Rehabilitation für gesundes Altern: Studie zeigt Ungleichheiten
Rehabilitation ist für ein gesundes Altern entscheidend – doch sind die europäischen Gesundheitswesen in der Lage, diese für alle verfügbar und wirksam bereitzustellen? Eine neue Studie des Center for Rehabilitation in Global Health Systems zeigt Lücken auf.
Angesichts der alternden Bevölkerung in Europa zeichnet sich eine leise, aber drängende Herausforderung ab: Wie können Menschen dabei unterstützt werden, länger selbstständig und aktiv zu bleiben?
Eine neue internationale Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Luzern legt nahe, dass Rehabilitationsleistungen – die lange vor allem als Behandlung nach Verletzungen galten – eine weitaus grössere Rolle dabei spielen könnten, Menschen bis ins hohe Alter funktional leistungsfähig zu halten. Der Zugang zu Rehabilitationsleistungen ist in Europa jedoch nach wie vor ungleichmässig, fragmentiert und in vielen Fällen unzureichend – was laut der Mitautorin der Studie, Dr. Roxanne Maritz, «die Stärkung der Versorgungsmodelle zu einer wichtigen Priorität im Bereich der öffentlichen Gesundheit und der Gesundheitspolitik macht».
Die Studie stützt sich auf Einschätzungen von mehr als 700 Gesundheitsfachkräften aus 45 Ländern und zeichnet ein detailliertes Bild davon, wie Rehabilitation heute umgesetzt wird – und wo noch Defizite bestehen.
Rehabilitation als wichtiger Pfeiler für ein gesundes Altern
Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen an chronischen Erkrankungen, eingeschränkter Mobilität und mehreren Gesundheitsproblemen gleichzeitig leiden. In Europa leben mehr als 60% der über 65-Jährigen mit mindestens zwei chronischen Erkrankungen. Diese Veränderungen können nach und nach das beeinträchtigen, was Experten als «Funktionsfähigkeit» bezeichnen – also die Fähigkeit, selbstständig zu leben und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Rehabilitation kann dazu beitragen, diesen Abbau zu verlangsamen oder sogar zu verhindern. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Mobilität zu erhalten, ihre Umgebung anzupassen und mit chronischen Erkrankungen umzugehen. So kann beispielsweise eine rechtzeitige Rehabilitation nach einem Sturz oder einem Krankenhausaufenthalt älteren Menschen helfen, ihre Beweglichkeit und ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen, sodass sie nach Hause zurückkehren können, anstatt in eine Pflegeeinrichtung zu ziehen. Ebenso kann eine kontinuierliche Rehabilitation bei Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Arthritis oder Herzerkrankungen dazu beitragen, ihre körperlichen Funktionen und ihre Fähigkeit zur Selbstversorgung zu erhalten und so den Bedarf an langfristiger stationärer Betreuung verringern.
Gutes Altern ist eine Frage des Wohnorts
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist das Ausmass an Ungleichheit zwischen den Ländern.
Gesundheitsfachkräfte berichteten von erheblichen Unterschieden darin, wie gut die Leistungen auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingehen. Länder wie die Schweiz, Deutschland und die Niederlande erzielten beim sogenannten «Responsiveness Index» hohe Werte, während andere, darunter Teile Ost- und Südeuropas, hinterherhinkten.
Auch das Einkommensniveau spielt eine Rolle. Länder mit mittlerem Einkommen weisen eine geringere Verfügbarkeit und eine schwächere Umsetzung der meisten Rehabilitationsmodelle auf. Die Studie betont jedoch, dass auch in wohlhabenderen Ländern Lücken bestehen. Mit anderen Worten: Der Zugang zu Rehabilitation in Europa hängt oft davon ab, wo man lebt.
Welche Faktoren bremsen die Systeme?
Über die Verfügbarkeit hinaus deckt die Studie tiefgreifendere, strukturelle Probleme auf.
In ganz Europa wiesen Fachleute auf ein komplexes Geflecht von Hindernissen hin. Neben Finanzierungsengpässen und Personalmangel wurden in der Befragung auch Faktoren wie mangelndes Bewusstsein bei den Gesundheitsdienstleistern, altersbedingte Diskriminierung sowie unzureichende Infrastruktur und Verkehrsanbindung, insbesondere in ländlichen Gebieten, identifiziert.
Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle. Niedrige Renten, schlechte Wohnverhältnisse und begrenzte familiäre Unterstützung können es älteren Menschen erschweren, Rehabilitationsangebote in Anspruch zu nehmen, selbst wenn diese vorhanden sind.
Die Rehabilitation als zentralen Bestandteil der modernen Gesundheitsversorgung neu denken
Angesichts der alternden Bevölkerung – bis 2050 werden in vielen europäischen Ländern mehr als 30% der Menschen über 60 Jahre alt sein – wird die Nachfrage nach Rehabilitationsleistungen weiter stark ansteigen. Ohne entsprechende Massnahmen besteht die Gefahr, dass die Gesundheitssysteme überlastet werden.
Mit den richtigen Investitionen und einer guten Planung könnte die Rehabilitation jedoch zu einem wirksamen Instrument werden, um die Selbstständigkeit zu fördern, die Gesundheitskosten zu senken und die Lebensqualität zu verbessern. «Einfache Massnahmen wie Routineuntersuchungen auf funktionelle Einschränkungen in der Grundversorgung, die Festlegung personenzentrierter Ziele und die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Akutversorgungs- und Rehabilitationsteams können einen wesentlichen Unterschied bewirken», erklärt Maritz. «Darüber hinaus trägt der Ausbau ambulanter, zu Hause erbrachter und gemeindebasierter Rehabilitationsangebote dazu bei, die Versorgung besser auf die alltäglichen Bedürfnisse und Lebensumstände der Menschen abzustimmen.»
