«Reue ist das Gegengift zur Selbstgerechtigkeit»

Warum etwas bereuen und bedauern, das in der Vergangenheit liegt und sich sowieso nicht ändern lässt? Die Philosophin Barbara Bleisch schärfte im Rahmen der Presidential Lecture den Blick dafür, warum diese Emotionen nicht nur berechtigt sind, sondern uns weiterbringen.

Die Referentin Barbara Bleisch (Bild: Roberto Conciatori)

«Non, rien de rien, je ne regrette rien»: Édith Piafs inbrünstiger Abgesang auf die Reue hat sich in die Ohren ganzer Generationen eingeschlichen. Mindestens so inbrünstig plädierte Barbara Bleisch vor ausgebuchtem Haus an der Universität Luzern dafür, Gefühle des Bereuens und Bedauerns zuzulassen. Dies im Gegensatz nicht nur zu Piaf, sondern auch zu Nietzsche oder Spinoza, zwei grosse Philosophen, die diesen Gefühlen nicht viel abgewinnen konnten, da sie zusätzlichen Kummer stiften und das Geschehene nicht ungeschehen machen würden. Warum also der Reue noch Raum geben und sich mit einem schlechten Gewissen plagen? 

Vom Nutzen der Reue

Barbara Bleisch näherte sich an ihrem «Presidential Lectures»-Vortrag der Reue von allen Seiten und kam zum Schluss, dass Reue zuweilen nicht nur aus moralischen Gründen gefordert ist, sondern uns sogar nützt. So erkenne, wer diese Empfindung zulässt, woran ihm etwas liegt, was im Leben vielleicht zu kurz gekommen ist. Das könne uns die nötige Kraft verleihen, eine Entscheidung zu überdenken, sie rückgängig zu machen, oder in Zukunft etwas anders anzugehen. 

Reue habe aber auch einen moralischen Grund: Wer jemandem Unrecht tut und es danach aufrichtig bereut, hat ein Unrechtsbewusstsein und bemüht sich im besten Fall, dieses Unrecht nicht zu wiederholen. So gesehen sei die Reue eine Form der moralischen Demut, «das Gegengift zur Selbstgerechtigkeit».  Selbstgerecht ist, wer sein Fehlverhalten vor sich selbst rechtfertigt, um das unangenehme Gefühl der Reue zu vermeiden und stattdessen sich selbst ins Recht zu setzen. «Das ist heute weit verbreitet», so Barbara Bleisch.

Entscheiden bedeutet immer auch Verzichten

Und letztlich handle es sich beim Gefühl der Reue schlicht und einfach um ein existenzielles Bedauern: Dieses Bedauern, eine Möglichkeit nicht zu ergriffen zu haben, obwohl wir genau wüssten, dass es gute Gründe gab, sich dagegen entschieden zu haben. Barbara Bleisch zum Beispiel hätte, wie sie erzählte, nach dem Doktorat ein Stellenangebot in Deutschland annehmen können. «Aber meine Kinder waren noch klein, ich konnte mir nicht vorstellen, sie unter der Woche kaum zu sehen. Und die ganze Familie zum Umziehen nötigen, das wollte ich auch nicht.» Zudem hatte sie eine Stelle beim Fernsehen, die sie auch erfüllte. Trotzdem trauere sie manchmal der Option nach, nicht an der Uni geblieben zu sein. 

Das innere Rumoren, dieses Gefühl des Bedauerns, sei in diesen Fällen nicht Ausdruck davon, etwas falsch gemacht zu haben. «Wehmütig zurückblicken ist eine ganz normale Begleitmusik der menschlichen Angewohnheit, sich weit mehr zu erträumen, als in unserem kurzen Leben Platz hat.» Man könne nun mal nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

Nicht zu streng mit sich sein 

Barbara Bleischs Plädoyer, Gefühlen der Reue und des Bedauerns Raum zu geben, ist aber keinesfalls als Aufforderung zu verstehen, sich ständig Vorwürfe zu machen oder in Selbstmitleid zu versinken, wie sie betonte. Vielmehr riet sie zu einem weicheren, verständnisvolleren Blick auf uns und auf unsere Vergangenheit. 

Allzu oft würden wir retrospektiv denken, dass wir anders hätten entscheiden sollen. Doch in vielen Fällen hätten wir es schlicht nicht besser wissen können. Ob Erfahrungen, die wir im Lauf des Lebens machen, ob Entscheide, die wir treffen; beides verändert uns. «Wir bilden neue Präferenzen aus, während wir andere Vorlieben verlieren», so Barbara Bleisch. Wir seien oft unwissend, wie eine Erfahrung unser Wertesystem und damit uns selbst verändern wird. Deshalb gebe es keinen Grund, sich im Nachhinein etwas vorzuwerfen. 

Reue und Bedauern zu empfinden sind letztlich normale Begleiterscheinungen eines Lebens, das sterblich ist. Ein Leben zu führen mit dem Ziel, keine falschen Entscheide zu fällen, um sie im Nachhinein nicht zu bereuen, würde nur dazu führen, sich gar nicht zu entscheiden, wie es Barbara Bleisch in der anschliessenden Fragerunde auf den Punkt brachte. 

Lieber gross träumen als ohne Sehnsüchte sein

Dem Bedauern ganz aus dem Weg gehen zu wollen, würde schlicht bedeuten, sich nicht zu erlauben, gross zu träumen oder andere Existenzweisen auch für attraktiv zu halten. Aber wer will ein Leben ganz ohne Sehnsüchte führen? «Lieber überschäumend vor Träumen und Sehnsüchten sein und einsehen müssen, dass nicht alles gelebt werden kann, was einen reizt.» 

So unangenehm das Gefühl der Reue auch ist: Barbara Bleisch zeigte eindringlich auf, dass die Vorstellung, wonach eine solche Emotion unnütz und unter allen Umständen zu vermeiden sei, weder klug noch moralisch angebracht ist.

Barbara Bleisch ist Philosophin, Moderatorin, Autorin und Dozentin. Sie unterrichtet an der Universität Luzern in den Weiterbildungsstudiengängen «MAS Philosophie + Management» und «CAS Leadership & Excellence in Argumentation + Diskurs».

«Meet and Greet» für Schülerinnen und Schüler

Begleitend zu den Presidential Lectures bietet die Universität Luzern das Format «Meet and Greet» für Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klasse von Kantonsschulen an. Es ermöglicht Schulklassen, in einem separaten Rahmen mit der bzw. dem jeweiligen Referierenden ins Gespräch zu kommen.

Diese Gelegenheit nutzten aktuell knapp 20 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Reussbühl in Luzern. Sie bereiteten im Vorfeld Fragen zum Thema «Was schulden jugendliche/erwachsene Kinder ihren Eltern?» vor, um mit Barbara Bleisch in den direkten Austausch zu treten.

Das Angebot «Meet & Greet» ist Teil der Schnupper- und Förderangebote der Universität Luzern.

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