Kirchen sprechen heute aus einer anderen Situation
Die überarbeitete Charta Oecumenica wurde 2025 in Rom unterzeichnet. Lea Schlenker, Co-Leiterin der zuständigen KEK-Arbeitsgruppe, sprach in Luzern über die Konsequenzen für die ökumenische Zusammenarbeit.
Am 5. November 2025 unterschrieben der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Erzbischof Nikitas, und der Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), Erzbischof Gintaras Grušas, in Rom eine neue Fassung der Europäischen Charta Oecumenica. Lea Schlenker war im Namen der Konferenz Europäischer Kirchen KEK Co-Leiterin der Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der Charta Oecumenica und Referentin des Forums «Wie die Kirchen Europas der Ökumene verpflichtet bleiben» des Ökumenischen Instituts am 23. April 2026. Das Forum wurde mitgetragen von der Christkatholischen Kirche Luzern.
Lea Schlenker, die Charta Oecumenica wurde bereits nach 25 Jahren überarbeitet. Was gab den Ausschlag dazu?
Lea Schlenker: Zum einen kam der Anstoss aus den Kirchen selbst. Die Konferenz Evangelischer Kirchen hat vor rund 10 Jahren die Mitgliedkirchen gefragt, wie mit der Charta gearbeitet wird. Das Ergebnis war sehr unterschiedlich, von starker Verwendung bis zu keinem Bezug. Doch auch dort, wo die Charta eingesetzt wurde, hiess es: Das ist schön und gut, entspricht aber nicht mehr dem Stand der Dinge.
Lässt sich das konkretisieren?
Ende der 1990er-Jahre, als die Charta verfasst wurde, befand sich Europa in einer Neuorientierung: Es war das Ende des Kalten Krieges mit den starken Gegensätzen zwischen Ost und West, die EU formierte sich. Das hat sich ganz stark verändert.
Und doch gibt es, mit Blick auf die Kirchen, nach wie vor sehr grosse Unterschiede. Wo stellen Sie hier Veränderungen fest?
Da sind einmal die Kirchen, die lange Zeit Mehrheitskirchen waren – die evangelische und römisch-katholische Kirche in Deutschland wie auch in der Schweiz, aber auch in Skandinavien, die um die Jahrtausendwende in gesellschaftspolitischen Fragen das direkte Gegenüber des Staates waren. Heute stellen auch diese Kirchen eine Stimme der Zivilgesellschaft dar. Die Säkularisierung hat sich in den vergangenen 25 Jahren so schnell entwickelt, dass die Situation, aus der Kirchen sprechen, eine ganz andere geworden ist, dass andere Akteure, Akteurinnen einen Platz haben, der im Gespräch mit den Kirchen berücksichtigt werden muss.
Dazu gab es politische Entwicklungen im Raum der orthodoxen Kirchen in Europa. Auch diese waren stark Nationalkirchen. Doch die politischen Veränderungen haben vor den Kirchen nicht Halt gemacht. Sehr deutlich wurde dies im Verhältnis zu Russland seit dem Krieg in der Ukraine. Und eine wesentliche Veränderung hat sich auch im Bereich der Migration gezeigt.
Können Sie Beispiele nennen, die sich konkret auf das Thema Ökumene auswirken?
Durch die Migration haben wir eine viel stärkere Präsenz von pfingstlerischen, charismatischen Kirchen und evangelikalen Strömungen, die gar nicht etablierter Teil des ökumenischen Prozesses waren. Diese Kirchen sind viel fluider. Man weiss auch noch gar nicht, wie wir dies künftig fassen sollen. In Deutschland beispielsweise wird hier noch um Begriffe gerungen, da stellt sich die Frage, ob diese nun «ausländische» oder «Gastkirchen» genannt werden sollen.
Fördern solche Diskussionen den ökumenischen Dialog eher oder erschweren sie ihn?
Sowohl als auch. Hier kommt es darauf an, wie die früheren Mehrheitskirchen sich verhalten. Sind sie bereit, auf diese zuzugehen, mit ihnen zu kooperieren? Das würde ich mir wünschen. Die Erfahrung zeigt aber, dass man sich in Krisenzeiten eher nach innen richtet. Das ist ebenfalls legitim und hat manchmal auch ganz praktische Gründe: Muss sich eine Kirchgemeinde entscheiden, ob sie 20'000 Franken in ökumenische Beziehungen oder in die eigene Jugendarbeit investieren soll, wird sie sich sagen, dass die Menschen der eigenen Gemeinde im Vordergrund stehen sollen.
Gab es bei der Überarbeitung der Charta nicht Bedenken, dass hier bloss ein neues Papier geschaffen wird, das diese Fragen auch nicht lösen kann?
Zu Beginn des Arbeitsprozesses gab es tatsächlich Stimmen, die sagten: Ein Dokument wird uns nicht helfen und wir wissen nicht, in welcher Situation die Kirchen in weiteren 20 Jahren stehen werden. Für die Arbeitsgruppe war das denn auch ein ständiges Ringen: Was nehmen wir neu rein? Was lassen wir weg? So galt es, aktuelle Ereignisse während des Prozesses zu prüfen und sich vorzustellen, was zu diesem Thema in 10 Jahren wichtig sein könnte. Das war eine sehr spannende Arbeit.
Die Charta hat die Kirchen in Europa im Blick. Sie haben die Migrationsströme bereits angesprochen und Europa kann nicht isoliert von den Geschehnissen der Weltlage betrachtet werden. Wie ist die Arbeitsgruppe an diese Herausforderung herangegangen?
In der Gruppe konnten wir sehr offen diskutieren. In der Kommunikation mit den Mitgliedkirchen kamen aber tatsächlich bei Themen wie Krieg und Frieden oder Beziehungen zum Judentum und Islam sehr unterschiedliche Haltungen zutage. Das lag einerseits an aktuellen Bezügen, wie dem Krieg in Gaza oder der Ukraine, aber auch an historischen Erfahrungen. Im Verlauf des Prozesses haben wir uns bemüht, einen Ausgleich herzustellen, mit dem wohl nicht alle zufrieden sein werden, doch ohne in eine Beliebigkeit zu verfallen. Aber das gehört wohl zu einem Konsensdokument.
Und wie gelingt nun die Vermittlung der neuen Charta Oecumenica in die Gemeinden?
Ich bin realistisch und gehe davon aus, dass die wenigsten Seelsorgerinnen und Seelsorger den Text lesen werden. Doch was für eine einzelne Person, für eine Gemeinde wichtig sein kann, das ist, dass die Charta bei ökumenischen Projekten als Referenzrahmen verwendet werden kann. Es sind darin konkrete Leitsätze und Verpflichtungen, die zur Zusammenarbeit inspirieren können. Wenn daraus vor Ort ein Projekt entsteht, ist das bedeutend. Und das macht mir Hoffnung.
Herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.
Interview: Martin Spilker
Zur Person
Geboren 1992 in Ulm, ist Lea Schlenker noch bis Ende Juni als Assistentin am Institut für Historische Theologie an der Universität Bern tätig. Parallel arbeitet sie beim Lutherischen Weltbund als Programmbeauftragte für Globale Lutherische Theologie in Genf.
Lea Schlenker studierte evangelische Theologie in Tübingen, Basel und Dunedin (Neuseeland) sowie Islamische Theologie im europäischen Kontext (M.A.) in Tübingen und Istanbul. In ihrer Dissertation an der Universität Tübingen erforscht sie alltagstheologische Verständnisse von «Essen» in islamischen und christlichen Traditionen. Lea Schlenker ist Quaestora der «Societas Ethica» und wirkt im Redaktionsteam des Predigt-Podcasts «Stückwerk» mit.
Sie selbst sagt von sich, sie interessiert sich für «die Schwelle», das Dialogische, die Vermittlung – ob innerhalb des Christentums oder zwischen den Religionen.
