Rehabilitation in der Schweiz stärken: Handlungsempfehlungen für die Politik
Wo steht die Schweiz in Sachen Rehabilitation? Ein Policy Brief des Center for Rehabilitation in Global Health Systems zeigt, mit welchen Massnahmen die Rehabilitation in der Schweiz gestärkt werden könnte.
Eine alternde Bevölkerung und die Zunahme chronischer Erkrankungen stellen Gesundheitssysteme weltweit vor Herausforderungen. Auch in der Schweiz sind diese Entwicklungen sichtbar: Bereits heute lebt mehr als ein Drittel der Bevölkerung mit mindestens einer chronischen Erkrankung. Menschen werden zwar älter, verbringen aber auch mehr Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Rehabilitation spielt eine zentrale Rolle im Umgang mit diesen Entwicklungen. Sie umfasst Massnahmen, die darauf abzielen, neben der biologischen Gesundheit auch die so genannte Funktionsfähigkeit zu verbessern, also die Fähigkeit, den Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und somit eine möglichst hohe Lebensqualität zu erhalten.
Politisch anerkannt, strukturell wenig verankert
Mit der Annahme der Resolution zur Stärkung der Rehabilitation im Rahmen der World Health Assembly im Jahr 2023 hat die Schweiz deren Bedeutung offiziell anerkannt. Die Resolution definiert neun zentrale Handlungsfelder, darunter die Stärkung des nationalen Engagements und von Finanzierungsmechanismen sowie die Ausweitung von Rehabilitation auf alle Bereiche der Gesundheitsversorgung.
Dennoch ist Rehabilitation in der Schweizer Gesundheitspolitik sowie in nationalen Gesundheitsstrategien bislang noch nicht ausreichend verankert. Der Policy Brief des Center for Rehabilitation in Global Health Systems der Universität Luzern zeigt auf, dass zwischen Zielsetzung und konkreter Umsetzung weiterhin eine Lücke besteht und präsentiert Vorschläge, wie diese politisch angegangen werden kann.
Stakeholder-Umfrage zeigt relevante Herausforderungen in der Schweiz
Grundlage bildet eine nationale Umfrage unter zentralen Akteuren des Gesundheitssystems, darunter Gesundheitsfachpersonen, Patientinnen und Patienten, Versicherungsvertretende sowie Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsinstitutionen. Untersucht wurden die wahrgenommene Relevanz der neun Handlungsfelder der Resolution sowie zentrale Herausforderungen und Chancen für die Rehabilitation im Schweizer Gesundheitssystem aus Sicht dieser Akteure. Alle neun Handlungsfelder der Resolution wurden von den Befragten als hochrelevant eingestuft.
Die Ergebnisse betonen drei zentrale Herausforderungen: Erstens fehlt es der Rehabilitation in der Schweiz an politischer Sichtbarkeit und Priorisierung. Zweitens ist das System stark fragmentiert – unter anderem aufgrund föderaler Zuständigkeiten, unterschiedlicher Finanzierungsmodelle und ungleicher Zugangsbedingungen. Drittens bestehen deutliche Kapazitätsengpässe, etwa durch Fachkräftemangel, fehlende gemeindenahe Angebote und unzureichend koordinierte Versorgungsketten.
Gemeinsam mit Expertinnen und Experten entwickelten die Forschenden auf Basis dieser Erkenntnisse 22 politische Handlungsempfehlungen (siehe Infobox unten). Das Projekt wurde vom CRGHS unter der Leitung von Dr. Roxanne Maritz durchgeführt, unter Einbezug von Mitgliedern sowie des Advisory Boards des CRGHS und in Zusammenarbeit mit dem Advisory Board des Lucerne Initiative for Functioning, Health and Well‑being (LIFE) Forum Rehabilitation.
Chancen für die Schweiz
Die Schweiz verfügt über gute Voraussetzungen, um Rehabilitation zu stärken und in alle Bereiche der Gesundheitsversorgung zu integrieren. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Zunahme chronischer Erkrankungen dürfte die Bedeutung von Rehabilitation in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Die Publikation zeigt auf, dass bestehende Strukturen und Initiativen bisher nicht ausreichen, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden.
Laut den Projektbeteiligten bieten die erarbeiteten politischen Handlungsempfehlungen Schweizer Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in der Gesundheitspolitik eine Arbeitsgrundlage, um Versorgungslücken zu schliessen, die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern und langfristig Kosten zu senken. Gleichzeitig könnte sich die Schweiz als internationales Referenzbeispiel für die Umsetzung der WHO-Resolution positionieren.
Ergänzend entstehen bereits jetzt neue Initiativen wie das Swiss Rehabilitation Research Network, das vom Center for Rehabilitation in Global Health Systems gemeinsam mit der ETH Zürich und der Universität Bern gegründet wurde. Ziel ist es, die Forschung im Bereich Rehabilitation in der Schweiz stärker zu vernetzen und weiterzuentwickeln.
Der Policy Brief soll den Dialog über die Weiterentwicklung der Rehabilitation in der Schweiz fördern. Projektleiterin Dr. Roxanne Maritz steht politischen Entscheidungsträgern, Medienschaffenden sowie weiteren interessierten Akteuren für den Austausch und Gespräche gerne zur Verfügung.
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Zu den politischen Handlungsempfehlungen
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Fünf politische Themenfelder
Gemeinsam mit Expertinnen und Experten entwickelten die Forschenden 22 politische Handlungsempfehlungen. Die Empfehlungen lassen sich in fünf zentrale Themenfelder einordnen:
- Stärkung der strategischen Steuerung durch eine Koordinationsstelle auf Bundesebene und die Integration von Rehabilitation in der nationalen Gesundheitsstrategie.
- Nachhaltigere Finanzierung durch bessere Abdeckung ambulanter Rehabilitationsleistungen und Anerkennung von Rehabilitation als kosteneffektive Investition.
- Sicherung von Fachkräften durch die systematische Integration rehabilitativer Kompetenzen in Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe.
- Bessere Daten und Forschung durch die Anerkennung der Funktionsfähigkeit als zentralen Gesundheitsindikator.
- Bessere Integration von Rehabilitation und Hilfsmitteln (z.B. zur Unterstützung von Mobilität, Kommunikation und Selbstständigkeit) in Krisen‑ und Notfallpläne sowie in Strategien zur Chancengerechtigkeit.
Alle politischen Handlungsempfehlungen sind auf der Seite des CRGHS verfügbar.
