«Menschen, die Asyl suchen, sind nicht das Problem»

Sollten alle Menschen ein Recht auf Asyl haben und ist dies umsetzbar? Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger argumentiert in einem Aufsatz, dass die Europäische Union die ethische Pflicht und notwendigen Ressourcen habe, um mehr Menschen in Not Asyl zu bieten.

Random pedestrians from directly above
Bild: istockphoto.com/georgeclerk

In einem neuen Aufsatz im wissenschaftlichen Journal «De Ethica» analysiert Peter G. Kirchschläger die Fragen nach dem Recht auf Asyl und dessen Umsetzung durch Staaten aus ethischer Perspektive. Der Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE kommt zum Schluss, dass diese Forderungen nicht nur gerechtfertigt sind, sondern auch, dass die Europäische Union für noch deutlich mehr Menschen in Not Asyl bieten müsste.

Im Jahr 2024 suchten 981'319 Menschen Asyl in der Europäischen Union (European Union Agency for Asylum EUAA). Die EU besteht aus 86’061 Gemeinden. Wenn man alle Menschen auf der Suche nach Asyl gleichmässig auf alle Gemeinden verteilen würde, ergäbe dies 12 Personen pro Gemeinde. Dabei ist zu beachten, dass in dieser Berechnung Grossstädte wie Rom mit 2,76 Millionen oder Berlin mit 3,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner sogar ebenfalls als jeweils nur eine einzige Gemeinde gerechnet werden. 

Dieser mathematische Zugang zeigt auf, dass es genügend Platz und Ressourcen für Menschen in Not gäbe, die aufgrund von Verfolgung, Hungersnot, Armut sowie prekären wirtschaftlichen und klimatischen Bedingungen fliehen müssen. Es gäbe auch einen erheblichen Spielraum für einen möglichen Ausgleich bei sehr kleinen Gemeinden, so Peter G. Kirchschläger. Seine Analyse stellt zudem die Ausgaben für Asyl und Migration den Einnahmeverlusten durch unternehmerische Steuervermeidung gegenüber, die sich 2024 auf 100 Milliarden Euro beliefen. Sein Fazit: Die EU müsste für noch deutlich mehr Menschen in Not Asyl bieten.

Den Rahmen für diese ethische Analyse bildet das Entscheidungsfindungs-Modell SAMBA, das Prof. Dr. Peter Kirchschläger entwickelt hat. Es zeigt, dass das Recht auf Asyl ethisch zwingend begründbar ist: universal, unveräusserlich und unabhängig von staatlicher Beurteilung. Im Artikel wird zudem die Unterscheidung zwischen Menschen auf der Flucht oder auf der Suche nach Asyl und Menschen, die migrieren, hinterfragt und die grundsätzliche Beliebigkeit und Willkür von Grenzen problematisiert. Essenziell bei der Thematik sei, so Kirchschläger, dass die Hilfesuchenden nicht zu Sündenbücken gemacht würden, wie das leider immer wieder vorkomme. Denn: «Die Menschen, die Asyl suchen, sind nicht das Problem.»

Peter G. Kirchschläger
Seeking Asylum, Not Looking for Being the Scapegoat. An Ethical Analysis of the Discourse About Humans Seeking Asylum
De Ethica: Vol. 9, Nr. 3, 2026
Aufsatz lesen (Open Access)

Über das Thema sprach Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger im Ethik-Podcast EthiKosmos mit Nicolas Stilter:
Staffel 3, Episode 10 (24. April 2026)
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