Der Komponist Wolfgang Rihm hat zahlreiche geistliche Werke verfasst. Im Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Ulrich Konrad erzählte er von seiner Arbeit als Künstler und dem Stellenwert von Musik und Theologie heute.

Wolfgang Rihm (links) im Gespräch mit Ulrich Konrad (Foto: R. Conciatori)

In der heutigen Zeit seien Gott, die Liebe und der Tod die drei grossen Themen, die Menschen beschäftigen, sagte Ulrich Konrad zu Beginn des Künstlergesprächs mit Wolfgang Rihm, welches am 2. September 2019 unter dem Titel "Die Macht der Musik" an der Universität Luzern stattfand. Vom deutschen Komponisten wollte er wissen, ob in der Musik denn etwas Göttliches sei. Sein Gegenüber wägt seine Worte sorgfältig ab.

Durch Musik wird etwas ge-macht

Musik sei ein Phänomen, dem wir uns sprachlich nur annähern könnten. Ob sie göttlich sei, liess er offen. Sicher sei Musik eine heilige Kunst, so Rihm. Aber daraus könne auch Unheiliges entstehen. Auf alle Fälle werde durch Musik etwas ge-macht, wie Rihm es ausdrückte. Mit dem Wortspiel nahm er einerseits das Motto "Macht" des Lucerne Festivals 2019 auf, andererseits auch die Frage der Macht in der Musik in ihrem Verhältnis zu Glaube, Spiritualität und Theologie, unter welcher der Gesprächsabend stand.

Er aber, so Rihm, mache die Musik nicht. Er reagiere vielmehr auf etwas, was bereits da sei. "Kunst entsteht durch Kunst", so der vielfach ausgezeichnete Komponist. Dies geschehe in der Gesellschaft selbst: "Komponieren ist kein schöpferischer Prozess. Ich erfinde etwas und daraus kann Musik entstehen." Wenn er in voller Konzentration bei der Arbeit sei, spricht er aber auch in Dankbarkeit von der Gnade, etwas bekommen zu haben, das vorher nicht da war.

Da ist jemand, der gibt

Wolfgang Rihm schlägt geradezu einen spirituellen Ton an, wenn er sagt, er sei sich bewusst, dass ihm diese Momente nicht gehören. Er könne aber allein durch seine Kenntnisse und Begabung das Ergebnis seiner Arbeit nicht herbeiführen. Vielmehr werde es herbeigeführt.

Ulrich Konrad reagierte auf den Begriff Begabung, in dem das Wort geben stecke. "Ist da jemand, der gibt?", wollte er vom Komponisten wissen. Was Wolfgang Rihm durchaus bejahte: "Ich kenne Momente, wo die Arbeit mich führt", sagte er. Aber die meiste Zeit sei das nicht so, fügte Rihm lachend hinzu. Geistliche Musik, ein intimer Ort.

Als ein zeitgenössischer Komponist, der viele geistliche Werke geschaffen hat, ist für Wolfgang Rihm die Auseinandersetzung mit Religion ein wichtiges Thema. Die kirchliche Obrigkeit würde heute zwar nicht mehr entscheiden, welche Werke aufgeführt werden dürfen und welche nicht. Geistliche Musik könne wegen ihren Bezügen aber auch eine Hypothek sein, sagte er.

Themen, die den Menschen bewegen

Ob der Inhalt sakraler Musik denn auch dem geistlich-seelischen Zustand des Komponisten entspreche, wollte Ulrich Konrad sodann wissen. Rihm wollte nicht von einem geistlichen Zustand sprechen. Ihm gehe es vielmehr darum, sich religiösen Texten und Inhalten zu stellen, weil er daran wachsen wolle. Aber er tue das, weil er es wolle und weil er eine "Sehnsucht verspüre, mit meinen Werken etwas auszulösen".

Im Zentrum seiner geistlichen Musik steht der leidende Gott. Für Wolfgang Rihm ist es entscheidend Fragen aufzugreifen, die den Menschen bewegen, die Frage nach dem Leid und dem Tod. Er sieht sich hier aber nicht als "Besserwisser", sondern versteht seine Musik als Anregung zur Auseinandersetzung. Manchmal, so Rihm, geniere er sich gar, biblische oder religiöse Texte als Grundlage seiner Kompositionen zu nehmen. "Der Text ist ja schon grossartig! Was braucht es mich noch dazu?", frage er in die Runde.

Unbekannte Tonmittel

Als zeitgenössischer Komponist sieht sich Rihm aber auch Unverständnis ausgesetzt. Er erklärt sich dies mit den von ihm gewählten unbekannten Tonmitteln, die nicht alle mit den verwendeten religiösen Texten verbinden könnten. Hier ist der Komponist jedoch überzeugt, dass zeitgenössische geistliche Musik in Zukunft Aufmerksamkeit erhalten werde. – Wie dies früher auch erfolgt sei. Mit "nur positiv endender Musik" kann Rihm in der heutigen Zeit allerdings nichts anfangen.

Wenn mehr als eine Stunde über Musik und Theologie diskutiert wird, ohne dass ein Ton erklingt, fehlt jedoch etwas. Ulrich Konrad lud darum das Publikum zum Abschluss dazu ein, sich Musik von Wolfgang Rihm anzuhören und sich davon bereichern zu lassen.

Der Anlass "Die Macht der Musik" wurde vom Ökumenischen Institut an der Theologischen Fakultät in Luzern in Zusammenarbeit mit dem Lucerne Festival und der Katholischen Kirche Stadt Luzern durchgeführt.

 

Martin Spilker ist Redaktor bei der Onlineplattform kath.ch und Mitglied des Institutsrats des Ökumenischen Instituts Luzern.

 

 

Informationen zur Veranstaltung.

 

 

Beispiele geistlicher Werke von Wolfgang Rihm:

"Deus Passus" (Gott, der gelitten hat), Oratorium auf der Grundlage der Passionsgeschichte im Lukasevangelium (geschrieben 2000).  https://gloria.tv/video/kmw6WV84v4QT4BmEgznrLNjBL

"Requiem Strophen", Totenmesse, bei der die Texte des "klassischen" Requiems aus der Erinnerung des Komponisten zusammengestellt sind (geschrieben 2015/2016). https://www.br.de/mediathek/video/chor-und-symphonieorchester-des-br-mariss-jansons-dirigiert-rihm-av:59e692aa10571b00129a061f

 

Artikel "Dirigenten, die bestimmen und Komponisten, die schweben" aus der Luzern Zeitung.

 

Impressionen

9. September 2019