Arendt, Freud und Einstein: Die Geschichte des Judentums ist geprägt von bekannten Intellektuellen. Doch ein Blick über die grossen Namen hinaus eröffnet neue Perspektiven auf die jüdische Geschichte und das vielfältige Alltagsleben der Jüdinnen und Juden weltweit.

Frau Pliska aus Bessarabien (heute Moldau) kauft Gemüse von Eliahu Abraham, einem ehemaligen Schauspieler aus Bagdad, im Transitlager Kfar Ono, Israel, 1951. (Bild: Teddy Brauner, Quelle: National Photo Collection of Israel)

Die Thematik, wie Gesellschaften ihre Geschichtsbilder konstruieren, gehört zu den umstrittensten überhaupt. Besonders komplex verhält es sich mit der Geschichte ethnoreligiöser Minderheiten wie den Juden in der Diaspora, welche in vielen Ländern der Welt leben. Zahlreiche Akteure wie politische Parteien oder christliche Gruppen versuchen, ihre jeweiligen Vorstellungen von der jüdischen Geschichte durchzusetzen. Da in verschiedenen europäischen Ländern jüdische Geschichte oft genutzt wird, um gegenwärtige Probleme zu erklären, entsteht ein Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen der nichtjüdischen Mehrheit und jüdischen Perspektiven.

Intellektuelle als Teil der Populärkultur

Oft wird die jüdische Geschichte zudem auf die Geschichte von «grossen Männern» reduziert. Für viele Menschen in der Schweiz, Deutschland und Österreich sind vor allem deutschsprachige jüdische Intellektuelle ein erster Anknüpfungspunkt. Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud und die Philosophin Hannah Arendt wurden bereits zu Lebzeiten durch ihre Forschung bekannt. Freuds Theorien der Psychoanalyse sind bis heute massgebend für Diskussionen über die Aufarbeitung von Traumata. Arendts Beitrag zur Theorie des Totalitarismus beschäftigt seit Jahrzehnten die Forschung zu Diktaturen. Gleichzeitig sind beide Intellektuellen Teil der Populärkultur geworden – mit Freud- und Arendt-Puppen, Comicbüchern und Cartoons. Infolgedessen stehen Arendt, Freud sowie Albert Einstein, Elias Canetti oder Franz Kafka für viele Menschen stellvertretend für das Judentum als Ganzes: also intellektuell, sprachlich sehr gewandt und bürgerlich geprägt. Zudem sind unsere Vorstellungen vom Judentum durch Filme und Bücher geprägt. Diese definieren in einem grossen Mass, wem Aufmerksamkeit geschenkt wird und welche Erfahrungen ausgeblendet bleiben.

Lebenswelten einfacher Juden

Die Fokussierung auf grosse jüdische Intellektuelle überschattet allerdings die alltäglichen Lebenserfahrungen vieler Juden. Vor dem Holocaust, im Jahr 1939, lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Osteuropa (etwa 7,5 Millionen, und im übrigen Europa ca. 1,3 Millionen). Zu dieser Zeit waren viele Juden in Polen, Rumänien oder Litauen mehrheitlich im Kleinhandel und im Handwerk tätig und lebten oft in einem der Schtetlech, weit entfernt von den Metropolen. Jüdische Geschichte ist auch die Geschichte dieser Menschen: die eines orthodoxen Bürstenmachers aus der litauischen Provinz, eines armen Mädchens aus der heutigen Ukraine, das seine Faszination für den Zionismus entdeckt, oder einer Warschauer jüdischen Frau, die früh im Leben in die Prostitution gerät. Der Zugang zu den Lebenswelten einfacher Juden ist durch zahlreiche Quellen möglich. Für die 1920er- und 1930er-Jahre bieten jüdische Presse sowie persönliche Dokumente wie Erinnerungen und Autobiographien Einblicke in zentrale Themen der jüdischen Welt: Konflikte zwischen frommen Eltern und einer sich von der Religion entfernenden Jugend, das leidenschaftliche zionistische oder sozialistische politische Engagement junger Menschen sowie die Spannung zwischen jüdischer Identität und kultureller Integration in das nichtjüdische Umfeld.

Globale Perspektive auf das Judentum

Die Aufgabe für Historikerinnen und Historiker besteht auch darin, den Erfahrungen durchschnittlicher Menschen und der jüdischen Geschichte ausserhalb der kulturellen Elite Aufmerksamkeit zu schenken. Seit den 1980er-Jahren untersuchen Historikerinnen und Historiker zunehmend die Lebenswelten jüdischer Frauen, die über Jahrhunderte aus der jüdischen öffentlichen Sphäre ausgeschlossen waren. Die jüdische Vergangenheit wird heute zudem klar als globale Geschichte erforscht. Forschende, die sich mit Lateinamerika beschäftigen, haben dargelegt, dass jüdische Einwanderung keinen Bruch mit Europa darstellte, sondern den Beginn intensiver transatlantischer Verflechtungen markierte. Die Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in den arabischen Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen, wie intensiv die kulturelle Integration in nichtjüdische Gesellschaften in Nordafrika und im Nahen Osten war. Die neueste historische Forschung beschäftigt sich mit Fragen zu jüdischen «Randgruppen», etwa jüdischen Waisenkindern, älteren Juden im Holocaust oder den Erfahrungen von Jüdinnen und Juden, die heute als queer beschrieben werden könnten. Die stärkere Verankerung eines Verständnisses jüdischer Geschichte als Geschichte von Menschen jenseits der grossen Intellektuellen stellt eine vielversprechende Aufgabe für die Zukunft dar.

Es handelt sich bei diesem Artikel um eine leicht abgewandelte Fassung einer Kolumne, die am 16. Mai 2026 im «Willisauer Boten» erscheint.

Aktuelles Interview mit Professor Mariusz Kalczewiak

Antrittsvorlesung von Mariusz Kalczewiak

Das Thema von «Zentrum und Rand in der jüdischen Geschichte» bildet den Schwerpunkt der Antrittsvorlesung von Professor Mariusz Kalczewiak am 19. Mai 2026 um 18.15 Uhr an der Universität Luzern. Die Vorlesung ist öffentlich.

Foto Mariusz Kalczewiak

Mariusz Kalczewiak

Professor für Jewish Studies am Historischen Seminar
www.unilu.ch/mariusz-kalczewiak