Viel mehr als Kryptowährung und Computercode: Mit Blockchain gehen weitreichende gesellschaftliche, wirtschaftliche, rechtliche und politische Herausforderungen einher, die es in den Blick zu nehmen und zu erforschen gilt.

Alexander H. Trechsel und Bernhard Rütsche, in diesem Frühjahr konnte das Zuger Institut für Blockchainforschung (ZIBR, siehe Box unten) eröffnet werden – das Ergebnis eines längeren Planungsprozesses. Was ging Ihnen beim Anlass im Casino Theater in Zug durch den Kopf?
Bernhard Rütsche: Der Saal war mit über 200 Gästen aus Wissenschaft, Politik und dem Blockchain-Ökosystem gefüllt – die Atmosphäre wirkte elektrisierend auf mich. Es war überwältigend, zu realisieren, was wir mit vereinten Kräften auf die Beine gestellt haben. Zugleich machte sich eine gewisse Erleichterung breit, dass wir nun nach so langer und intensiver Aufbauarbeit endlich mit dem Institut loslegen konnten.
Alexander H. Trechsel: Eine enorme Anspannung, die fast vier Jahre andauerte, wich einem Gefühl der Erleichterung. Ich war überglücklich, dass wir auf dieser anstrengenden Reise an ein solch schönes Ziel gelangen konnten. Allerdings wurde mir auch bewusst, dass dies nur ein Zwischenziel auf einer noch viel längeren Reise darstellte, eine Etappe des Aufbaus unseres ZIBR. Dieser geht weiter, und wir freuen uns auf den nächsten grossen Anlass am 22. Januar 2027 – nähere Informationen folgen!
Blockchain: Was ist das eigentlich – für Laiinnen und Laien erklärt? Inwiefern geht dies über Bitcoin und Kryptowährungen, die vielen als Erstes in den Sinn kommen dürften, hinaus? Und in welchem Verhältnis steht Blockchain zu künstlicher Intelligenz (KI)?
Trechsel: Man kann sich ein Notizbuch vorstellen, das gleichzeitig auf Tausenden von Computern gespeichert ist. Jeder Eintrag dieses Notizbuchs ist auf den Computern unveränderlich festgehalten, ohne dass eine zentrale Instanz darüber wacht. Das ist im Kern eine Blockchain: eine verteilte, manipulationssichere Datenbank. Bitcoin war die erste grosse Anwendung dieser Technologie – aber eben nur eine von vielen. Heute werden Blockchains zum Beispiel eingesetzt, um Lieferketten nachvollziehbar zu machen, digitale Identitäten zu verwalten, Patientendaten sicher auszutauschen oder Verträge automatisch, ohne zwischengeschaltete Stellen (Intermediäre), auszuführen – sogenannte Smart Contracts. Die Möglichkeiten sind enorm.
Das Verhältnis zur KI ist komplementär: Beide Technologien sind eigenständig, aber sie können sich sinnvoll ergänzen. KI hilft dabei, grosse Datenmengen auszuwerten und Muster zu erkennen; Blockchain kann sicherstellen, dass diese Daten verlässlich und rückverfolgbar sind. Man könnte sagen: KI ist das denkende System, Blockchain schafft das Vertrauen in die Grundlage, auf der gedacht wird. Nicht nur Blockchain und KI, sondern die sogenannten «emerging technologies» ganz allgemein stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Man kann sie kaum separat erforschen – und das ZIBR wird sich dieser «emerging technologies» und ihres Einflusses auf die Gesellschaft annehmen.
Eine rein technische Perspektive kann nicht erklären, welche Folgen ihr Einsatz für die Gesellschaft und die Wirtschaft, für unser Rechtssystem und für unsere Demokratie hat.
Es handelt sich bei Blockchain ja um eine Technologie. Weshalb reicht es nicht aus, sich ausschliesslich aus Informatik-Sicht oder naturwissenschaftlich mit diesem Phänomen zu befassen? Oder anders gefragt: Inwiefern können hier die Humanwissenschaften, auf die sich die Universität Luzern spezialisiert hat, auftrumpfen?
Rütsche: Technologien entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie verändern gesellschaftliche Verhältnisse, werfen rechtliche Fragen auf, beeinflussen wirtschaftliche Machtstrukturen und berühren das Verhalten der Menschen. Die rein technische Perspektive kann uns erklären, wie eine Blockchain funktioniert. Sie kann aber nicht erklären, welche Folgen ihr Einsatz für die Gesellschaft und die Wirtschaft, für unser Rechtssystem und für unsere Demokratie hat. Solche Fragen lassen sich nur interdisziplinär beantworten – mit Rechtswissenschaft, Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft und weiteren humanwissenschaftlichen Disziplinen. Genau hier liegt die Stärke der Universität Luzern und des ZIBR, indem diese Perspektiven zusammenkommen.
Ziel ist es ja, in einem ersten Schritt am Institut neun Lehrstühle zu schaffen – bis jetzt sind fünf Professuren besetzt. Mit welchen Fragestellungen beschäftigen sich diese?
Trechsel: Die fünf besetzten Professuren decken mit Rechtswissenschaft (Privatrecht, Öffentliches Recht und Energierecht) sowie Philosophie und Soziologie bereits ein breites Spektrum ab. Derzeit laufen die Berufungsverfahren für je einen Lehrstuhl in den Politikwissenschaften und der Politischen Ökonomie. Im Verlaufe des Jahres wird es zu weiteren Ausschreibungen in den Bereichen Gesundheitswissenschaften und Blockchain sowie Verhaltenswissenschaften und Blockchain kommen.
Rütsche: Die Fragestellungen, mit denen sich die Lehrstühle am ZIBR auseinandersetzen, sind äusserst vielfältig. Hier nur ein paar Beispiele: Können Blockchain-Systeme das Versprechen einer Dezentralisierung und einer Abkehr von mächtigen Intermediären wie Banken oder Plattformkonzernen einlösen? Was bedeutet der Ersatz von institutionellem durch algorithmisches Vertrauen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und welche Gruppen werden dabei möglicherweise ausgeschlossen? Welchen Regulierungsrahmen soll die Schweiz für Stablecoins schaffen, also für Kryptowährungen, die an traditionelle Währungen gekoppelt sind? Oder wie kann die Blockchain-Technologie dezentrale Energiesysteme, Peer-to-Peer-Stromhandel und die Integration erneuerbarer Energien effizienter gestalten?
Wie gesagt, sind momentan die Berufungsverfahren für die beiden nächsten Bereiche am Laufen: Politische Ökonomie und Politikwissenschaft. Was vermögen diese beiden Disziplinen im Bereich Blockchain zu leisten?
Trechsel: Sehr viel. Die Politische Ökonomie fragt, wer von einer Technologie profitiert und wer die Kosten trägt – das ist im Blockchain-Bereich besonders relevant, weil hier
neue Formen von Reichtum und Macht entstehen, die bestehende Verteilungsfragen verschärfen oder neu aufwerfen können. Sie analysiert auch, welche Anreize Akteure haben, sich an dezentralen Systemen zu beteiligen oder diese zu sabotieren. Die Politikwissenschaft wiederum untersucht, wie Staaten und internationale Organisationen auf diese Entwicklungen reagieren. Wir erleben weltweit sehr unterschiedliche Regulierungsansätze – von vollständigen Verboten bis zu regelrechten Krypto-Ökosystemen wie jenem im Kanton Zug oder neuerdings in den USA. Die vergleichende Analyse solcher Ansätze liefert wichtige Erkenntnisse für die politische Gestaltung.
Ganz allgemein – und wie dies bereits beim Aufkommen des Internets der Fall war – verändern diese «emerging technologies» die Politik. Parteien, Regierungen, Parlamente,
das Stimmvolk: Sie müssen sich immer öfters mit den Folgen der Technologieentwicklung befassen, was zu neuen Konflikten führen kann, welche wiederum das politische System verändern können. Dieser Fragestellungen müssen sich die Politikwissenschaft und die Politische Ökonomie annehmen.

Im Verlaufe des Jahres sollen dann auch noch Ausschreibungen für Gesundheits- und Verhaltenswissenschaften erfolgen. Inwiefern ist dieser Blick auf das Phänomen Blockchain wertvoll?
Rütsche: Im Gesundheitsbereich bietet Blockchain faszinierende Möglichkeiten: Patientendaten könnten sicher und dezentral gespeichert werden, Arzneimittel liessen sich lückenlos verfolgen, klinische Studien transparenter gestalten. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen hinsichtlich des Datenschutzes, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Die Verhaltenswissenschaften bringen eine weitere wichtige Dimension ein: Wie entscheiden Menschen, ob sie einer Technologie vertrauen? Welche psychologischen und sozialen Mechanismen spielen eine Rolle, wenn Menschen Kryptowährungen spekulativ einsetzen oder Unternehmen Blockchain-Systeme einführen? Ohne solches Wissen lassen sich weder sinnvolle Produkte noch wirksame Regulierungen gestalten.
Die Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber forschen aber nicht nur, sie sind auch massgeblich in die Lehre involviert – ein Mehrwert also auch für die Studierenden …
Trechsel: Absolut. Die Verbindung von Forschung und Lehre ist ein Kernprinzip der Universität, und beim ZIBR ist sie besonders fruchtbar. Die Studierenden profitieren davon, dass sie von Professorinnen und Professoren unterrichtet werden, die an der Forschungsfront tätig sind und aktuelle Fragestellungen zum Umgang mit neuen Technologien direkt in den Unterricht einbringen. Wir entwickeln auch spezifische Lehrveranstaltungen zu Blockchain-Themen in den Themenbereichen der Lehrstühle am ZIBR. Ziel ist es, Absolventinnen und Absolventen hervorzubringen, die nicht nur ein technisches Grundverständnis mitbringen, sondern die gesellschaftlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Dimensionen dieser Technologie kompetent einordnen und mitgestalten können.
Beim ZIBR handelt es sich ja um ein Institut mit externer Trägerschaft – das mittlerweile fünfte an der Universität Luzern. Was bedeutet das genau, auch in puncto Organisation, und was ist der Stellenwert des Instituts für die Universität?
Rütsche: Ein Institut mit externer Trägerschaft wird von einer Organisation mit eigener Rechtspersönlichkeit getragen. Im Fall des ZIBR handelt es sich um einen Verein mit Vertretern der Universität Luzern und des Kantons Zug, welcher das Institut finanziert. Auch darüber hinaus ist das Institut eng mit der Universität Luzern verbunden: Die Professorinnen und Professoren sind universitär angestellt, die Forschung findet nach akademischen Standards statt, und die Lehre ist in das Curriculum der Universität eingebettet. Für die Universität Luzern ist das ZIBR ein wichtiger strategischer Baustein: Es stärkt unsere Forschungskapazitäten, erhöht unsere Sichtbarkeit und unterstreicht unseren Anspruch, gesellschaftlich relevante Themen aus humanwissenschaftlicher Perspektive zu bearbeiten.
Wir sind zuversichtlich, dass wir uns in den kommenden Jahren zu einem international führenden Institut für humanwissenschaftliche Blockchain-Forschung entwickeln werden.
Neben dem interdisziplinären Austausch wird ja auch derjenige auf dem Campus Luzern gepflegt. Es existiert dafür ein sogenannter Hub, wie muss man sich das vorstellen?
Trechsel: Der «Blockchain Zug – Joint Research Hub» ist eine gemeinsame Kooperations- und Kommunikationsplattform der Universität Luzern und der Hochschule Luzern. Er bündelt die Kompetenzen beider Hochschulen im Bereich Blockchain-Forschung und fördert den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis. Eine Geschäftsstelle, die aus einem Vertreter der Universität Luzern und einer Vertreterin der Hochschule Luzern zusammengesetzt ist, übernimmt die operative Umsetzung: Sie organisiert den internen Austausch zwischen Forschenden, unterstützt gemeinsame Drittmittelprojekte, ermittelt den Bedarf aus Wirtschaft und Gesellschaft und sorgt über verschiedene Kanäle für eine breite Wissenschaftskommunikation. Dabei pflegt der Hub enge Kooperationen mit Institutionen und Unternehmen im Kanton Zug und strebt weitere Partnerschaften in der Schweiz und international an. Ein erstes grosses Projekt des Hubs war seine Kooperation mit der CV VC AG zum vor Kurzem erschienenen «Top 50 Report», der das Blockchain-Ökosystem im Crypto Valley analysiert und die 50 wichtigsten Akteure, darunter Startups, Investoren und Banken, vorstellt.
Unter anderem durften ja bereits die beiden ersten internationalen Fellows begrüsst werden. Welche weiteren Meilensteine wurden in den vergangenen Monaten bereits erreicht oder angestossen? Was sind momentan vorherrschende Themen am ZIBR, was ist aktuell gerade am Laufen?
Rütsche: Die beiden Fellows aus Kanada und den Niederlanden, Vicki Lemieux und Andrea Leiter, sind ein schönes Zeichen dafür, dass das ZIBR international wahrgenommen wird. Sie bringen frische Perspektiven mit und vernetzen uns mit wichtigen Forschungsgemeinschaften weltweit. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Monaten erste Forschungsprojekte lanciert, unter anderem zu Fragen der Regulierung von Stablecoins und zur Governance dezentraler Plattformen. Wir waren an verschiedenen internationalen Konferenzen mit eigenen Beiträgen vertreten und haben bereits mehrere wissenschaftliche Workshops und Events durchgeführt. Auch erste Drittmittelanträge an den Schweizerischen Nationalfonds und auf europäischer Ebene wurden eingereicht.
Was steht in den nächsten Monaten auf dem Programm, worauf dürfen sich die Fachwelt und auch die interessierte Öffentlichkeit freuen?
Trechsel: Auf der Forschungsseite erwarten wir Publikationen aus den laufenden Projekten, und wir werden die Besetzung der noch offenen Lehrstühle vorantreiben. Weitere Konferenzen, Workshops und Vorträge sind in Planung. Dabei wollen wir Blockchain-Themen auch für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich machen, denn wir sind überzeugt, dass diese Technologie uns alle betrifft und es wichtig ist, den gesellschaftlichen Diskurs darüber zu fördern. Weiter sind wir daran, das ZIBR mit anderen Forschungsinstitutionen im In- und Ausland zu vernetzen. Und wir werden im Institut zusätzliche Fellows begrüssen dürfen. Das ZIBR ist auf gutem Weg. Wir sind zuversichtlich, dass wir uns in den kommenden Jahren zu einem international führenden Institut für humanwissenschaftliche Blockchain-Forschung entwickeln werden.
Forschungsinstitut im «Crypto Valley»

Ende Januar wurde das Zuger Institut für Blockchainforschung (Zug Institute for Blockchain Research, ZIBR) eröffnet. Am für alle Interessierten offenen Anlass in Zug nahmen gut 200 Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland teil. Beim ZIBR handelt es sich um eine gemeinsame Initiative des Kantons Zug und der Universität Luzern. Der Kanton Zug finanziert das Forschungsinstitut während fünf Jahren mit 25 Millionen Franken. Träger des akademisch der Universität zugeordneten, externen Instituts ist der Verein «Blockchain Zug: Forschungsinstitut an der Universität Luzern», dessen Präsidium von Finanzdirektor Heinz Tännler wahrgenommen wird. Im Fokus steht die umfassende Erforschung der gesellschaftlichen Dimensionen der Blockchain-Technologie. Für die Aufbauphase sind neun Lehrstühle geplant; fünf davon sind bereits besetzt.
Das ZIBR ist Teil der vom Kanton Zug mit total 39,35 Millionen Franken finanzierten Gesamtinitiative «Blockchain Zug – Joint Research Initiative». In diesem Rahmen werden auch die bereits bestehenden Blockchain-Forschungstätigkeiten an der Hochschule Luzern gestärkt. Zur Entwicklung gemeinsamer Projekte mit der Universität wurde die Kooperationsplattform «Blockchain Joint Research Hub» geschaffen.