LIFE B. Braun Lecture: Gesundheitsdaten und Funktionsfähigkeit im Fokus

In der LIFE B. Braun Lecture zeigte Marco D'Angelo, Vizedirektor des Bundesamts für Statistik (BFS), die Rolle von Datenflüssen im Schweizer Gesundheitssystem auf und wie die Funktionsfähigkeit als dritter Gesundheitsindikator darin Platz finden kann.

Marco D'Angelo

Am 17. September fand die dritte LIFE B. Braun Lecture an der Universität Luzern statt. Rektor Prof. Dr. Martin Hartmann eröffnete die Veranstaltung, begrüsste Studierende, Forschende und Gäste und führte in das Thema ein.  Referent der diesjährigen Lecture war Marco D'Angelo, Vizedirektor und Abteilungsleiter Gesundheit und Soziales des BFS sowie stellvertretender Programmleiter von DigiSanté. Die anschliessende Diskussion moderierte Prof. Dr. David Weisstanner, Assistenzprofessor für Gesundheits- und Sozialpolitik an der Universität Luzern.

Viele Akteure, viele Zahlen

Ausgangspunkt des Referats war die Frage, wo im Gesundheitswesen Daten entstehen, wohin sie fliessen und wer sie nutzt. Die Antwort ist eng mit der föderalen Organisation der Schweiz verknüpft. Marco D’Angelo stellte zunächst die zentralen Akteure des Gesundheitswesens vor, von Kantonen und Bund über Krankenversicherer und Leistungserbringer bis zu Patientinnen und Patienten sowie der Forschung. Sie alle erzeugen oder nutzen Daten, sei es in der Versorgung, in der Verwaltung und Abrechnung oder in Befragungen der Bevölkerung. 

Das BFS, dessen Anfänge auf Stefano Franscini und die erste Volkszählung von 1850 zurückgehen, erhebt heute Daten aus verschiedenen Quellen und führt diese zusammen. Grundlage bilden das Bundesstatistikgesetz und rund 25 nationale Gesundheitsgesetze. Was solche Daten verdeutlichen können, zeigte D’Angelo an Beispielen aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung: Frauen haben beim Rauchen aufgeholt und die psychische Belastung lag 2022 höher als 2017. 

DigiSanté: Datenflüsse gemeinsam gestalten

Bei der Nutzung von Daten setze auch das Programm DigiSanté unter Leitung von Marco D’Angelo an. Mit diesem möchten das BFS und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben. Über zehn Jahre (2025–2034) und mit einem Kredit von 392 Millionen Franken sollen Datenflüsse in Behandlung, Verwaltung, Abrechnung und Forschung standardisiert werden. Nach dem «Once-only-Prinzip» liefern Spitäler ihre Daten nur noch einmal, danach sollen sie über den Swiss Health Data Space auch für Planung, Steuerung und Forschung nutzbar sein. Dieser Datenraum ist als Teil eines umfassenderen Datenökosystems gedacht. Verwaltung, Branche und Kantone ziehen dabei am gleichen Strick.

Funktionsfähigkeit pragmatisch integrieren

Eine solche vernetzte Dateninfrastruktur eröffnet auch Perspektiven für die Funktionsfähigkeit als dritten Gesundheitsindikator. Gesundheitsindikatoren sind messbare Kennzahlen, die den Gesundheitszustand und gesundheitsrelevante Faktoren einer Bevölkerung darstellen. Neben den etablierten Kennzahlen Mortalität (Sterblichkeit) und Morbidität (Krankheit) könnte Funktionsfähigkeit, wie sie die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheits­organisation (WHO) beschreibt, das aktuelle Gesundheitsverständnis sinnvoll ergänzen. Sie umfasst neben der biologischen auch die gelebte Gesundheit, also wie Menschen ihren Alltag bewältigen und am sozialen Leben teilhaben können. Für den Einbezug dieses dritten Gesundheitsindikators brauche es gemäss D’Angelo nicht zwingend neue Erhebungen, denn umfangreiche Verwaltungs- und Gesundheitsdaten sind bereits vorhanden. Die Herausforderung liege in deren Interoperabilität, Standardisierung und Verknüpfbarkeit. In der anschliessenden Diskussion betonte D'Angelo, es brauche ein einheitliches Konzept und ein pragmatisches Vorgehen, das die ganze Datenkette von Anfang bis Ende mitdenkt, im Austausch mit den Leistungserbringern. Welche Daten erhoben werden, bleibe aber auch eine politische Frage.

Damit die Daten über all diese Stationen hinweg fliessen können, brauche es vor allem Vertrauen. Dies zu betonen war ein zentrales Anliegen des Referenten. Das Bundesstatistikgesetz sei dafür eine starke Basis, gleichzeitig bewege sich die Digitalisierung stets im Spannungsfeld mit dem Datenschutz. Auch künstliche Intelligenz und personalisierte Medizin, so D'Angelo, seien nur so gut wie die Daten dahinter: Diese müssen maschinenlesbar, interpretierbar und sorgfältig eingeordnet sein.

Über die LIFE B. Braun Lecture

Die LIFE B. Braun Lecture ist Teil der «Luzerner Initiative für Funktionsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden» (LIFE) der Fakultät Gesundheitswissenschaften und Medizin, welche Forschung in diesen Themenbereichen vernetzen und koordinieren möchte. LIFE zielt darauf ab, Gesundheit und Wohlbefinden bei Krankheit, Verletzung und beim Altern zu verbessern.

Mit der LIFE B. Braun Lecture bietet die Universität Luzern ein Format, das Forschung, Verwaltung und Praxis verbindet und den Dialog über die Zukunft des Gesundheitswesens fördert. Die Veranstaltungsreihe wird durch die Kooperation mit dem Medizintechnikunternehmen B. Braun ermöglicht.

Impressionen

Fotos: Roberto Conciatori