Verhalten und Gefühle: Zusammenhänge werden im Rückblick überschätzt

Menschen mit einer psychischen Belastung überschätzen rückblickend besonders stark, in welchem Masse ihr Verhalten, ihre Gefühle und Symptome zusammenhängen. Dies zeigt eine Studie unter Beteiligung der Universität Luzern.

A change in perspective can help solve a problem
(Symbolbild: ©istock.com/PeopleImages)

In der Psychotherapie spielen Selbstberichte eine zentrale Rolle. Während der Therapiesitzungen oder mithilfe klinischer Fragebögen werden Patientinnen und Patienten gebeten, sich an ihre Erlebnisse und Gefühle der vergangenen Tage oder Wochen zu erinnern und zu beurteilen, inwiefern diese miteinander zusammenhängen, wie z. B. «Wann treten Ihre Symptome auf?» oder «Was beeinflusst Ihre Stimmung?». Solche Angaben bilden häufig die Grundlage für Diagnosen sowie für die Planung und Anpassung von Behandlungen.

Erinnerungen stimmen jedoch nicht immer mit dem überein, was Menschen im Alltag tatsächlich erleben. Damit Fehlschlüsse in der klinischen Praxis vermieden werden können, untersuchte Dr. phil. Julia Jeannine Schmid, Oberassistentin an der Fakultät für Verhaltenswissenschaften und Psychologie, gemeinsam mit ihrem Forschungsteam, wie gut rückblickende Einschätzungen die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Verhalten, Gefühlen und Symptomen widerspiegeln.

An der Studie nahmen 280 Personen teil: 118 mit einer Depression, 47 mit sozialer Phobie und 115 psychisch gesunde Kontrollpersonen. Während einer Woche protokolierten die Teilnehmenden sechsmal täglich per Smartphone ihre aktuellen Erlebnisse, Gefühle und Symptome. Anschliessend schätzten sie rückblickend ein, wie stark diese jeweils miteinander zusammenhingen.

Rückblickende Einschätzungen überschätzen Zusammenhänge

Der Vergleich zwischen den Echtzeitdaten und den rückblickenden Einschätzungen zeigte deutliche Unterschiede. Die Teilnehmenden berichteten rückblickend, dass bestimmte Symptome und Gefühle wie z. B. eine schlechte Schlafqualität und eine negative Stimmung enger zusammenhingen, als die im Alltag erhobenen Echtzeitdaten zeigten.

Bei Personen mit einer Depression war die Überschätzung am grössten. Beispielsweise schätzten sie den Zusammenhang zwischen depressiven Symptomen und ihrem Gesundheitsverhalten als mittstark ein, die Echtzeitdaten allerdings zeigten keinen Zusammenhang.

Überzeugungen statt Alltagserfahrungen

Die Forschenden schliessen aus den Ergebnissen, dass Menschen beim Rückblick nicht nur auf ihre konkreten Alltagserfahrungen zurückgreifen, sondern auch auf intuitive Überzeugungen darüber, wie Verhalten, Gefühle und Symptome zusammenhängen, wie etwa auf die Annahme, dass Stress zwangsläufig unglücklich macht.

Die Ergebnisse zeigen, dass rückblickende Selbstauskünfte und Echtzeitmessungen unterschiedliche Aspekte psychischer Erfahrungen erfassen. Rückblickende Einschätzungen spiegeln eher die subjektiven Überzeugungen einer Person wider, während Smartphone-basierte Echtzeitdaten eine wesentlich genauere Annäherung dazu liefern, wie Verhalten, Gefühle und Symptome im Alltag zusammen auftreten.

Bedeutung für die Psychotherapie

Rückblickende Selbstauskünfte und Echtzeitmessungen per Smartphone sollten deshalb nicht als austauschbar betrachtet werden. In Kombination können sie ergänzende Erkenntnisse liefern und helfen, psychotherapeutische Behandlungen besser auf einzelne Patientinnen und Patienten abzustimmen.

Julia J. Schmid et al.
Beliefs about relationships between symptoms and experiences in daily life: Evidence from experience sampling and self-report in individuals with or without major depression or social phobia
Behaviour Research and Therapy, 2026
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