Thessaloniki: Spurensuche im «Jerusalem des Balkans»
Unter dem Titel «Thessaloniki – Jerusalem des Balkans» reisten 20 Studierende der Universität Luzern, der Hochschule Luzern und der PH Luzern vom 1. bis 7. September 2026 nach Nordgriechenland. Im Zentrum standen religiöse und kulturelle Vielfalt, Erinnerungsarbeit und das Verhältnis zwischen Religionsgemeinschaften und griechischem Staat.
Thessaloniki ist eine Stadt, die ihre Geschichte nicht auf den ersten Blick preisgibt. Zwischen belebten Strassen, modernen Geschäften und mediterraner Gelassenheit liegen die Spuren einer Vergangenheit, in der das Judentum, Christentum und der Islam über Jahrhunderte hinweg das Stadtbild prägten.
Eine jüdische Stadt und ihre Leerstellen
Bereits der erste Stadtrundgang führte durch das ehemals jüdisch geprägte Ladadika-Viertel. Kaum etwas erinnert daran, dass dieses Viertel einst ein Zentrum jüdischen Lebens war. Der Stadtführer machte gleich zu Beginn darauf aufmerksam, dass Thessaloniki über Jahrhunderte stark von der sephardisch-jüdischen Bevölkerung geprägt war, wie es bereits im vorbereitenden Seminar thematisiert worden war. Der verheerende Stadtbrand von 1917 machte Zehntausende von ihnen obdachlos, und der Wiederaufbau sowie die damit verbundene Ansiedlung anderer Bevölkerungsgruppen verhinderten, dass viele ins Zentrum zurückkehren konnten.
Die jüdische Geschichte der Stadt wurde damit nicht einfach als vergangenes Kapitel behandelt. Sie bot während der gesamten Reise Anlass zur Frage: Was bleibt von einer Gemeinschaft, wenn ihre Menschen verschwinden und ihre Orte ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren?
Besonders eindrücklich wurde diese Frage auf dem Gelände der heutigen Aristoteles-Universität. Was heute ein zentraler Ort des akademischen Lebens ist, war einst einer der grössten jüdischen Friedhöfe Europas. Der Friedhof wurde ab Dezember 1942 auf Betreiben der deutschen Besatzung zerstört, unter Beteiligung der städtischen Behörden. Die Grabsteine wurden daraufhin in der ganzen Stadt verbaut. Zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen eines Ortes treffen dort aufeinander. Wo heute Studierende zu Vorlesungen gehen, befand sich einst ein zentraler Ort der jüdischen Gemeinschaft Thessalonikis.
Auf den Spuren des Paulus

Die Reise führte auch auf die Spuren des Apostels Paulus und der frühen Ausbreitung des Christentums. Beim Besuch der Pauluskirche sowie weiterer frühchristlicher und byzantinischer Kirchen und Bauten zeigte sich, welche Bedeutung Thessaloniki bereits in der Antike für die Geschichte des Christentums hatte.
Paulus blieb nicht nur eine historische Figur. Besucht wurden die Orte, an denen sich seine Geschichte tatsächlich abgespielt hatte. Wie im Seminar erarbeitet, ist der erste Thessalonicherbrief das älteste schriftliche Zeugnis im ganzen Neuen Testament (etwa 50 n. Chr.) und verweist auf eine christliche Gemeinde, die bereits in der Antike in der Stadt bestand.
Auch die Rotunde und die Kirche Hagios Demetrios machten die lange christliche Tradition Thessalonikis erfahrbar. Mosaike, sakrale Räume und die byzantinische Architektur zeugen von einer religiösen Geschichte, die über Jahrhunderte hinweg weitergeschrieben wurde. Die Studierenden hielten ihre Referate nicht in einem Seminarraum, sondern direkt an den historischen Orten. Dadurch verbanden sich die Inhalte mit dem konkreten historischen und kulturellen Kontext der Stadt.
Wem gehört die Religion?
Neben der historischen Betrachtung stand die Gegenwart im Fokus: Wie ist das Verhältnis zwischen Staat und Religion in Griechenland gestaltet, vor allem in Thessaloniki selbst?
Im Gespräch mit Prof. Dr. iur. Vagias Karavas und bei seiner Diskussion mit dem griechisch-orthodoxen Priester Eusebios erhielten die Studierenden Einblicke in die besondere Stellung der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Griechenland. Diese Perspektive bot reichlich Diskussionsstoff. Dabei zeigte sich, wie stark die orthodoxe Tradition mit dem öffentlichen Leben in Thessaloniki und ganz Griechenland verbunden ist.
Damit verschob sich der Blick von der Vergangenheit in die Gegenwart. Das wirft die Frage auf, wie ein Staat mit religiösen Traditionen umgeht, die historisch und kulturell tief in seiner Gesellschaft verankert sind. Gerade diese Verbindung von historischen Beobachtungen und rechtssoziologischen Fragen machte den interdisziplinären Charakter der Studienreise aus. Religion wurde nicht nur als Glaubensfrage betrachtet, sondern ebenso als gesellschaftliche und rechtliche Realität.
Jüdisches Leben zwischen Erinnerung und Neubeginn
Wie stark jüdisches Leben einst zur Identität Thessalonikis gehörte, zeigte sich beim Besuch des Jüdischen Museums und der Monastirioton-Synagoge erneut.
Heute ist die jüdische Gemeinschaft der Stadt klein. Während sie vor dem Holocaust noch 70'000 Personen umfasste, zählt die heutige Gemeinde lediglich noch 800 Personen. Dennoch gibt es Bemühungen, jüdisches Leben sichtbar zu halten und neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen. Besonders das Gespräch mit Rabbiner Dr. Dayan in der Yad Lezikaron Synagoge gab diesen Bemühungen ein Gesicht. Dabei wurde deutlich, dass Erinnerung mehr sein kann als das Bewahren vergangener Geschichten. Sie stellt auch die Frage, wie eine Gemeinschaft nach einem historischen Bruch wie dem Holocaust weiterleben kann.
Zwischen Osmanischem Reich und griechischem Nationalstaat
Die Geschichte Thessalonikis ist jedoch nicht nur jüdisch und christlich geprägt. Ein Besuch im Geburtshaus von Mustafa Kemal Atatürk erinnerte an die osmanische Vergangenheit der Stadt.
Über Jahrhunderte war Thessaloniki Teil des Osmanischen Reiches. Erst 1912 kam die Stadt zu Griechenland. Mit dem politischen Wandel veränderte sich auch die Zusammensetzung der Bevölkerung. 1923 folgte der im Vertrag von Lausanne vereinbarte Bevölkerungsaustausch: Die muslimische Bevölkerung musste die Stadt verlassen, christlich-orthodoxe Geflüchtete aus Kleinasien kamen an ihrer Stelle. Das erklärt, warum von der jahrhundertelangen muslimischen Präsenz heute so wenig zu sehen ist.
Meteora: Zwischen Himmel und Erde
Nach den intensiven Auseinandersetzungen mit der Stadt bot der Tagesausflug nach Meteora einen bewussten Kontrast. Nach einer mehrstündigen Fahrt wurden die Felsformationen erreicht, auf denen orthodoxe Klöster thronen. Besucht wurden unter anderem das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit, das Grosse Meteoron-Kloster und das Varlaam-Kloster.
Die Klöster, hoch über der Landschaft gelegen, vermittelten einen anderen Zugang zur griechisch-orthodoxen Tradition. Nach den Gesprächen über Religion als gesellschaftliche und politische Institution war hier ihre spirituelle Dimension unmittelbar erfahrbar. Für einen Moment rückte die Frage, wie Religion gesellschaftlich organisiert wird, in den Hintergrund. Stattdessen standen die jahrhundertealte Mönchstradition, die abgeschiedene Lage der Klöster und die beeindruckende Landschaft im Zentrum. Meteora wurde so zu einem Moment der Ruhe innerhalb einer Reise, die ansonsten stark von historischen Brüchen und gesellschaftlichen Fragen geprägt war.
Jerusalem des Balkans

Nach einer Woche in Thessaloniki bleibt vor allem ein Eindruck zurück: Thessaloniki lässt sich nicht auf eine einzige Geschichte reduzieren. Ihr heutiges Gesicht ist aus zahlreichen historischen Schichten entstanden. Jüdisches Leben, frühes Christentum, byzantinische Tradition, osmanische Vergangenheit und griechische Gegenwart begegnen sich auf engem Raum.
Der Titel «Thessaloniki – Jerusalem des Balkans» stammt laut Martin Steiner «aus der jahrhundertelangen und reichen jüdischen Vergangenheit. Die Stadt war ein Zentrum jüdischen Lebens, der Kultur und der Gelehrsamkeit. ‹Jerusalem des Balkans› ist aber mehr als nur eine historische Bezeichnung. Der Titel verweist auf eine Stadt, deren Identität durch religiöse und kulturelle Vielfalt geprägt war und ist. Gleichzeitig erinnert die Geschichte Thessalonikis daran, wie verletzlich diese Vielfalt sein kann.»
Organisation und Durchführung

Die Studienreise wurde von Dr. theol. Martin Steiner als akademischem Leiter und Fabian Pfaff, MTh, als organisatorischem Leiter durchgeführt. Mitgewirkt haben Prof. Dr. iur. Vagias Karavas und PD Dr. theol. Lorenzo Scornaienchi.
Die Veranstaltung wurde vom Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF), der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern und der Hochschulseelsorge «Horizonte» des Campus Luzern getragen. Gefördert wurde die Veranstaltung durch die Katholische Kirche im Kanton Luzern und die Jurt-Stiftung.
Diese Studienreise findet vom 20.-26. August 2027 nochmals statt. Die Ausschreibung und Anmeldung erfolgen im Frühjahrssemester 2027.
Studierendenbericht von Ana Besic und Amelie Halbleib

