«Schreiben ist nicht Kunst, sondern Arbeit»

Der Schriftsteller Martin Suter las im Rahmen der elften Presidential Lecture aus seinem Roman «Melody». Im anschliessenden Gespräch erläuterte der bekannte Autor, warum er beim Schreiben stets einen Plan hat und weshalb künstliche Intelligenz ihn zwingt, noch besser zu werden.

Schriftsteller Martin Suter

Mit Martin Suter war am 2. Juni einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz zu Gast an der Universität Luzern. Im entsprechend voll belegten Rudolf Albert Koechlin Auditorium las er Ausschnitte aus seinem 2023 erschienen Roman «Melody». Die Geschichte handelt von Alt-Nationalrat Dr. Stotz, der schwerkrank dem jungen Tom Elmer, der seinen Nachlass regeln soll, von seiner einstigen Verlobten Melody erzählt, die vor über 40 Jahren verschwunden ist. Nach und nach stellt sich Tom die Frage, ob sein Chef wirklich ist, wer er vorgibt zu sein. 

In dem an die Lesung anschliessenden Gespräch stellte Dr. Lennart Brand, Director of Advancement, Martin Suter die Frage, was es für ihn bedeute, Schweizer Autor zu sein im deutschsprachigen Raum. «Verstehen Sie sich als deutschsprachiger Autor, der zufällig aus der Schweiz stammt oder bedeutet es etwas Besonderes für Sie?» Am Anfang habe er darauf geachtet, dass er nicht als Schweizer Autor wahrgenommen werde, antwortete Martin Suter. «‹Den ‹Emil-Bonus› wollte ich nicht, aber das war wegen des Akzents schwer zu verhindern», fügte er mit einem Schmunzeln an. Ja, er habe als deutschsprachiger Autor wahrgenommen werden wollen und sich gefreut, «wenn jemand dachte, dass mein erster Roman ‹Small World› in Bremen spiele». Alle seine Romane spielten in der Schweiz, aber erst beim Roman «Melody» habe er Zürich genannt.

Wie denn sein Verhältnis zur Schweiz sei, wollte Lennart Brand weiter wissen, angesichts der Tatsache, dass beispielsweise Max Frisch eine eher schwierige Beziehung zu seiner Heimat hatte. «Ich lebte zwar mehr als 20 Jahre nicht in der Schweiz, habe aber ein entspanntes Verhältnis zu Land und Leuten», sagte Martin Suter. Im Ausland sei er gewesen, weil er keinen Bürojob habe und es möglich war, an anderen Orten zu arbeiten. Er sei ein sehr zufriedener Schweizer, der heute in Zürich lebe. 

Martin Suter verriet, als er auf seinen Alltag angesprochen wurde, dass er vor wenigen Tagen seinen vierten Roman fertig geschrieben habe, den er ausschliesslich von Hand verfasste. «Früher habe ich um neun Uhr vor dem Desktop mit der Arbeit begonnen, eine Mittagspause gemacht und danach weitergearbeitet. Jetzt, da ich von Hand schreibe, sitze ich auch mal im Garten und bin viel freier.» Als seine Frau schwer krank war, sei er mit ihr in die Kliniken mitgereist und habe dort von Hand geschrieben. Dass er «unplugged» schreibe, habe vielleicht seinen  Stil ein wenig verändert, sagte Martin Suter. «‹Melody› war das erste Werk, das ich auf diese Weise verfasst habe.»

Verdächtiger Kunstbegriff

Martin Suter betonte im Gespräch, dass er das Schreiben nicht als Kunst, sondern als Arbeit betrachte und er wenig mit dem Begriff Schreibblockade anfangen könne. Früher habe er gesagt: «Ein Schreiner hat auch keine Hobelblockade.» Das sei aber ein etwas überheblicher Satz, und er finde Überheblichkeit als etwas vom Widerlichsten.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob er sich durch künstliche Intelligenz, die immer mehr auch in der Literatur zum Thema werde, bedrängt fühle, meinte Martin Suter: «Vielleicht ist es eine Altersfrage, dass ich mir keine grossen Sorgen mache, junge Autorinnen und Autoren müssen sich stärker damit befassen», sagte Martin Suter. Trotzdem bereite ihm die Entwicklung auch Unbehagen, gab er zu. «Bald wird es viele Berufe nicht mehr geben. Uns Schriftsteller wird es zwingen, uns noch mehr Mühe zu geben.» Erschreckt habe ihn, als er die KI, mit der er sich zuweilen unterhält, gefragt habe, ob sie ein Bewusstsein habe. «Die Antwort war Nein, aber sie könne so tun, als ob», sagte Martin Suter. 

Eine weitere Frage aus dem Publikum nach Martin Suters Schreibprozess war, ob er jeweils von Anfang an einen Plan habe oder sich eher treiben lasse. Er habe immer einen Plan, bevor er zu schreiben beginne und wisse vor allem, wie die Geschichte ausgehen soll, antwortete der Autor. «Zwei Romane habe ich in den Sand gesetzt, weil ich das Ziel nicht von Anfang an kannte.» Ein Jahr zu verlieren mit einem misslungenen Roman  könne er sich in seinem Alter nicht mehr leisten, fügte er mit einem Lächeln an. Martin Suter verriet zum Schluss, dass er wenig vom Begriff Inspiration halte. «Der kreative Prozess wird dadurch mystifiziert und man erhebt sich damit über andere. Bei mir ist Schreiben Arbeit. Ideen habe ich, wenn ich arbeite und Ideen haben will.»

Impressionen

Bilder: Roberto Conciatori