Victoria Lemieux und Andrea Leiter sind die beiden ersten Gastforscherinnen am Zuger Institut. Sie zeigen, dass Blockchain auch die Art verändert, wie Gesellschaften Informationen sichern und Recht durchsetzen.
Entscheidende Dokumentation
Viele Menschen verbinden Blockchain vor allem mit Bitcoin oder anderen Kryptowährungen. Nur selten denken sie dabei an Schriftgutverwaltung (Records Management). Gerade diese steht jedoch im Zentrum dieser Technologie, dient Blockchain doch dazu, Transaktionen festzuhalten und nachweisbar zu machen. Darauf beruhen viele ihrer Anwendungen – etwa dezentrale Identitäten, der Austausch von Daten, die Rückverfolgbarkeit von Produkten oder Lieferketten.
Entsprechend vermag die Archivwissenschaft wichtige Beiträge im Bereich Blockchain zu leisten. Diese beschäftigt sich mit der Frage, wie wir wissen, was wir wissen – und wie dieses Wissen unsere soziale und materielle Welt prägt. In schriftbasierten Gesellschaften werden Wissen, Ansprüche und Rechte durch aufgezeichnete Transaktionen über Raum und Zeit hinweg weitergegeben. Verträge oder Eigentumsnachweise sind typische Beispiele. Blockchain verändert, wie Transaktionen dokumentiert werden, und könnte damit gesellschaftliche Praktiken und Institutionen grundlegend verändern. Ein Beispiel dafür sind Grundbücher: Traditionell werden Eigentumsnachweise zentral durch staatliche Stellen verwaltet. Heute versprechen Startups, die Registrierung von Land mittels Blockchain zu revolutionieren. Dadurch, so das Argument, liessen sich Transaktionen effizienter gestalten und Korruption bekämpfen. Das sind wichtige Ziele. Das Problem ist jedoch, dass solche Unternehmen häufig nicht einmal die Grundlagen der Schriftgut verwaltung verstehen – geschweige denn die tiefergehenden Aspekte der Archivwissenschaft oder der Erkenntnistheorie. Die Folgen können gravierend sein:
Effizienzgewinne bleiben aus, Eigentumsverhältnisse werden unsicherer und bestehende Institutionen geschwächt.
Neben Blockchain gibt es heute eine zweite Technologie, die unser Verständnis von Wissen und Wirklichkeit verändert: künstliche Intelligenz. Auf den ersten Blick könnte man meinen, beide Technologien zusammen bedeuteten doppelten Anlass zur Sorge. Vielleicht ist aber das Gegenteil der Fall: So kann Blockchain bspw. helfen, Deepfakes und Desinformation zu bekämpfen – etwa durch überprüfbare digitale Nachweise oder registrierte «Fingerabdrücke» von Bildern und Videos.
Das neue Zuger Institut für Blockchainforschung (ZIBR) untersucht, wie Blockchain bestehende Institutionen herausfordert und welche Rolle die Technologie für die Gesellschaft der Zukunft spielen kann. Die Perspektive der Archiv wissenschaft hilft dabei, ihre Folgen besser zu verstehen.
Programmierte Regeln
Blockchain stellt eine grundlegende Frage: Was geschieht mit dem Recht, wenn Regeln nicht mehr vor allem ausgelegt, sondern programmiert werden? Diese Frage lässt sich
nicht innerhalb einer einzigen Disziplin beantworten. Blockchain ist nicht nur ein Werkzeug der Informatik oder der Finanztechnologie. Sie berührt zentrale Institutionen moderner Gesellschaften – von Geld und Märkten bis hin zu Formen kollektiver Ordnung.
Schon früh war der Blockchain-Diskurs von grossen Erwartungen geprägt. Zwar beschrieb das Bitcoin-Whitepaper die Technologie zunächst als elektronisches Peer-to-Peer-Geld. Doch bald wurde Blockchain als Möglichkeit verstanden, wirtschaftliche und soziale Abläufe ohne Banken, Unternehmen oder staatliche Stellen zu organisieren. Blockchain erschien damit nicht nur als technische Infrastruktur, sondern auch als politisches Projekt der Dezentralisierung. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine bekannte These aus der Internetrechtstheorie neue Bedeutung: «Code is law.» Gemeint ist damit nicht, dass Software das Recht ersetzt. Vielmehr kann Code selbst regulieren, indem er festlegt, welche Handlungen in einem technischen System möglich sind und welche nicht. Neben Gesetzen, Märkten und sozialen Normen wird Code so zu einer eigenen Form der Regulierung.
Blockchain verschärft diese Entwicklung – so werden in sogenannten Smart Contracts Regeln direkt in ausführbaren Code übersetzt. Dieser wird automatisch auf der Blockchain ausgeführt. Vereinbarungen müssen dann nicht mehr ausgelegt oder durchgesetzt werden: Ihre Umsetzung ist bereits technisch eingebaut. Dadurch verlagert sich der Ort der Regulierung. Recht erscheint nicht mehr nur als etwas, das Gerichte oder Behörden im Nachhinein anwenden. Stattdessen wird Verhalten schon im Voraus durch technische Systeme gesteuert.
Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen klassischem Recht und codebasierter Regulierung: Herkömmliches Recht lebt von Spielräumen, Auslegung und der Möglichkeit, Entscheidungen anzufechten. Code dagegen strebt nach Eindeutigkeit. Er legt fest, was möglich ist – und was nicht. Konflikte, die früher politisch oder juristisch
verhandelt wurden, werden so teilweise in technische Designentscheidungen verschoben. Blockchain automatisiert deshalb nicht einfach bestehende Regeln. Sie beruht auf
einem bestimmten Verständnis von Recht: Regeln sollen möglichst eindeutig formuliert, automatisch ausgeführt und ohne weitere Interpretation durchgesetzt werden. Gerade deshalb braucht es Forschung, die technische Systeme nicht nur als Technik betrachtet, sondern auch ihre rechtlichen und gesellschaftlichen Folgen untersucht.
