Warum sollte man Blockchain aus der Sicht von Philosophie und Soziologie betrachten? Weil entscheidende Fragen erst im Zusammenspiel der beiden Disziplinen erfassbar werden.

Netzwerkgebilde
(Symbolbild; ©istock.com/XH4D)

Die Philosophie beschäftigt sich unter anderem mit den Ursachen von Phänomenen und versucht, sie bis zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen. Bitcoin und sein pseudonymer Erfinder Satoshi Nakamoto sind dafür aus mindestens zwei Gründen besonders interessant: Erstens war die frühe Blockchain-Entwicklung von philosophischen Überzeugungen geprägt, die wesentlich zur Entstehung von Bitcoin beitrugen. Zwar ist bis heute nicht bekannt, wer sich hinter dem Namen verbirgt. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass Nakamoto die Cypherpunk-Mailinglisten der 1990er-Jahre kannte oder aktiv daran beteiligt war. Dort entstanden zahlreiche Ideen und Konzepte, die später in Bitcoin einflossen. Die Entwicklung von digitalem Geld war von Sorgen um Privatsphäre und Freiheit sowie vom Misstrauen gegenüber zentralen Institutionen geprägt.

Mysterium des ersten Blocks

Zweitens macht Nakamotos Erfindung eine Herausforderung für Blockchains sichtbar: ihre Ausgangspunkte, etwa der erste Block von Bitcoin, der sogenannte Genesis-Block. Blockchains beruhen auf der Verkettung von Datenblöcken: Jeder Block verweist auf den vorhergehenden. Kryptografische Verfahren sorgen dafür, dass diese Verkettung erkennen lässt, ob jemand das Register verändert hat – etwa indem sich jemand Bitcoins angeeignet hat, die eigentlich jemand anderem gehören. Diese Mechanismen sorgen für Manipulationssicherheit ohne zentrale Instanz, der man vertrauen muss. Dennoch bleibt ein Problem: Wenn jeder Block auf einen früheren verweist – was gilt dann für den ersten Block der Kette?

Nakamotos Antwort darauf war zugleich eine philosophische Stellungnahme. In einer versteckten Ebene des Genesis-Blocks, der am 3. Januar 2009 erzeugt wurde, hinterliess die Person die Botschaft «The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks». Es handelte sich um die Schlagzeile auf dem Titel der britischen Zeitung «The Times» jenes Tages. Sie thematisiert die Schnürung eines staatlichen Rettungspakets für Banken. Damit zeigte Nakamoto zum einen, dass der Genesis-Block frühestens dann entstanden sein konnte und kein zuvor heimlich erzeugter Bitcoin existiert. Zum anderen wurde die Botschaft als Kritik am bestehenden Finanz- und Geldsystem verstanden – und als Hinweis auf das Motiv, eine dezentrale Währung zu schaffen.

Wie können fremde Menschen miteinander handeln, sich einigen und verlässliche Informationen austauschen, ohne einander vertrauen zu müssen – und zugleich ohne sich auf eine zentrale Autorität zu verlassen?

Während die Philosophie nach Ursprüngen, Zwecken und Wertvorstellungen fragt, untersucht die Soziologie, wie solche Vorstellungen gesellschaftlich wirksam werden. Blockchain greift ein uraltes menschliches Problem auf: Wie können fremde Menschen miteinander handeln, sich einigen und verlässliche Informationen austauschen, ohne einander vertrauen zu müssen – und zugleich ohne sich auf eine zentrale Autorität zu verlassen? Früher richtete sich Vertrauen vor allem auf Menschen und Institutionen. Bei der Blockchain soll es stattdessen auf Protokolle, Netzwerke und Anreizsysteme gerichtet werden. Die eigentliche soziologische Frage lautet deshalb nicht, ob Vertrauen verschwindet, sondern welche Art von Gesellschaft notwendig ist, damit Menschen bereit sind, Computercode zu vertrauen.

Man muss sich nur ansehen, wie viel gesellschaftliche Infrastruktur eine Blockchain benötigt, um überhaupt funktionieren zu können: Rechtssysteme, die digitales Eigentum anerkennen; Börsen, die Token in staatliche Währungen umtauschen; Gemeinschaften, die Regeln für den Umgang mit Wallets und Schlüsseln durchsetzen; Entwickler, welche die Software pflegen und aktualisieren – und vieles mehr. Blockchain-Anhängerinnen und -Anhänger sprechen oft so, als könne Programmcode Institutionen ersetzen. Im Gegenteil sind aber neue Formen von Institutionenbildung beobachtbar. Aus dieser Perspektive wird auch der Genesis-Block noch einmal interessant. Soziologisch betrachtet zeigt er, dass jede Gesellschaft nicht nur Verfahren und Regeln braucht, sondern auch eine Geschichte darüber, warum diese Regeln überhaupt Unterstützung verdienen.

Technologie und Werte

Satoshi Nakamotos Botschaft wirkt wie ein Gründungsakt: Er oder sie benannte ein Problem, machte einen Gegenspieler sichtbar und verwandelte ein technisches Objekt in den Ausgangspunkt einer moralischen Überzeugung. Das hilft auch zu verstehen, warum Streitigkeiten innerhalb von Blockchain-Gemeinschaften oft so heftig geführt werden – weil es um viel mehr geht als nur um Technologisches. Dass die Blockchain als unveränderbar gilt, ist keine Eigenschaft der Technologie allein: Entscheidend ist, dass sich die Beteiligten darüber einig sind, welche Version zum Beispiel von Bitcoin die gültige sein soll. Gerade deshalb ist Blockchain so faszinierend: als gesellschaftliches Experiment, das uns zwingt, wichtige Fragen aus verschiedenen Perspektiven zugleich zu betrachten. Es zeigt, wie Technologie, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Wirklichkeit zusammenwirken.

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Start von Bitcoin deutet vieles darauf hin, dass Blockchain weder die Revolution ist, als die ihre Befürworterinnen und Befürworter sie darstellen, noch der blosse Betrug, als den ihre Kritikerinnen und Kritiker sie abtun. Sie ist etwas Interessanteres: ein Spiegel, der modernen Gesellschaften ihre eigenen Vorstellungen von Vertrauen, Autorität und Kooperation unter Fremden vor Augen hält. Philosophie und Soziologie zeigen uns, dass diese Fragen niemals rein technischer Natur, sondern von Wertvorstellungen durchdrungen sind.

Adam Hayes

Professor für Soziologie und Blockchain

unilu.ch/adam-hayes

Foto Patrik Hummel

Patrik Hummel

Professor für Philosophie und Blockchain

unilu.ch/patrik-hummel