Drei Tage im UN-Sicherheitsrat: Wie ein Austauschsemester in Belgien Diplomatie erlebbar machte
Zwischen Nervosität, Schlafmangel und grossen geopolitischen Fragen wird Diplomatie plötzlich greifbar. Die Masterstudentin Chantal Hüsler berichtet vom akademischen Höhepunkt ihres Austauschsemesters: drei intensive Tage bei Model United Nations (MUN) Belgium – eine realitätsnahe Simulation des UN-Sicherheitsrats in Belgien.
Meine Hände zittern leicht. Nervös schweift mein Blick über die aufmerksamen Gesichter der gut gekleideten Delegationen. Im Rahmen einer Model-United-Nations-Simulation schlüpfen Studierende in die Rolle realer UN-Diplomatinnen und -Diplomaten. Vier belgische Universitäten hatten ihre Masterstudierenden ein Semester lang auf diesen Moment vorbereitet.
Während der nächsten drei Tage werden wir unsere Verhandlungsfähigkeit, unser geopolitisches Wissen und unser strategisches Geschick unter Beweis stellen dürfen. Das Thema ist die Arktis, das Forum der UN-Sicherheitsrat.
Ein rhetorisches Schachspiel
Und da sitzen wir nun: in Schale geworfen, mit Flaggen ausgestattet und eisernem Fokus. Offiziell anmutende Schilder präsentieren die Staaten, welche die zweiköpfigen Delegationen vertreten. Mein Genter Kommilitone, ein aufgeweckter Jurist namens Matties, und ich repräsentieren Kanada .
Keine leichte Ausgangslage, denn Kanada hat aktuell keinen Sitz im UN-Sicherheitsrat und damit auch kein Stimmrecht. Entsprechend können wir unsere Interessen nicht mit Macht, sondern ausschliesslich mit Appellen an die Moral, Verweisen auf das internationale Recht und durch geschickte Allianzen durchsetzen.
Lasst die Spiele beginnen
Wir haben uns monatelang vorbereitet, Strategien diskutiert und Positionen geschärft. Als Matties mir das Opening Statement überlässt, ist das ein bewusster Vertrauensbeweis – und ein kleiner Sprung aus meiner Komfortzone. Auf den Notizblock, den wir zur stummen Kommunikation nutzen, hat er „You’ve got this“ gekritzelt. Sein kurzer, ermutigender Blick reicht. Dann übernehme ich.
„Honorable Chair, esteemed fellow delegates (…)“
Vorsichtig tastet sich meine Stimme ins Rampenlicht vor. Die eine Minute des Opening Statements dehnt sich, nun da ich selbst sprechen muss. Ich spüre die konzentrierten Blicke der anderen Delegationen auf mir.
Eine gute Bilanz
Und plötzlich übernimmt die Zuversicht. Das dumpfe Gefühl der Zeitlupe löst sich auf, der Sekundenzeiger nimmt an Fahrt auf und in einem Wimpernschlag ist der erste Tag vorbei. Wir ziehen Bilanz: Wir konnten gemeinsame Interessen mit der russischen und der amerikanischen Delegation ausmachen. Die französische Delegation hat als Mediator positioniert. Die chinesische und britische Delegation fokussieren sich auf die Klimapolitik und die sozialen Komponenten. Das sind Interessen, die sich mit Kanadas Zielen decken.
Entscheidend ist: Für jedes unserer Anliegen haben wir mindestens eine Unterstützung aus dem Kreis der P5-Mächte – der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats mit Vetorecht (USA, Russland, China, Frankreich und Grossbritannien). Wenn wir unsere Karten richtig spielen, können wir unsere strategischen Ziele ohne Stimmrecht durchbringen. Der Rat unserer Coachin und Dozentin hallt in meinen Kopf wider: «Make them think it’s their idea!»
Die Bleistift-Offensive
Genau das tun wir und starten am zweiten Tag unsere Bleistift-Offensive: Matties widmet sich unserem territorialen Anspruch in der Nordpassage der Arktis, ich konzentriere mich auf die nukleare Abrüstung. Unsere Forderungen fliessen in zwei sogenannte „Working Papers“ ein – Entwürfe für mögliche Resolutionen.
Da wir als Observer State kein Stimmrecht besitzen, müssen wir sicherstellen, dass unsere Ideen durch die Agenden mächtiger Staaten getragen werden. Sobald abgestimmt wird, haben wir selbst keinen Einfluss mehr.
Der verflixte 3. Tag
Die Emotionen kochen hoch, die Stimmung kippt Übernächtigte Delegationen versuchen in den letzten verbleibenden Stunden ihre Ziele zu retten. Der diplomatische Feinschliff weicht offenem Werben um Unterstützung. Die Redefrequenz steigt, ein Delegierter zerreisst dramatisch seine Resolutionsskizze, erste Tränen fliessen. Auch bei uns wächst die Anspannung.
Das energische Klopfen eines Holzhammers beendet das Chaos. Die Professorinnen und Professoren, die den Chair, darstellen rufen zur Abstimmung auf. Delegation für Delegation werden unsere Resolutionen angenommen. Ungläubig schaue ich zu meinem Co-Delegierten. Er grinst: „That’s it! We did it – we made it happen!“
Die grösste Ehre im MUN
Doch ganz vorüber ist es noch nicht. Der Chair bedankt sich in einer kurzen Rede für das Engagement aller Delegationen. Dann werden die Diplomacy Awards angekündigt – die höchste Auszeichnung, die bei einer MUN-Konferenz vergeben wird. Für einen Moment rauscht es in meinen Ohren. Der Schlafmangel fordert seinen Tribut. «Canada.» Das Wort reisst mich zurück. Wir haben gewonnen.
Unter Applaus nehmen wir den Award entgegen. Diesmal zittern meine Hände kein bisschen. Was als Simulation begann, endet als intensive Lektion in Diplomatie, Vertrauen und Zusammenarbeit – und als eines der prägendsten Erlebnisse meines Austauschsemesters in Belgien.
Dieser Artikel wurde von Chantal Hüsler, Masterstudentin in Global Studies, verfasst.
