Im nächsten Jahr wird am Gotthard der längste Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Eine Vorlesungsreihe nimmt dies zum Anlass, um die hinter dem Gotthard stehenden Ideen und Vorstellungen aus historischer, literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten.

Blick in die Oströhre des Gotthard-Basistunnels. (Bild: (c) Transtec Gotthard)

Zweimal 57 Kilometer lang, 22 Jahre im Bau, 12 Milliarden Franken veranschlagte Kosten: Das sind die eindrücklichen Eckdaten des Gotthard-Basistunnels, der am 1. Juni 2016 feierlich eingeweiht wird. Im Zusammenhang mit dem ehrgeizigen Projekt, erstmals eine Eisenbahnverbindung zwischen der Nord- und Südschweiz zu realisieren, spielt Luzern eine bedeutsame Rolle: 1871 war hier die Gotthardbahn-Gesellschaft mit Alfred Escher als Präsident gegründet worden. Von ihrem Wirken zeugt noch immer das markante, 1887 erbaute Gotthardgebäude am Schweizerhofquai 6.

Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, in Sachen Gotthardtunnel im Besonderen und hinsichtlich Gotthard/Alpen im Allgemeinen in Luzern Bilanz zu ziehen und einen Blick nach vorn zu werfen. Das ist ab dem 16. September zwölfmal jeweils am späteren Mittwochnachmittag möglich. An der von SNF-Förderprofessor Boris Previšić vom Fachbereich Kulturwissenschaften an der Universität Luzern veranstalteten Ringvorlesung "Gotthardfantasien – Europa durch die Schweiz" sprechen namhafte Expertinnen und Experten zu verschiedenen Facetten des Themas. Zum einen berichtet der Leiter Technik der Transtec Gotthard aus erster Hand von der technischen Vision und Umsetzung des Tunnels. Zum anderen gehen die weiteren Rednerinnen und Redner – von der Universität Luzern dabei sind neben Previšić die Historiker Guy Marchal, Jon Mathieu und Daniel Speich Chassé dabei – unter anderem dem Mythos Gotthard mit seiner paradoxen Verknüpfung von Zentralschweizer "Réduit" mit europäischem Transit auf den Grund und befassen sich mit "Gotthardfantasien" in Kultur und Literatur. Die Vorlesungsreihe ist öffentlich, es ist keine Anmeldung notwendig, der Besuch ist kostenlos.

Termine Ringvorlesung "Gotthardfantasien – Europa durch die Schweiz"
mittwochs, 17.15–19 Uhr, Universität Luzern, Frohburgstrasse 3, Raum 3.A05

  • 16. September: Boris Previšić (Literatur- und Kulturwissenschaftler, Luzern): Gotthard: Narration – Mythos – Fantasie. Eine Einführung
  • 23. September: Lars Dietrich (Leiter Technik Transtec Gotthard, Zürich): Bahntechnik Gotthard-Basistunnel – Vision und Verwirklichung eines Grossprojektes NEU IM HÖRSAAL 1!
  • 30. September: Daniel Speich Chassé (Historiker, Luzern): Die Kirche von Wassen und die Inszenierung von Landschaft
  • 7. Oktober: keine Vorlesung
  • 14. Oktober: Guy Marchal (Historiker, Luzern-Basel): Wege zum Gotthardmythos
  • 21. Oktober: Jon Mathieu (Historiker, Luzern): Die Gotthardregion – schwarzes Loch oder globaler Exportschlager? Zur divergierenden Wahrnehmung der Berge in der Schweiz nach 1970
  • 28. Oktober: Daniel Müller Nielaba (Literaturwissenschaftler, Zürich): "Kennst du das Land?". Goethes transalpine Rätsel
  • 4. November: Peter Utz (Literaturwissenschaftler, Lausanne): Gefährdete Gotthardpost. Literarische Zeugnisse zur schweizerischen Katastrophenkultur
  • 11. November: Damir Skenderovic (Zeithistoriker, Fribourg): Gotthardmythen von rechts. Topographien und Kontinuitäten
  • 18. November: Alexander Honold (Literaturwissenschaftler, Basel): Die neuen Postillione. Literatur-Passagen am Gotthard (Carl Spitteler, Martin Stadler)
  • 25. November: Anna Hodel (Südslawistin, Basel): Zwischen imperialem Hort des Eigensinns und nationalistischer Sackgasse des Starrsinns. (Ex-)Jugoslawiens (literarische) Selbstbilder am montenegrinischen Gebirge
  • 2. Dezember: Benjamin Frithiof Schenk (Osteuropahistoriker, Basel): Der Gotthard im russischen kulturellen Gedächtnis. Die Alpenüberquerung Suworows (1799) als Erinnerungsort
  • 9. Dezember: Barbara Piatti (Literaturwissenschaftlerin, Zürich): Fiktionsmaschine Gotthard – Tunnel, Stollen und Kavernen als literarische Schauplätze 

Weitere Informationen
Boris Previšić, SNF-Förderprofessor für Literatur- und Kulturwissenschaften, 
+41 41 229 54 74, boris.previsicremove-this.@remove-this.unilu.ch

2. September 2015