Kann mit Rückgriff auf die Verschiedenheit der Menschen Ungerechtigkeit entschuldigt oder legitimiert werden? Diese Frage stand im Zentrum der internationalen Tagung "Jedem das Seine? – Mir Alles!" und wurde aus philosophischer und theologischer Perspektive kritisch beleuchtet.

Die beiden Organisatoren der Tagung, Prof. Dr. Christine Abbt und Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger, in der Diskussion

Unter der gemeinsamen Leitung von Prof. Dr. Christine Abbt, SNF-Förderprofessorin in Philosophie, und Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger, ordentlicher Professor für Theologische Ethiktrafen sich am 19. März Forscherinnen und Forscher aus dem In- und Ausland zur gemeinsamen Diskussion über das Verhältnis von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Ausgangslage war die sowohl für die philosophische als auch für die christliche Wirkungsgeschichte zentrale Vorstellung von Platon des Je-Seinigen, wonach jeder und jedem aufgrund der individuellen Fähigkeiten genau eine bestimmte Position in der Gesellschaft zustehe, um das Seinige zu tun und sich nicht in Vielerlei einzumischen. Auf der einen Seite scheint dies eine gerechte Lösung zu sein, weil sie allen Personen unabhängig ihrer Tätigkeit Bedeutung beimisst und ihren jeweiligen Platz in der Gesellschaft anerkennt. Auf der anderen Seite jedoch lauert darin gerade die Legitimation, bestimmte Personen aufgrund ihrer scheinbar natürlich gegebenen kulturellen, religiösen oder nationalen Zugehörigkeit zu diskriminieren und ungleiche Machtverhältnisse zu zementieren. In die äusserste Perversion getrieben, fand sich die Inschrift "Jedem das Seine" am Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald, von innen lesbar an die Lagerinsassinnen und -insassen gerichtet.

Menschenrechte sind kein Individualismus

In den Einführungen gingen die Organisatorin und der Organisator dann auch auf die kritische Dimension einer Legitimation von Ungerechtigkeit durch Differenz ein. Während Christine Abbt anhand eines aktuellen Negativbeispiels der Essener Tafel aufzeigte, inwiefern nicht die Bedürftigkeit, sondern die Nationalität eines Menschen ausschlaggebend für die Hilfeleistung ist, betonte Peter G. Kirchschläger aus einer ethischen Perspektive, dass die Menschenrechte das Individuum in einer Beziehung zu allen anderen Menschen verstehen. Obwohl die Menschenrechte zwar unabhängig einer Gruppenzugehörigkeit jedem Menschen zustehen, könne man nicht von Individualismus sprechen. Denn die Menschenrechte müssten auch mit allen geteilt werden.

Platon als Feminist avant la lettre?

PD Dr. Béatrice Lienemann (Goethe-Universität Frankfurt am Main), die erste Referentin des Tages, unterzog Platons "Politeia" einer wohlwollenden Re-Lektüre und unterstrich, dass es Platon primär um den Erhalt von Ordnung und Harmonie ging und weniger um die Ermöglichung individueller Freiheit und Gleichheit. Und gleichzeitig sei er aber einer der Ersten gewesen, der die geschlechtliche Rollenverteilung kritisch hinterfragt habe und eine Differenzierung zwischen den relevanten und nicht relevanten Geschlechtsunterschieden vornahm. Auf Lienemanns rhetorische Frage, ob Platon also als Feminist avant la lettre betrachtet werden könne, reagierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit skeptischem Schmunzeln. Prof. Dr. Robert Vorholt (Exegese des Neuen Testaments, Universität Luzern) weitete die theologische Perspektive mit einem Referat über Paulus als Mediator zwischen Starken und Schwachen aus. Ausgehend vom Ersten Korintherbrief zeigte Vorholt exemplarisch anhand der Götzenopferfleisch-Debatte und den Missständen beim Herrenmahl auf, inwiefern auch Paulus immer wieder zwischen Ordnung und Stabilität einerseits und Inklusion andererseits auszutarieren hatte.

"Ausser-Ordentliches" und "reflexive Unparteilichkeit"

Prof. Dr. Hille Haker (Loyola University Chicago) fragt in ihrem Vortrag nach dem "Ausser-Ordentlichen" der Gerechtigkeit. Es gelte, auf einer Metaebene die Landkarte der Gerechtigkeit abzustecken und deren Grenzen genauer unter die Lupe zu nehmen. Neben der Ordnung des Gerechten und Ungerechten müsse nach dem der Gerechtigkeit Äusserlichen gefragt werden. Auf das Moment zwischen gerecht und ungerecht und zwischen Ordnung und Freiheit zielte auch Prof. Dr. Georg Lohmann (Universität Magdeburg) mit seinem Referat über die reflexive Unparteilichkeit. Ihm geht es unter anderem darum, dass Gesetze nicht nur unparteilich angewendet werden, sondern auch unparteilich zustande kommen. Prof. Dr. Filip Karfik (Universität Fribourg) rundete die Tagung mit seinen Reflexionen über das achte Buch der "Politeia" ab und betonte, dass auch Platon sich für eine gemischte Verfassung aussprach. Es ist schliesslich das kontinuierliche Aushandeln der bestehenden Ordnungsstrukturen, das sich von dem kontinuierlichen Fragen nach Gerechtigkeit nicht trennen lässt, um den Spagat zwischen Ordnung und Harmonie einerseits und Freiheit und Autonomie andererseits immer wieder von Neuem zu meistern.

Text und Fotos: Daniela Herzog, wissenschaftliche Hilfsassistentin SNF-Förderprofessur Philosophie

26. März 2018