Planetary Health: Wenn Klimawandel zur Gesundheitsfrage wird
Hitzewellen, Luftverschmutzung und Extremwetterereignisse: Der Klimawandel ist längst auch eine Gesundheitsfrage. Eine Faculty Lecture an der Universität Luzern beleuchtete, warum wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen der Gesundheit von Mensch und Umwelt oft nur verzögert in politische Massnahmen münden.
Der Klimawandel wirkt längst weit über ökologische Veränderungen hinaus und beeinflusst zunehmend auch soziale und gesundheitliche Entwicklungen. Mit diesen Zusammenhängen und Wechselwirkungen beschäftigt sich das Feld der «Planetary Health». Der Ansatz beschreibt die Abhängigkeit menschlicher Gesundheit von der Gesundheit der Erdsysteme sowie deren Fähigkeit, Leben zu ermöglichen, mit Störungen umzugehen und sich zu regenerieren. Eng damit verbunden ist das Konzept der Planetary Boundaries, das neun zentrale Erdsystemprozesse definiert, die die Lebensgrundlagen auf der Erde sichern. Der Klimawandel ist eine dieser planetaren Grenzen. Planetary Health ist dabei nicht nur ein wissenschaftliches Forschungsfeld, sondern auch eine globale Bewegung, die die Gesundheit von Menschen und Ökosystemen schützen will.
Vor dem Hintergrund des World Environment Day, der jeweils am 5. Juni stattfindet und dieses Jahr unter dem Motto «A Global Call for Climate Action» steht, gewinnt die Frage an Bedeutung, wie vorhandenes Wissen in konkretes Handeln umgesetzt werden kann. Mit dieser Herausforderung setzte sich auch die Lecture «Planetary Health in Geopolitical Times» vom 25. Mai 2026» auseinander. Im Fokus standen die politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Bedingungen, die darüber entscheiden, ob Erkenntnisse im Bereich Planetary Health tatsächlich Wirkung entfalten. Dabei ging es um Fragen der Governance, um Interessenkonflikte sowie um internationale Machtverhältnisse, die den Handlungsspielraum für Massnahmen im Gesundheits- und Umweltbereich prägen.
Ungleich verteilte Gesundheitsfolgen
Dr. MPM Marleen Bekker, Associate Professor für Health Policy and Politics an der Wageningen University Group, zeigte in der Lecture, wie eng Klimawandel, Gesundheit und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind.
Zu Beginn ihres Vortrags verdeutlichte Bekker, dass gesundheitliche Folgen des Klimawandels ungleich verteilt sind. Besonders betroffen sind Bevölkerungsgruppen und Regionen, die bereits unter sozialen oder infrastrukturellen Belastungen leben, sowohl lokal als auch global. Beispiele aus ihrer früheren Tätigkeit als Pflegefachperson machten sichtbar, wie feuchte Wohnungen, Schimmel, belastete Strassenräume oder fehlende Infrastruktur gesundheitliche Risiken verstärken. Weltweit tragen Länder mit begrenzten Ressourcen die Hauptlast von Hitzewellen, Überschwemmungen oder Entwaldung, obwohl sie tendenziell weniger zur Klimakrise beigetragen haben.
Die gesundheitlichen Auswirkungen entstehen aus dem Zusammenspiel ökologischer und gesellschaftlicher Faktoren. Dazu zählen Konsumgewohnheiten, Urbanisierung und technologische Entwicklungen, die Umweltbelastungen wie Luftverschmutzung, Wasserknappheit oder Extremereignisse mitverursachen. Wie stark Menschen davon betroffen sind, hängt wiederum von strukturellen Bedingungen wie Einkommen, Infrastruktur, politischer Stabilität und dem Zugang zur Gesundheitsversorgung ab.
Wenn Gesundheit politisch wird
Im Zentrum der Lecture stand die Frage, warum wissenschaftliche Erkenntnisse allein häufig nicht ausreichen, um Veränderungen anzustossen. Marleen Bekker zeigte auf, wie politische Polarisierung, wirtschaftliche Interessen und Desinformation die Umsetzung von Klima- und Gesundheitsmassnahmen erschweren. Diese Dynamiken beeinflussen, wie Wissen wahrgenommen wird und ob die Erkenntnisse Auswirkungen auf politische Entscheidungsprozesse haben.
Gleichzeitig verwies Bekker auf grundlegende Treiber von Umweltveränderungen wie Konsumverhalten, wirtschaftliche Wachstumslogiken und gesellschaftliche Wertvorstellungen. Diese wirken langfristig und sind tief in politischen und wirtschaftlichen Systemen verankert. Um wirksame Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln, brauche es deshalb eine systemische Transformation durch neue Formen der Zusammenarbeit. Dazu gehören insbesondere transdisziplinäre Forschung, eine stärkere Einbindung betroffener Gemeinschaften sowie eine Bottom-up-Politikgestaltung, die es ermöglicht, wissenschaftliche Erkenntnisse besser in präventive, schützende und transformative politische Massnahmen und Regulierungen zu überführen.
Auch die Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Politikberatung spielen dabei eine wichtige Rolle. Unabhängige Institutionen, transparente Entscheidungsprozesse und langfristige Finanzierungsstrukturen gelten als zentrale Voraussetzungen, um Vertrauen zu stärken und evidenzbasierte Politik zu ermöglichen.
Gesundheit und Umwelt gemeinsam denken
Die Lecture verdeutlichte, wie eng Umwelt- und Gesundheitsfragen miteinander verknüpft sind und wie stark politische Faktoren deren Bearbeitung beeinflussen. Am heutigen World Environment Day gewinnt diese Perspektive zusätzliche Aktualität. Die Veranstaltung machte deutlich: Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels sind zunehmend sichtbar. Ob daraus wirksame Massnahmen entstehen, hängt jedoch nicht allein vom wissenschaftlichen Kenntnisstand ab, sondern auch von politischen Entscheidungen, institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Prioritäten.

