Seit vier Jahren ist Bruno Staffelbach im Amt, und nun wurde er für weitere vier Jahre als Rektor der Universität Luzern wiedergewählt. Zeit für einen Blick zurück, auf den gegenwärtigen Stand der Dinge und nach vorne.

Besuch willkommen: Wenn Rektor Bruno Staffelbach nicht gerade besetzt ist, steht seine Bürotür offen.

Bruno Staffelbach, Wiederwahl als Rektor: Was bedeutet das für Sie persönlich?

Bruno Staffelbach: Ich deute es als ein Zeichen der Bestätigung für das Gemachte und als ein Vertrauenssignal für die Zukunft. Heuer werde ich 63 Jahre alt, und ich habe Pläne und Energien für die weitere Entwicklung der Universität Luzern.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre erste Amtszeit – was konnten Sie in dieser Zeit realisieren?

Ich möchte vier Punkte hervorheben: Es sind dies die Eröffnung der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im September 2016 und die Gründung des Departementes Gesundheitswissenschaften und Medizin auf den 1. August 2019. Stolz bin ich zudem auf die vielen Kooperationen, etwa mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz oder dem Europäischen Universitätsinstitut (EUI) in Florenz. Vor Kurzem wurde ausserdem das Urner Institut Kulturen der Alpen an der Universität Luzern in Altdorf gegründet. Es zeigt, dass die Universität Luzern eben auch eine Universität der Zentralschweiz ist.

Wo ist man noch dran?

In diesem Herbstsemester kommen die ersten Masterstudierenden der Medizin an die Universität Luzern. Sie werden 2023 abschliessen. Mit dem Lucerne Master in Computational Social Sciences der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät oder mit der neuen Spezialisierung "Applied Data Sciences" der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät werden zudem wichtige Themen der Digitalisierung aufgenommen. Nächstes Jahr startet das Departement Gesundheitswissenschaften und Medizin mit einem neuen Bachelorstudium in Gesundheitswissenschaften.

Was waren die Herausforderungen?

Ich bin zwar ein Luzerner, aber für die Universität Luzern war ich trotzdem ein Zuzüger. Ich musste zuerst herausfinden, wie die Universität und ihre Angehörigen "ticken", die Abläufe und Begebenheiten kennenlernen. Im Umfeld der Universität Luzern kam mir mein bestehendes Netzwerk zugute.

Welches war ein besonders schöner Moment?

Jedes Dankeschön, jedes Kompliment und jedes wohlwollende Augenzwinkern ist ein schöner Moment – für mich und für alle Menschen.

Wo steht die Universität Luzern jetzt – 20 Jahre nach ihrer Gründung – in ihrer Entwicklung? Wo ist sie stark, erstarkt, wo gibt es noch Potenzial?

Die Universität Luzern ist eine fokussierte Universität. So wie sich die ETH auf Natur und Technik konzentriert, so stehen für uns die Menschen und ihre Institutionen im Zentrum. Wir sind eine humanwissenschaftliche Universität. Aus meiner Sicht haben wir grosse Potenziale unter anderem in den Bereichen Gesundheit und Rehabilitation, Ethik und Ökonomik, Humanität und Menschenrechte oder in komparativer Theologie bzw. im interreligiösen Dialog. Gerade Corona zeigt das Potenzial der Humanwissenschaften. Molekularbiologisch attackiert das Virus weltweit alle Menschen gleich. Die Differenzen in der Verbreitung, im Umgang und in der Resilienz liegt in unterschiedlichen politischen, kulturellen, rechtlichen und ökonomischen Bedingungen. Wir sind eine humanwissenschaftliche Universität, aber wir sind psychologisch blind. Gerade das heute entscheidende Gesundheitsverhalten können wir nicht hinreichend auf den Radar nehmen, da uns Verhaltenswissenschaften und Psychologie fehlen.

Mit Blick auf die kommenden vier Jahre – welche Projekte stehen an, wo sind die Prioritäten, was wollen Sie erreichen? Wo sehen Sie die Universität Luzern im Sommer 2024?

Der weitere Bauplan ist in der Leistungsvereinbarung definiert, wie sie auf Antrag des Senates und des Universitätsrates zwischen dem Kanton Luzern und der Universität Luzern für die Jahre 2019 bis 2022 beschlossen wurde. Dieser Plan hat drei Komponenten: erstens die Zusammenfassung des Seminars für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik mit dem Joint Medical Master der Universitäten Luzern und Zürich zu einem starken Departement Gesundheitswissenschaften und Medizin. Zweitens die organisatorische Bündelung der universitären Weiterbildung in einer Weiterbildungsakademie, die auch für andere Akteure auf dem Campus Luzern offen sein wird. Und drittens die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch die Gründung einer Graduiertenakademie, welche vor allem mit der Università della Svizzera italiana und mit dem EUI kooperiert. Für 2024 träume ich von einer abgerundeten humanwissenschaftlichen Universität der Zentralschweiz in Luzern, aber ohne Sprachen und ohne Künste.

Vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie wurden in letzter Zeit ja einschneidende Veränderungen notwendig. Wie ging die Universität vor, was wurde gemacht, was waren (und sind) die Leitlinien und Herausforderungen in dieser nicht einfachen Zeit?

Am 3. März haben wir eine Arbeitsgruppe unter der Leitung meines Stellvertreters, Professor Markus Ries, gebildet. Damit hatten wir gerade genügend Zeit, um rechtzeitig die erforderlichen Voraussetzungen zum Wechsel vom analogen zum digitalen Modus zu schaffen, der dann am 16. März erfolgte. Anschliessend ging es vor allem darum, Unsicherheiten aufzufangen, etwa bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bezüglich Homeoffice, bei den Studierenden im Hinblick auf die Prüfungen und Leistungsnachweise oder bei den Dozierenden, deren didaktisches Biotop sich innert Tagen total veränderte. Unser Ziel ist es, dass alle Studierenden das Frühjahrssemester 2020 ordentlich abschliessen und das neue Studienjahr gut planen können. Zu diesem Zweck wurde innert kurzer Zeit sehr vieles geplant und umgesetzt: die Digitalisierung der Lehre, digitale Alternativen für Prüfungen und Leistungsnachweise, Nachteilsausgleiche für Studierende im Assistenzdienst und mit Corona-bedingten Zusatzbelastungen, Neuregelung von Beurlaubungen und Immatrikulationen, Fonds für Studierende in finanzieller Notlage, innerbetrieblicher Ausgleich von Arbeitsbelastungen, psychologische Beratung sowie Projekte für Nachbarschaftshilfe – um nur einen Teil zu nennen.

Wie fällt Ihre vorläufige Bilanz hinsichtlich Corona aus?

Wir alle wünschen, den Menschen und der Welt ginge es besser. Aber im Moment hat uns Corona im Griff und nicht wir Corona. Unser Motto ist: wir müssen, wir können, wir wollen – und zwar rechtzeitig. Die vorläufige Bilanz ist für mich positiv. Ich danke allen, die sich in dieser besonderen Lage besonders engagiert haben, vor allem den Angehörigen der Arbeitsgruppe Corona, den Dekanen und der Studierendenorganisation SOL. Vorläufig ist treffend! Ich gehe davon aus, dass uns Corona noch weiter beschäftigen wird. Dafür brauchen wir Geduld, Biss und den Willen, uns auf das zu konzentrieren, was wir gestalten können, und nicht darüber zu klagen, wie ungünstig die Umstände sind. Diese sind, wie sie sind. Wie gut wir hier rauskommen, liegt an uns.

Das Interview wurde im Mai geführt und ist Mitte Juni im Wissensmagazin "cogito" erschienen.

22. Juni 2020