Entwicklungsräume des Human Resource Management

Warum so mancher Betrieb einer Geisterbahn gleicht und weshalb gescheite Menschen dumme Entscheide fällen: Professor Bruno Staffelbach nahm das Publikum an seiner Abschiedsvorlesung auf eine packende Erkenntnisreise mit.

Prof. Dr. Dr. h.c. Bruno Staffelbach

Nachdem Bruno Staffelbach im Juni 2024 bereits als Rektor der Universität Luzern verabschiedet wurde, endet Ende Juli nun auch seine Zeit als ordentlicher Professor für Betriebswirtschaftslehre und Direktor des Center für Human Resource Management (CEHRM). An seiner Abschiedsvorlesung «Humanitas Responsabilis. Entwicklungsräume des Human Resource Management» (HRM) im Rahmen der LUKB-Vorlesungsreihe zeichnete Staffelbach nach, warum es überhaupt ein HRM gibt, was seine eigene Forschung und Lehre geprägt hat und welche Erkenntnisse und Empfehlungen er daraus ableitet. 

Im Verlaufe seines pointenreichen Vortrags wurde deutlich, wie sehr Staffelbach für die Verbindung von Forschung, Lehre und Praxis steht – und dass er sich an einer menschenzentrierten Perspektive statt an einer einzig auf Metrik reduzierten Ökonomik orientiert. «Wenn die ganze Welt des Wirtschaftens ausschliesslich in Franken und Rappen wahrgenommen, durchdacht und beurteilt wird, wird es problematisch», brachte er es auf den Punkt.

Erkenntnisgewinn aus Fehlern

Genauso problematisch sei es, wenn ausschliesslich Bedingungen, Faktoren und Wege zum Erfolg erforscht und begründet werden. Einst angeregt durch das Feedback eines gesetzten Herrn, der nach jahrzehntelanger Tätigkeit in einer Personalabteilung in Bruno Staffelbachs Vorlesungen sass, kam dieser Mitte der 1990er-Jahre zum Schluss, künftig den Fokus auch auf Risiken, Fehler und Irrtümer zu legen – also dort hinzuschauen, wo andere wegblicken. «So begann ich mich zu interessieren, warum gescheite Menschen dumme Entscheide fällen, weshalb Personen moralisch versagen, und was Führungspersonen in Zeitnot bringt.» Zu menschlichem Fortschritt trage Betriebswirtschaftslehre (BWL) nur dann bei, wenn sie kritisch sei im Umgang mit Messgrössen, Moden und Mythen.

Leistungslöhne, die falsche Anreize setzen, Einzelkämpfertum statt Kooperation, ein kurzfristig und unter Zeitdruck agierendes Management oder Führungsverantwortliche, die sich ums Führen drücken und sich in Konformismus, Machiavellismus oder Legalismus flüchten: Bruno Staffelbach nahm die Zuhörerinnen mit auf eine Fahrt in die Geisterbahn, denn «das Gruseln gibt es auch in vielen unserer heutigen Betriebe». 

Praxis statt Elfenbeinturm

Prägend für Bruno Staffelbachs Wirken ist seine tiefe Verankerung in der Praxis. «Gerade durch die Vielfalt an Tätigkeitsfeldern gewann ich an Professionalität – für meine Professur wie für die anderen Mandate.» Ein sicheres Mittel, um den Blick auf die Realität zu verlieren, sei, in der wohligen Wärme des Büros zu verbleiben, sich auf zugetragene Informationen zu verlassen, die passen, und das zu meinen, was andere auch sagen. 

So legte er in seiner Abschiedsvorlesung einen besonderen Fokus auf die Lernkompetenz, die in einem Universitätsstudium neben Zeit-, Theorie-, Forschungs- und Methodenkompetenz entscheidend sei, um sich später in einer Arbeitswelt zurechtzufinden, wo sich die Spirale des Neuen beschleunigt; die aktuelle junge Generation könne Wissen und Können nicht mehr einfach so von der Vorgängergeneration übernehmen.

Lernen bedingt Selbstständigkeit

Lernen sei dabei nicht mit Belehren zu verwechseln. Bruno Staffelbach übte sublime Kritik an einem System, in welchem die Lernenden das Lernen verlernen und stattdessen in Fächern, Noten und Credit Points denken – bestimmt durch die Lehrenden, Spezialistinnen, Experten. Lernen aber bedinge Selbstständigkeit. Und das sei nur gegeben, wenn Lehren nicht einfach Instruieren bedeute. «Lehren heisst, Welten zu konstruieren, in denen man lernen kann.» Wahres Lernen brauche Mut, weil Gewohntes verlassen und Neues gesucht werde. 

Ein Prozess, auf den sich längst nicht alle einlassen – lieber werde Wissen vorgetäuscht: «Es gibt eine ganze Palette von Strategien, Ignoranz zu kaschieren, Bildungslücken zu umfahren und Ahnungslosigkeit zu verheimlichen.» Auch im Umgang untereinander gebe es solche Betäubungsstrategien: «Unschärfen, Verzerrungen und Entschuldigungen zur Gesichtswahrung, Feedbacks, Auslassungen und Ad-hoc-Erklärungen zur Verwischung von Fehlern und Anstandsregeln.» Das kommt Firmen teuer zu stehen. Oder, wie er es in den Worten von Inspektor Columbo ausdrückte: «Wie frei kann ein System sein, in dem Menschen Angst haben, Probleme zu bekommen, wenn sie die Wahrheit sagen?»

Entscheidender Faktor Zeit

So war Bruno Staffelbachs Abschiedsvorlesung, die aufgrund des grossen Publikumsandrangs in zwei weitere Hörsäle übertragen wurde, auch eine vergnügliche Reise in Irrungen und Wirrungen von Organisationen und Individuen. Immer wieder ging er in seinen Ausführungen auf das Zeitproblem ein: Unter dem Diktat der Zeit würden «einsame Entschlüsse» herrschen statt kooperative Entscheidungsfindungen. Mit einem schlechten Zeitregime verliere man mehr, als man mit dem besten Zeitmanagement-Seminar wettmachen könne. Die Folgen: «Zeitdruck führt zu Stress, und Stress macht dumm und diktatorisch.» 

Zeitmanagement sei nicht die Stärke des Homo sapiens, und dessen Entscheidungsverhalten sei evolutionspsychologisch so bestimmt, dass das Naheliegende wichtiger erscheine als das Zukünftige. So ähnle der Mensch einem Ferrari, der für Geschwindigkeit geschaffen sei und in der alles auf die Gegenwart schrumpfe, gesteuert durch Konkurrenz, Ziele und Termine. «Da lobe ich mir einen John Deere. Für Dauerleistungen braucht es Traktoren, nicht Rennmaschinen!» 

Der Brückenbauer 

Bruno Staffelbach endete seine Abschiedsvorlesung mit dem Hinweis auf die wichtige Brückenfunktion von Betriebswirtschaft und Human Resource Management – sie forschten zu Brücken zwischen Menschen und Institutionen, und sie seien Brücke zwischen Wissenschaft und Betrieben. Dieser Brückenfunktion könne allerdings nur gerecht werden, wer sich der Realität nicht verweigere: «Schöpfen wir Erkenntnisse aus Pleiten, Pech und Pannen, verwechseln wir nicht Ökonomik mit Monetik, und haben wir vor lästigen Befunden keine Angst.» 

Wie sehr er das vorlebt, was er lehrt, wie sehr er immer ein Brückenbauer war, der sich an Menschen und Kontexten orientiert statt an starren Strukturen und nackten Zahlen, wurde auch in der Schlussehrung deutlich: Naemi Jacob, Postdoktorandin an seinem Lehrstuhl, nannte sechs Punkte, die Bruno Staffelbach speziell kennzeichneten: Er sieht Menschen, er stärkt Menschen, er verbindet Menschen, er schafft Vertrauen, er lebt Struktur und er ist ein Vorbild. Sie überreichte ihm ein grosses Bild, das einen Kompass darstellt und sich aus Hunderten von kleinen Bildern von Menschen zusammensetzt, deren Leben Bruno Staffelbach bereicherte und prägte. «Das zeigt, wie viele Spuren er hinterlassen hat.» Schliesslich dankte Martin Hartmann, als Uni-Rektor der Nachfolger in dieser Funktion, Bruno Staffelbach im Namen der Universitätsleitung für sein grosses Engagement und seine Verdienste zugunsten der Universität Luzern.
 

Impressionen

Bilder: Roberto Conciatori
 

Erweiterte Fassung als «Universitätsrede»

Die Abschiedsvorlesung von Professor Bruno Staffelbach in einer längeren Version ist soeben als Teil der Reihe «Luzerner Universitätsreden» als 41. Ausgabe erschienen. Die Publikation kann als PDF aufgerufen werden und ist in gedruckter Form kostenfrei im zentral neben dem Bahnhof und dem KKL Luzern gelegenen Gebäude der Universität bei der Universitätskommunikation erhältlich (Raum 4.A19 im 4. OG). Die Mitglieder des Universitätsvereins erhalten das Heft mit dem nächsten regulären Versand per Post zugeschickt.

PDF der aktuellen «Rede» und der früheren Ausgaben