zentral.
Was raten Sie Studierenden zu Studienbeginn?
Folgt euren Interessen! Ich glaube, heutzutage reicht ein Abschluss allein nicht aus. Um etwas daraus machen zu können, braucht es Leidenschaft und persönliches Interesse. Und: Lest die Reglemente genau. Wer die Spielräume kennt, kann das Studium flexibel gestalten und beispielsweise Praktika anrechnen lassen. Gerade das Studium in Kulturwissenschaften bietet viele Wahlmöglichkeiten. Nutzt diese. Gleichzeitig, möchte ich anmerken, dass man für diese Freiheit auch der Typ sein muss. Manche brauchen vielleicht mehr Struktur. Ich habe die Freiheit immer sehr geschätzt.
Für viele Studierende ist es Realität, während des Studiums arbeiten zu müssen, auch wenn dies die Studiendauer verlängern kann. Welche Ratschläge würden Sie diesen Personen geben?
Ich halte es gerade in den Sozialwissenschaften für sinnvoll, neben dem Studium zu arbeiten. Theorie und Praxis sollten sich ergänzen: Ich glaube, man muss daher auch Teil des sozialen Geschehens sein, und die Berufswelt ist ein grosser Teil davon. Gleichzeitig würde ich heute bewusster Zeit fürs Unileben einplanen. Die Studienzeit vergeht schnell. Man sollte nicht nur im Produktivitätsgedanken behaftet sein, sondern auch mal wirklich geniessen: Also zum Beispiel, dass man einfach in ein Seminar sitzen, zuhören und diskutieren kann. Das würde ich heute oft gerne machen.
Gibt es eine bestimmte Botschaft in «Was ich dir nicht sage», die Sie gezielt an Studierende richten würden?
Ich möchte dazu ermutigen, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen – nicht nur individuell, sondern auch strukturell. Es braucht die jungen Leute und Studierenden, die mitdenken und hinterfragen. Meine Botschaft ist: Wissen nicht nur konsumieren, sondern kritisch mitdenken, hinterfragen und mitgestalten.
Welchen Rat geben Sie Studierenden, die sich für soziale Gerechtigkeit oder gegen Rassismus engagieren wollen?
Ich würde das auf jeden Fall empfehlen, weil ich hier dringenden Handlungsbedarf sehe. In unserer starken Ausrichtung auf die Arbeitswelt geht solches Engagement oft unter. Gerade die Leidenschaft dazu sollte im Studium entwickelt werden, ohne Sorge zu haben, dass das später «brotlos» ist. Wer sich ernsthaft für Themen interessiert, kann sich damit auch beruflich weiterentwickeln. Seinen Interessen zu folgen und sich zu engagieren, zahlt sich aus. Mein eigener Werdegang zum Beispiel ist nicht geradlinig oder klassisch, meine Berufschancen aber sind aktuell gut.
Was konnten Sie aus dem Studium mitnehmen und was waren neue Lernmomente?
Ich habe gelernt, mehrere Projekte parallel zu verfolgen. Auch wenn Multitasking oft eine negative Konnotation hat, beschreibt es mein Leben ziemlich gut. Ich habe immer mehrere Projekte gleichzeitig verfolgt. Heute sieht es vielleicht so aus, als wäre alles erfolgreich gewesen. Ich bin aber auch oft gescheitert. Deshalb sage ich immer: einfach machen. Ich fände es schlimmer, später sagen zu müssen, dieses oder jenes gerne gemacht zu haben, es aber zu kompliziert war. Selbstständigkeit und eigene Projekte auszuprobieren ist schwierig, aber es lohnt sich.
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