Welches Wissen zählt? Konflikte zwischen Stadt und Land

Ein neues Forschungsprojekt unter der Leitung von Joachim Blatter (Universität Luzern) und Lukas Haffert (Universität Bremen) untersucht, welche Rolle Wissenskonflikte in politischen Spannungen zwischen Stadt und Land spielen. Das Projekt wir vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) mit rund 1,16 Mio. Franken gefördert.

(Symbolbild; Komposition: ©istock.com/Mystockimages ; ©istock.com/Michael Derrer Fuchs)

In vielen Ländern nehmen die politischen Unterschiede zwischen Stadt und Land zu. Dies zeigt sich bei Wahlen, Abstimmungen und Debatten über Themen wie Klima, Covid-Politik oder die europäische Integration. Menschen in Grossstädten vertrauen Expertinnen und Experten sowie Institutionen eher, während auf dem Land Skepsis gegenüber Fachleuten vorherrscht.

Ein zentrales Element dieser Stadt-Land-Unterschiede ist das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Menschen in ländlichen Gebieten fühlen sich oft übersehen, missverstanden oder nicht ernst genommen – Forschende sprechen hierbei von «ortsbezogenem Groll» oder englisch «place-based Resentment». Dazu gehört häufig die Wahrnehmung, dass Entscheidungen aus weit entfernten Städten die spezifischen Lebensbedingungen auf dem Land nicht berücksichtigen. Bisherige Forschung erklärt solches ortsbezogenes Resentment oft damit, dass bestimmte Regionen politisch unterrepräsentiert oder wirtschaftlich «abgehängt» seien – Umstände allerdings, von denen in der Schweiz kaum die Rede sein kann. Warum also treten solche Gefühle auch hierzulande auf?

Kaum erforscht bisher ist die Wissensdimension des ortsbezogenen Grolls. 
Viele Menschen fühlen sich durch Fachsprache, komplex formulierte Vorschriften oder akademische Denkweisen ausgeschlossen. Gerade im ländlichen Kontext empfinden manche, dass ihr auf praktischen Erfahrungen oder der Nähe zur Natur basierendes Wissen nicht ernst genommen wird. Solche Wahrnehmungen könnten für politische Spannungen zwischen Stadt und Land aber von zentraler Bedeutung sein. Das Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Blatter, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Luzern, und Prof. Dr. Lukas Haffert (Universität Bremen), untersucht deshalb Konflikte um Wissen als womöglich entscheidenden Faktor in Stadt-Land-Konflikten.

Für die Studie werden Menschen in der Schweiz und Ostdeutschland befragt. Die Schweiz verfügt über eine stark auf Wissen und Dienstleistungen gestützte Wirtschaft und strukturell gefestigte ländliche Regionen. Ostdeutschland hingegen ist von wirtschaftlichen Umbrüchen, politischer Unterrepräsentation und demografischem Wandel geprägt. Durch den Vergleich lässt sich untersuchen, ob wissensbezogenes Resentment vor allem dort entsteht, wo die Transformation zu einer Wissensökonomie weit fortgeschritten ist oder auch in solchen Regionen, wo das nicht der Fall ist.

In Kleingruppendiskussionen wird analysiert, wie Menschen über Expertise, Alltagserfahrungen und «gesunden Menschenverstand» sprechen. Auf dieser Grundlage soll ein Fragebogen für eine repräsentative Bevölkerungsbefragung entstehen. So wird klar, wie verbreitet wissensbezogener Groll ist und ob er Vertrauen, Wahlverhalten oder Einstellungen zu Klima, Gesundheit und anderen Politikbereichen beeinflusst. Die Erkenntnisse des Projekts sollen dabei helfen, eine klarere und ortsspezifischere öffentliche Kommunikation sowie wirksamere politische Massnahmen zu ermöglichen.

  • Projektleitung:  Prof. Dr. Joachim Blatter, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politische Theorie (Universität Luzern); Prof. Dr. Lukas Haffert, (Universität Bremen)
  • Originaltitel des Projekts und Übertragung ins Deutsche: «Knowledge, Epistemic Marginalization, and the Politics of Resentment», («Welches Wissen zählt? Konflikte zwischen Stadt und Land»)
  • Projektmitarbeitende: Dr. Maurits Heumann, wiss. Mitarbeiter (Universität Luzern) 
  • Projektdauer: 48 Monate
  • Bewilligte Fördersumme: 1.16 Mio. Franken (gerundet)

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Magazinbeitrag zur vorangegangenen Stadt-Land-Studie unter Co-Leitung von Joachim Blatter