«Wichtiger Informationsauftrag für die Öffentlichkeit»

Das Langzeit-Forschungsprojekt «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» wurde 2025 mit dem «Open Science Award» der Universität Luzern ausgezeichnet. Ko-Projektleiterin Anne Beutter erklärt, weshalb es so wichtig ist, dass Forschungsdaten frei zugänglich sind.

Kartografisch sichtbar gemachte Religionsvielfalt: Ausschnitt aus der interaktiven Karte des Projekts, das einen Teil der Stadt Luzern zeigt.

Anne Beutter, worum geht es beim Projekt «Religionsvielfalt im Kanton Luzern»?

Anne Beutter: Dieses dokumentiert seit 2002 die gesamte religiöse Landschaft des Kantons Luzern – über zweihundert Glaubensgemeinschaften mit Adressen, Kurzbeschreibungen und Bildmaterial. Die gesammelten Daten werden kontinuierlich aktualisiert und frei verfügbar online bereitgestellt, sodass sie von Bürgerinnen und Bürgern, Schulen, Behörden und Forschenden leicht genutzt werden können. Durch begleitende Formate wie Broschüren, Audioguides, Quiz Angebote, Podcasts, Unterrichtseinheiten und Multimediareportagen wird das Wissen zudem anschaulich und interaktiv vermittelt. Leider ist aufgrund von übergeordneten Sparvorgaben zu erwarten, dass das Projekt zusammen mit der Professur für Religionswissenschaft schon bald aus dem Angebot der Universität verschwinden wird.

Was ist das Besondere an den erhobenen und zur Verfügung gestellten Daten?

Foto Anne Beutter
Dr. Anne Beutter war bis Ende 2025 Ko-Leiterin des Projekts «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» und bis Ende Januar 2026 Oberassistentin am Religionswissenschaftlichen Seminar. Aktuell arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin (PostDoc) an der Universität Bremen.

Eine Besonderheit ist ganz klar die Dauer der Dokumentation. So können wir nicht nur das aktuelle Bild, sondern auch langfristige Veränderungsprozesse nachzeichnen, insbesondere auch das Verschwinden oder das Hinzukommen von Gemeinschaften. Das bleibt in kurzfristigeren Studien dieser Art unsichtbar. Im Falle des Kantons Luzern, wo es keine staatliche Stelle gibt, die sich mit der Vielzahl der hier ansässigen Religionsgemeinschaften befasst, nehmen wir mit den frei zur Verfügung gestellten Informationen auch einen wichtigen Informationsauftrag für die Öffentlichkeit wahr.

Woran wird gerade gearbeitet? Was sind die nächsten grösseren Arbeitsschritte?

In diesem Jahr stehen die Archivierung und die Nachnutzung der Daten im Zentrum. Einerseits werden die Projektdaten über das Universitätsarchiv langfristig gesichert. Andererseits sind wir daran, die verschiedenen Komponenten der heutigen Plattform wie Karte, Bilder, Beschreibungen und auch die Datenbank im Hintergrund so aufzubereiten, dass sie in passende Repositorien und Fachdatenbanken aufgenommen werden können. Die Fotos werden beispielsweise als Sammlung in die digitale Kulturgüterplattform ZentralGut integriert. Dort sind die Bilder unter Creative-Commons-Lizenzen frei zur Nachnutzung zugänglich. So erweitern sie das Bildgedächtnis der Zentralschweiz, das heute unter dem Stichwort «Religion» vor allem christliche Kirchen und Friedhöfe präsentiert, ab den 2000er-Jahren mit neuen, religionspluralen Komponenten.

Können Sie kurz beschreiben, wie Sie Open Science in Ihrem Forschungsbereich umsetzen?

Ich persönlich versuche, z.B. möglichst viele Publikationen Open Access zu realisieren und mache dabei auch Forschungsdaten über digitale Anhänge zugänglich. Im Rahmen dieses Projekts haben wir, nebst der Einbindung der Religionsgemeinschaften im Sinne von Citizen Science, verschiedene Formate von Open Educational Ressources wie Podcasts, Multimediareportagen und Lehreinheiten entwickelt, die über die Plattform zur freien Verfügung stehen. Wir veröffentlichen die Daten hinter der Dokumentation in einschlägigen Repositorien und ermöglichen so über die Lebensdauer des Projekts hinaus neue Synergien.  

Welche Tipps würden Sie jungen Forschenden geben, die Open Science in ihre Arbeit integrieren möchten?

Ganz praktisch: Überlegt euch frühzeitig, wie und wo ihr Open-Access-Publikationen realisieren könnt. Und etwas grundsätzlicher: Macht euch klar, dass ihr euch durch eure Forschung in jedem Fall Ressourcen aus einem Feld aneignet, die ihr zu eurem eigenen Fortkommen in wissenschaftliche Publikationen verarbeitet. Betrachtet es als Teil eurer wissenschaftlichen Integrität, dass die Menschen, die euch diese Ressourcen zugänglich machen, auch etwas aus dieser Begegnung gewinnen.

Das Interview führte Dominik Matter vom Open-Science-Team der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern

Das mit dem Open Science Award ausgezeichnete Team bestand aus den Ko-Leitenden Prof. Dr. Martin Baumann und Dr. Anne Beutter sowie dem wissenschaftlichen Projektmitarbeiter Dr. Andreas Tunger-Zanetti und der Sekretärin Maria Ettlin-Niederberger. Websitebereich «Religionsvielfalt im Kanton Luzern»
 

Open Science und Open Science Award

Bei «Open Science» handelt es sich um eine globale Bewegung, die Offenheit und Transparenz in der Wissenschaft verlangt und vorantreibt. Das heisst, wissenschaftliche Informationen und Prozesse sollen, soweit ethisch und rechtlich möglich, frei zugänglich und optimal nutzbar sein. Dies kann sich auf Publikationen beziehen (Open Access), Lehr- und Lernmaterialen (Open Educational Resources), Daten (Open Research Data), Code (Open Source) oder weitere wissenschaftlich relevante Bereiche. Open Science erhöht die Sichtbarkeit von Forschungsleistungen, trägt zu Innovation bei und fördert Zusammenarbeit.

Die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, swissuniversities, hat sich durch die nationale Open-Access-Strategie sowie durch die nationale Open-Research-Data-Strategie zum Ziel gesetzt, Open Science an den Schweizer Hochschulen umzusetzen. Mit ihrer Open Science Policy hat sich auch die Universität Luzern hinter dieses Anliegen gestellt. Zusammen mit der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, trifft die Universität Massnahmen, um Forschende für das Thema zu sensibilisieren und Informationen bereitzustellen. Dies beinhaltet unter anderem Informationsveranstaltungen wie die «Open Access Week» oder die «Love Data Week», Workshops, individuelle Beratungen, die Bereitstellung von Infrastruktur, das Open-Science-Ambassador-Programm sowie den Open Science Award.

Der Open Science Award wird von der Universität jährlich vergeben: Ausgezeichnet werden Forschende, die in besonderem Masse Aspekte von Open Science in ihrer Forschungstätigkeit umsetzen. Der Preis ist mit 1000 Franken dotiert und wird im Rahmen des Dies Academicus verliehen. Ausgewählt werden die Preisträgerinnen und -preisträger von einer Jury, die aus Angehörigen jeder Fakultät besteht. 
Ausschreibung 2026