An der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät wurden zwei Anschubfinanzierungen vergeben. Die in der Wissenschaftsforschung und Geschichte verorteten Promotionsprojekte greifen facettenreiche Themen auf.

Die Graduate School (GSL) möchte mit den Anschubfinanzierungen geeignete Kandidatinnen und Kandidaten beim Beginn ihrer Dissertationen unterstützen. Bei der letzten Ausschreibung, die das Doktoratsprogramm der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät lancierte, bekamen Sandra Gratwohl (Wissenschaftsforschung) und Anton Regli (Geschichte) den Zuschlag. Beide hatten im Frühjahr ihr Masterdiplom von der Universität Luzern erhalten.

Ethnografie des "System of Care"

Sandra Gratwohl

Bereits in ihrer Masterarbeit "Der Uterus als Operationsraum. Zur Praxis der fetomaternalen Chirurgie in der Schweiz" befasste sich Sandra Gratwohl mit der vorgeburtlichen Operation von Spina bifida, einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks (offener Rücken). Dabei konnte sie feststellen, dass dem sogenannten "System of Care" bei der Standardisierung der fetomaternalen Operation von Spina bifida eine besondere Bedeutung zukommt. Das "System of Care" beschreibt die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure und Disziplinen, die sowohl einen erfolgreichen vorgeburtlichen Eingriff bei Spina bifida als auch eine vollumfängliche Vor- und Nachsorge für den Fötus und die schwangere Frau sicherstellen. In ihrem ethnografisch angelegten Dissertationsprojekt untersucht Gratwohl am Beispiel des Zentrums für Fetale Diagnostik und Therapie (ZFDZ) in Zürich, wie dieses "System of Care" funktioniert, unterhalten und weiterentwickelt wird und weiter wie aus einem medizinischen zugleich ein rechtlicher Standard und letztlich eine gesellschaftliche Normalität wird. Betreut wird die Arbeit von Prof. Dr. Christoph Hoffmann, Professor für Wissenschaftsforschung.

Kulturgeschichte des Panzers

Anton Regli

Das zweite von der GSL unterstützte Projekt widmet sich der Kulturgeschichte des Panzers im 20. Jahrhundert. Anton Reglis Dissertation wird betreut von Prof. Dr. Daniel Speich Chassé, Professor für Globalgeschichte. Der Panzer versinnbildlicht organisierte Maschinengewalt. Er verbindet archaische und hochtechnisierte Dimensionen des Krieges. In einer Epoche in der das Verhältnis zwischen Mensch und Technik neu verhandelt werden muss, bietet der Panzer ein Betrachtungsobjekt, an dessen Beispiel vier grosse Themen des 20. Jahrhunderts nachvollzogen werden können. Erstens lässt sich anhand einer Diskursgeschichte des Tanks beispielhaft zeigen, wie gesamtgesellschaftliche Kommunikation bezüglich neuer Technologien, Rüstungsbeschaffung und Krisenbewältigung in Kriegs und Friedenszeiten funktioniert. Zweitens ermöglicht die techniksoziologische Betrachtung des Dings "Panzer" das Studium der Interaktion zwischen Mensch und Maschine und, drittens, eröffnen sich Forschungsperspektiven auf die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Viertens erlaubt eine rechts- und sozialgeschichtliche Herangehensweise an das Phänomen zu verdeutlichen, wie Macht- und Herrschaftsverhältnisse durch technologische Veränderung beeinflusst werden.

Ziel: weitere Finanzierung durch Drittmittel

Bedingung der Vergabe der einjährigen Anschubfinanzierungen von je gegen 30’000 Franken ist, dass die Nachwuchsforschenden einen Förderantrag zuhanden einer Drittmittelinstitution ausarbeiten und einreichen. Dadurch wird bei erfolgreicher Begutachtung die weitere Finanzierung der Promotionsprojekte nach Ablauf der fakultären Förderung sichergestellt.

Die Graduate School of Humanities and Social Sciences der Universität Luzern, so der vollständige Name der GSL, besteht seit 2010. Sie bietet hochqualifizierten Studierenden in den Fachrichtungen der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein strukturiertes und intensiv betreutes Doktoratsprogramm. Zurzeit promovieren in diesem Rahmen 131 Doktorierende aus 11 Fachbereichen.

Auf den 1. Oktober hin vergibt die GSL zwei weitere einjährige Anschubfinanzierungen. Nachwuchsforschende können sich bis zum 10. August bewerben.

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16. Juli 2018