Weniger Gesundheitskosten durch mehr Physiotherapie?
Eine Modellrechnung der Universität Luzern zeigt, wie der Direktzugang zur Physiotherapie zu tieferen Gesundheitskosten in der Schweiz führen könnte, trotz potenziell höheren Ausgaben für physiotherapeutische Leistungen.
Chronische Schmerzen und Einschränkungen des Bewegungsapparates, wie Rückenschmerzen, Arthrose und Osteoporose, verursachen hohe Gesundheitskosten. Die Physiotherapie nimmt eine zentrale Rolle in der Versorgung solcher Erkrankungen ein.
Aktuell wird eine physiotherapeutische Leistung in der Schweiz nur von der Grundversicherung vergütet, wenn diese vorab ärztlich verordnet wurde. Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft, einer Zunahme an Erkrankungen des Bewegungsapparates und der daraus resultierenden wachsenden finanziellen Belastung der Versicherten, gewinnen Ansätze für ein mögliches Einsparpotenzial an Bedeutung. Eine Studie der Universität Luzern im Auftrag von Physioswiss, dem Schweizer Physiotherapie Verband, hat sich dem Einsparpotenzial durch den Direktzugang zur Physiotherapie gewidmet.
Direktzugang als neuer Versorgungspfad
Unter «Direktzugang» wird verstanden, dass Patientinnen und Patienten physiotherapeutische Leistungen ohne vorherige ärztliche Verordnung in Anspruch nehmen können und diese trotzdem durch die Grundversicherung vergütet werden. Bestehende internationale Forschung bietet Hinweise, dass der Direktzugang zur Physiotherapie die Versorgung beschleunigen, Kosten reduzieren und die Patientenzufriedenheit steigern kann, dies bei vergleichbarer Behandlungssicherheit. Für die Schweiz stellt sich somit die Frage, in welcher Grössenordnung Einsparungen tatsächlich möglich wären, um so eine Entscheidungsgrundlage für mögliche Massnahmen zu schaffen.
Das Projekt unter der Leitung von Stefan Boes, Professor für Gesundheitsökonomie, untersuchte daher, welches Einsparpotenzial vorhanden wäre, wenn Patientinnen und Patienten in der Schweiz bei Rücken- und Kniebeschwerden ohne ärztliche Verordnung zur Physiotherapie gehen. Dafür wurden internationale Studien systematisch zusammengetragen und ausgewertet und die gefundenen Effekte in ein Kostenmodell für die Schweiz übertragen.
Modellrechnung zeigt Einsparpotenzial
Die Ergebnisse der Modellrechnung zeigen eine durchschnittliche Reduktion der direkten Gesundheitskosten um 8,02% und der indirekten Kosten (z.B. über Arbeitsausfälle, Produktivitätseinbussen) um 43,26% gegenüber dem heutigen, ärztlich gesteuerten Pfad. Für Rückenschmerzen entspricht dies, unter der Annahme, dass jede vierte betroffene Person direkt zur Physiotherapie geht, jährlichen Einsparungen von rund 144 bis 156 Millionen Franken bei den direkten Gesundheitskosten sowie bis zu einer Milliarde Franken bei den indirekten Kosten. Bei Kniebeschwerden könnten die direkten Gesundheitskosten gemäss Modell um weitere 18 bis 19,5 Millionen Franken pro Jahr sinken.
Die Resultate deuten darauf hin, dass der Direktzugang den Behandlungspfad verschieben würde: Es ist von mehr Leistungen, also höheren Ausgaben in der Physiotherapie auszugehen, gleichzeitig würden die Ausgaben für Bildgebung, stationäre und andere ambulante Leistungen sinken.
Forschungsteam empfiehlt weiterführendes Pilotprojekt
Da für die Schweiz bisher keine Studien zur Kosten-Nutzen-Verhältnis des Direktzugangs vorliegen, wurde die Erkenntnisse aus internationalen Studien herangezogen. Die Übertragbarkeit ist aufgrund von Unterschieden in Zugang, Finanzierung und Rollen der Berufsgruppen daher nicht uneingeschränkt möglich. Aufgrund der mangelnden Datenlage wurden zudem Vereinfachungen vorgenommen.
Das Forschungsteam empfiehlt daher in einem nächsten Schritt ein sorgfältig geplantes Pilotprojekt mit breiter Datenerhebung, um Nutzen, Sicherheit und Kosten für die Schweiz verlässlich zu belegen und eine fundierte Entscheidung zur Umsetzung zu ermöglichen.
Das Forschungsteam bestand neben Projektleiter Stefan Boes aus Maria A. Cattaneo, Noémi Nagy und Roberto Monfermoso. Als Masterstudent der Gesundheitswissenschaften unterstützte Monfermoso das Projekt im Rahmen seines Forschungspraktikums an der Professur von Stefan Boes und wirkte an den Berechnungen mit.
Wissenschaftlicher Schlussbericht «Modellrechnung Direktzugang zur Physiotherapie in der Schweiz»
Medienmitteilung von Physioswiss
