Politische Konsequenzen von Spitalschliessungen
Ein Working Paper des Center for Health, Policy and Economics zeigt: Verantwortliche Parteien verlieren nach Spitalschliessungen an Unterstützung. Eine transparente Kommunikation und frühzeitige Einbindung sind wichtig für die politische Akzeptanz.
Die Schweizer Spitallandschaft steht unter Druck. Steigende Kosten, zunehmende Spezialisierung und wirtschaftliche Belastungen führen dazu, dass Spitalangebote stärker gebündelt und besser koordiniert werden sollen. In diesem Zusammenhang kommt es auch zur Schliessung einzelner Spitalstandorte.
Solche Schliessungen sind politisch jedoch umstritten und stossen in betroffenen Regionen oft auf Widerstand. In der öffentlichen Debatte werden Spitalschliessungen auch oft mit der Abwahl kantonaler Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren verknüpft, wobei sich solche Aussagen bisher an Einzelfallbeispielen orientiert haben. Ein Working Paper des Center for Health, Policy and Economics der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin untersucht nun erstmals systematisch, wie stark solche politischen Folgen in der Schweiz tatsächlich sind.
Spitalschliessungen mit Wahldaten verknüpft
Das Working Paper von Ronja Stahl und David Weisstanner fokussiert sich spezifisch auf die Beziehung zwischen Spitalschliessungen und der Wahlneigung zugunsten der Partei, die für die Gesundheitsdirektion zuständig ist. Analysiert wurden 35 dauerhafte Schliessungen stationärer Spitalstandorte in der Schweiz zwischen 2016 und 2023 (siehe nachfolgende Abbildung). Diese Informationen wurden mit Daten aus den Selects-Nachwahlbefragungen zu den Nationalratswahlen 2019 und 2023 verknüpft. So liess sich untersuchen, wie sich das Wahlverhalten von Personen in Regionen mit Spitalschliessungen in den vier Jahren vor einer Wahl verändert.
Deutliche Konsequenzen für die zuständige Partei
Die Analyse zeigt, dass Spitalschliessungen ausgeprägte politische Folgen haben können. In betroffenen Regionen erhält die für das kantonale Gesundheitsdepartement zuständige Partei deutlich weniger Unterstützung als in vergleichbaren Regionen ohne Spitalschliessung.
Der Effekt zeigt sich breit abgestützt in verschiedenen Bevölkerungsgruppen: in der Deutschschweiz ebenso wie in der Romandie und der italienischsprachigen Schweiz, in städtischen wie ländlichen Gebieten, bei jüngeren wie älteren Wählerinnen und Wählern sowie über das ideologische Spektrum hinweg. Politische Reaktionen zeigen sich bei der Schliessung von Allgemeinspitälern als auch bei spezialisierten Kliniken, wobei sie bei Letzteren teilweise stärker ausfallen.
Darüber hinaus zeigen sich Veränderungen in den politischen Einstellungen und Parteipräferenzen. In betroffenen Regionen verschiebt sich das Unterstützungspotenzial tendenziell weg von Mitte-rechts-Parteien und etwas stärker hin zu Parteien links der Mitte. Im effektiven Wahlverhalten zeigt sich dieses Muster jedoch nur begrenzt.
Implikationen für die Versorgungspraxis
Die Ergebnisse zeigen: Spitalplanung ist nicht nur eine Frage von Effizienz und Qualität, sondern auch von politischer Akzeptanz. Spitalschliessungen betreffen lokale Versorgungsstrukturen und können politisch sensibel sein. Der Reformdruck im Gesundheitswesen wird jedoch bestehen bleiben. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel, steigende Kosten und Qualitätsanforderungen führen voraussichtlich zu mehr Ambulantisierung, Konzentration von Angeboten und neuen Versorgungsmodellen.
«Um Reformen erfolgreich umzusetzen, braucht es transparente Kommunikation und die frühzeitige Einbindung betroffener Regionen. Spitalplanung ist politisch tragfähiger, wenn sie partizipativ gestaltet wird. Neben fachlicher Evidenz sind deshalb auch politische und kommunikative Strategien entscheidend», so Assistenzprofessor David Weisstanner, Co-Autor des Working Papers.
Weiterentwicklung auf Basis des Working Papers
Die Ergebnisse wurden bisher als Working Paper sowie in einem begleitenden Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlicht. Geleitet wird das Projekt von Assistenzprofessor David Weisstanner. Ronja Stahl, Masterstudentin in Health Sciences an der Universität Luzern, unterstützte im Rahmen ihres Master Research Internships bei der Umsetzung und Publikation der Studie. Zudem arbeitet sie derzeit an ihrer Masterarbeit zu den politischen Folgen der Schliessung von Geburtsabteilungen, insbesondere im Hinblick auf politisches Vertrauen.
In einem nächsten Schritt plant das Forschungsteam weiterführende Analysen mit zusätzlichen Datensätzen. Dabei soll untersucht werden, über welche politischen Mechanismen sich der Abbau öffentlicher Dienstleistungen auswirkt – etwa über Verantwortungszuschreibung, Protest und Unzufriedenheit sowie Mobilisierung und Demobilisierung – und wie sich diese Dynamiken im föderalen Mehrebenensystem der Schweiz mit geteilter Regierungsverantwortung von jenen in anderen politischen Systemen unterscheiden.
Weitere Informationen:
Artikel «Spital schliesst: Stimmen weg?», Schweizerische Ärztezeitung, Juni 2026

