Die Rhetorik von Gesundheits­fehlinformationen

Was haben Aristoteles, Platon und Cicero über Impfstoff-Fehlinformationen in sozialen Medien zu sagen? Wie sich herausstellt, erstaunlich viel. Die rhetorischen Tricks, die heutige Gesundheitsfehlinformationen vorantreiben, waren Philosophen bereits vor Jahrtausenden bekannt und ihr Verständnis könnte unsere wirksamste Waffe dagegen sein.

Demosthenes (384 BC-322 BC)
(Symbolbild; ©istock.com/Nastasic)

Immer dann, wenn eine Gemeinschaft Entscheidungen ohne vollständige Informationen treffen muss, ist ein gewisses Mass an Überzeugungsarbeit unvermeidlich. Die öffentliche Gesundheitskommunikation ist dafür ein perfektes Beispiel: Die wissenschaftliche Evidenz ist selten eindeutig, Empfehlungen ändern sich, sobald neue Daten vorliegen und eine bestimmte Gesundheitsmassnahme wirkt nicht bei allen Menschen gleichermassen gut.

Doch Überzeugungsarbeit kann ebenso leicht in die Irre führen, wie sie informieren kann. Eine Botschaft, die leicht verständlich, aber sachlich falsch ist, kann erheblichen Schaden anrichten. Ebenso wird wissenschaftlich korrekte Gesundheitsinformation scheitern, wenn sie schlecht vermittelt wird und die Menschen nicht erreicht, für die sie bestimmt ist. Für Sara Rubinelli, Professorin für Gesundheitskommunikation, bieten die Werkzeuge der klassischen Rhetorik einen Rahmen, um genau zu erkennen, an welcher Stelle eine Botschaft versagt, sei es hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Stimmigkeit, ihrer Verständlichkeit oder beider Aspekte.

Klassische Rhetorik als Diagnoseinstrument

In einem im «American Behavioral Scientist» veröffentlichten Artikel argumentieren Rubinelli und ihr Mitautor Scott Ratzan von der New York City University School of Public Health, dass die Krise der Gesundheitsfehlinformationen kein neues, durch soziale Medien geschaffenes Phänomen ist, sondern ein bekanntes Problem, das heute lediglich mit moderner Geschwindigkeit auftritt.

Von Aristoteles und Platon bis hin zu Cicero und Quintilian zeigen die Autoren, dass die rhetorischen Strategien, mit denen heute falsche Gesundheitsinformationen verbreitet werden, etwa das Vortäuschen von Glaubwürdigkeit, das Ausnutzen von Angst oder die Verzerrung logischer Zusammenhänge, bereits vor Jahrtausenden von klassischen Philosophen beschrieben und systematisch erfasst wurden.

Auf der Basis klassischen Rhetorik und modernen Kommunikationstheorien schlagen die Autoren einen vierteiligen Bewertungsrahmen für Gesundheitsinformationen vor. Dabei soll geprüft werden, ob die Informationen auf wissenschaftlich gesicherten Grundlagen beruhen, ob glaubwürdige Quellen, emotionale Ansprache und schlüssige Argumentation angemessen ausbalanciert sind, ob sie dem Gemeinwohl und nicht nur Einzelinteressen dienen und ob sie für alle Zielgruppen tatsächlich zugänglich und verständlich sind. 

Entscheidend ist, argumentieren die Autoren, dass wissenschaftliche Korrektheit zwar notwendig, aber nicht ausreichend ist. Informationen, die zwar korrekt, jedoch unverständlich sind oder Unsicherheiten verschweigen, genügen nicht den Anforderungen, das Gesundheitswesen an gute Kommunikation stellt.

Ein Aufruf zum Handeln 

Die antike Philosophie liefert den Rahmen für das Problem, dessen praktische Folgen im «Journal of Health Communication» thematisiert werden.

Darin schlagen Herausgeberinnen und Herausgeber von führenden Gesundheits- und Wissenschaftszeitschriften, darunter Sara Rubinelli, Alarm angesichts der weltweit nachlassenden Qualität und Integrität von Gesundheitsinformationen.

Der Kommentar verweist auf zunehmende politische Einflussnahme auf öffentliche Gesundheitsinstitutionen, den Aufstieg KI-generierter Fehlinformationen sowie die Fragmentierung des globalen Informationsökosystems als dringende Bedrohungen. Über die Gefährdung wissenschaftlicher Integrität hinaus untergräbt die Distanzierung von gemeinsamen Wahrheitsstandards nach Ansicht der Autoren auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der teilweise auf einem gemeinsamen Verständnis davon beruht, was wahr ist und woher Wahrheit stammt.

Deshalb ist die Verbreitung hochwertiger Gesundheitsinformationen, die wissenschaftlich fundiert, zugänglich, klar und handlungsorientiert sind, nicht nur Ausdruck guter wissenschaftlicher Praxis, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Die Autoren fordern eine koordinierte internationale Antwort: Stärkere regulatorische Rahmenbedingungen, eine verantwortungsvolle Steuerung digitaler Plattformen und KI-Systeme sowie grössere Investitionen in digitale und gesundheitliche Bildungskompetenz.

Neben den Risiken sehen die Autoren in der Künstlichen Intelligenz jedoch auch Chancen. Wenn sie angemessen reguliert wird, kann sie dabei helfen, gefälschte Daten zu erkennen, irreführende Behauptungen zu kennzeichnen und die Verbreitung verlässlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse zu fördern.

Letztlich liege es sowohl an Einzelpersonen als auch an Institutionen, «das fragile Band zwischen Evidenz und Bedeutung, Wissen und Verantwortung sowie Wissenschaft und Gemeinwohl aufrechtzuerhalten».

Zusammen liefern die beiden Publikationen überzeugende Argumente dafür, dass die Bekämpfung von Gesundheitsfehlinformationen weit mehr erfordert als blosses Faktenprüfen. Sie verlangt ein Verständnis dafür, wie Überzeugung funktioniert, wer sie einsetzt und welchen Interessen sie dient – grundlegende Fragen also, die sich eine Gesellschaft immer wieder stellen muss.
 

Sara Rubinelli and Scott Ratzan
«The Ghosts of the Agora: Classical Rhetoric as a Framework for Understanding Misinformation, Populism, and Polarization in Health»
American Behavioral Scientist, 2026
 

Scott C. Ratzan, et al. 
«Safeguarding Quality in Health and Medical Science Information Today»
Journal of Health Communication, 2026