Religion und Musik gehören untrennbar zusammen. An der Sommerakademie der Professur für Dogmatik und des Ökumenischen Instituts an der Universität Luzern wurde das nicht immer spannungsfreie Verhältnis von Theologie und Musik untersucht.

Foto: R. Conciatori

Wenn nach fünf Tagen Vorträgen, Workshops, Konzerten und Fachgesprächen eine Bilanz zur Sommerakademie "Theologie und Musik in Luzern" (4. bis 8. Juli 2019) gezogen werden soll, dann mit einer Aussage von Franz Karl Prassl vom Liturgischen Institut der Universität Graz. Er betonte in seinem Vortrag, dass es Aufgabe der Musik der Kirche sei, das Wort der – Heiligen – Schrift und der Liturgie zum Klingen zu bringen.

Wie alles begann

Doch zum Verhältnis von Musik und Theologie wurde an der Akademie weit vor die klassische Kirchenmusik zurückgeschaut. Thomas Staubli, Oberassistent TF Uni Fribourg, Kodirektion BODO, war für den erkrankten Luzerner Neutestamentler Robert Vorholt eingesprungen. In seinem Workshop über die Aufführungspraxis von Psalmen in biblischer Zeit hob er die im Orient starke Verbindung von Musik und Bild hervor. Dies erlaubte, sich – samt Hörprobe einer Grabestrompete! – dieUrtümlichkeit von Ton und Instrumenten dieser Zeit festzumachen.

Musikalischer Schmelztiegel Konstanz

Ein Dauerthema war während den fünf Tagen der gregorianische Gesang. Diese sich über die Jahrhunderte weiterentwickelnde und dabei die Kirchenmusik sehr prägende Form des einstimmigen monastischen Gesangs gilt als bedeutende Grundlage geistlicher Musik. Doch die Kirchenmusik schöpfte auch aus weiteren Quellen.

Durch die Nähe von Adel und Kirche im Mittelalter und darüber hinaus entwickelten sich in ganz Europa unterschiedliche Stile, die auch in der geistlichen Musik zum Ausdruck kamen. Beim Konzil von Konstanz (1414 bis 1418) trafen – zusammen mit ihrer Herrschaft – Musikanten des Kontinents aufeinander. Dies, so der Tübinger Musikwissenschaftler Stefan Morent, führte am Rand der Konzilsdebatten zu einem regen Austausch und gegenseitiger Bereicherung der Musizierenden.

Neue Rolle für die Gottesdienstgemeinde

Mit immer neuen Instrumenten, der Vergrösserung von Chören und Orchestern und der Weiterentwicklung von Kompositionstechniken veränderte sich die geistliche Musik in den vergangenen Jahrhunderten laufend. Und sie tut es bis heute, wie Alois Koch, emeritierter Professor für Kirchenmusik in Luzern, am Beispiel von Schweizer Komponisten und ihren Werken in der Zeit des II. Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) zeigte. Auch wenn diese Werke nicht für alle gleichermassen zugänglich seien, so müssten sie als ihrer Zeit verpflichtete Auseinandersetzung mit Musik in und für die Liturgie verstanden werden.

Verschiedentlich wurde in den Referaten und Diskussionen die für die Kirchenmusik einschneidenden Veränderungen durch die Liturgiereform im 20. Jahrhundert gezeigt. Alois Koch verwies auf die neuen Rollen, denen sich die Kirchenchöre, aber auch die Gemeinde als Ganzes ausgesetzt sahen: Die Chöre, damit vertraut, die Liturgie zu begleiten, waren stark, aber wenig offen für Neues. Die Gemeinde umgekehrt geriet auch unter Druck, weil sie neu in das "kirchenmusikalische Gesamtkunstwerk" einbezogen wurde.

Die Kernfrage bleibt sich gleich

Die Liturgiereform erforderte eine Erneuerung der Kirchenmusik, die, so Koch, aber kaum stattfand. Dass Organistinnen und Organisten heute nicht selten eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn die Nummern der Kirchenlieder mitgeteilt bekommen, verunmögliche es, die Musik als gestaltendes Element in der Liturgie einzusetzen. Wenn aber, um noch einmal Franz Karl Prassl zu zitieren, Musik das Wort der Schrift und der Liturgie zum Klingen bringen soll, brauche es eine engere Zusammenarbeit zwischen Kirchenmusikern und Liturgen, wie mehrmals betont wurde.

Die Sommerakademie bot einerseits dem Fachpublikum ein sehr breites Spektrum zur Auseinandersetzung mit Fragen von Theologie und Musik. Dazu wurde jeden Abend ein öffentlicher Anlass – ein Vortrag und vier Konzerte – angeboten. Darunter als Blick über das Christentum hinaus auch ein Gagaku, eine Aufführung buddhistischer Ritualmusik aus Japan. Die Nähe von wissenschaftlicher Debatte und Kulturangebot verlieh der Akademie bei diesem Thema einen passenden Rahmen.

 

Martin Spilker ist Redaktor bei der Onlineplattform kath.ch und Mitglied des Institutsrats des Ökumenischen Instituts Luzern.

 

Judith Wipfler machte die von Yoshiro Shimizu an der Sommerakademie "Theologie und Musik in Luzern" in Wort und Ton vorgestellte japanische Ritualmusik Gagaku auf "Radio SRF 2 Kultur" in der Sendung "Heute mal asiatisch?! - Geistliche Musik im Buddhismus" zum Thema (Ausstrahlung am Sonntag, 04.08.2019, 08.30 Uhr).

 

 

Impressionen

24. Juli 2019