Nicht ganz Spider-Woman
POV: Du erlebst einen «Canon Event» im Vorlesungssaal. Einen dieser Momente, nach denen du dein Studium ein kleines bisschen anders siehst. Chantal Hüsler, Masterstudentin der Global Studies, erzählt in ihrer Kolumne von prägenden Momenten an der Universität Luzern.
Von Helden, Feinden und «Canon Events»
Der Begriff «Canon Event» stammt ursprünglich aus dem Film «Spider-Man: Across the Spider-Verse» und wurde in den sozialen Medien jedoch dankbar übernommen. Er bezeichnet ein meist unangenehmes, aber prägendes Schlüsselerlebnis, das eine Person nachhaltig verändert. Es ist ein Moment der tiefen Erkenntnis, der das eigene Selbstbild erschüttert und neu formt.
Ich bin zwar weder Spider-Man noch Spider-Woman. Das kann ich mit Sicherheit sagen – ich habe meine Fähigkeiten mehr als einmal voller Hoffnung getestet. Trotzdem weist meine Uni-Geschichte erstaunliche Parallelen zu einer Superheld*innengeschichte auf. Meine Freund*innen sind Held*innen, irgendwo lauert stets ein Bösewicht – sei es mein innerer Schweinehund, die unerfreuliche Aussicht, ein Telefonat führen zu müssen, oder ganz schlicht der Montagmorgen.
Und wie Spider-Man erlebe auch ich immer wieder meine ganz persönlichen «Canon Events»: Momente, die mich herausfordern, aus der Bahn werfen und am Ende doch ein kleines Stück weiterbringen.
Entführt ins Mittelalter
Wie in jeder guten Heldengeschichte, traf mich mein erster «Canon Event» ganz unverhofft. Es war meine allererste Vorlesung in Geschichte: «Eine Einführung ins Mittelalter». Heute weiss ich: Der Titel «ENTFÜHRUNG ins Mittelalter» wäre passender gewesen.
Die Vorlesung begann unscheinbar. Der Professor stellte uns das Konzept «follow the money» vor: Wenn man die Geldströme rekonstruiert, kommt man früher oder später der zugrunde liegenden Machtstruktur auf die Spur. Was dann geschah: Der Professor veranschaulichte das Konzept mit Anekdoten, doch die Worte waren derart passend gewählt, dass sich der Vorlesungssaal um mich herum auflöste. Er jagte uns durch mittelalterliche Gassen, schmuggelte uns in Verhandlungen an königlichen Höfen und setzte uns den leidenschaftlichen Predigten der Bettlerorden aus.
Als die Vorlesung endete, musste ich mich erst wieder an die Realität erinnern. Bis heute bin ich überzeugt, dass an meinen Kleidern der Duft des mittelalterlichen Marktes haftete, als ich den Vorlesungssaal verliess. Ich wusste es damals noch nicht, aber ich hatte gerade meine Origin Story erhalten: die Gewissheit, dass Geschichte kein totes Wissen ist, sondern eine Kraft, mit der man arbeiten kann.
Zwischen Wissen und Gewissen
Wer kennt ihn nicht, den Plottwist, der den Helden erkennen lässt, für die falsche Seite gekämpft zu haben? Diese Lektion ereilte mich in einer Übung der Rechtswissenschaften.
Es war eine heftige Diskussion entbrannt: Eine rechtliche Frage wurde zum Politikum, da die rechtliche Praxis dem Elend der Realität kaum gerecht zu werden schien. Stimmen wurden laut, Zeigefinger flogen durch die Luft, und die unbeteiligten Studierenden versuchten, sich so klein wie möglich zu machen. Fern von dem Heldentum, das ich mir gerne zuschreiben würde, kauerte ich hinter meinem Laptop und versuchte so unparteiisch wie möglich auszusehen.
Nicht so die Dozentin. Die junge Juristin erstickte das Chaos mit einem Blick. Die Realität sei oft brutal und ungerecht, erklärte sie. Doch gerade in solchen Situationen liege die Aufgabe der Rechtswissenschaft darin, dem Recht zu folgen und nicht dem Gefühl. Das Recht schaffe einen objektiven Rahmen jenseits persönlicher Emotionen. Objektivität bedeute dabei nicht Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht, sondern sei Teil des wissenschaftlichen Handwerks.
Mir wurde klar, dass ich bisher vor allem versucht hatte, die moralisch überzeugendere Position zu unterstützen. Wissenschaft verlangt jedoch etwas anderes: inmitten von Meinungen einen Schritt zurückzutreten und nach einer möglichst objektiven Beurteilung zu suchen.
Lesen wie eine Wissenschaftlerin
Meinen jüngsten «Canon Event» erlebte ich im vergangenen Frühjahrssemester. Alles begann mit einem simplen Leseauftrag. Wie ein pflichtbewusster kleiner Picasso verzierte ich den Text in farbigen Blöcken: Pink für den Forschungsstand, Orange für wichtige Akteur*innen, Gelb für zentrale Zusammenhänge und Grün für Fragen und Unklarheiten.
Im Seminar angekommen, fiel ich aus allen Wolken. Die Professorin trug uns auf, den Text zu kritisieren. Objektivität und Quellenkritik kannte ich gut. Aber ich hatte es mir noch nie angemasst, die Sekundärliteratur eines renommierten Akademikers in die Mangel zu nehmen.
Plötzlich las ich nicht mehr nur, um den Inhalt zu verstehen, sondern um die Methodik dahinter zu untersuchen. Drei Wochen lang sezierten wir den Text. Dabei wurden aus methodischen Fragmenten, mit denen ich meine früheren Forschungsfragen eher malträtiert als geschärft hatte, plötzlich hilfreiche Leitplanken. Und siehe da: Zum ersten Mal freute ich mich darauf, den bisher gefürchteten Methodik Teil meiner nächsten Seminararbeit zu verfassen.
Epilog: Keine Superkräfte nötig
Mit diesen Erkenntnissen werde ich zwar nicht gleich die Welt retten. Das ist nur fair, schliesslich trage ich keinen Umhang und kann mich auch nicht von Häuserfassaden abseilen. Also begnüge ich mich mit den Heldentaten des Uni-Alltags: einer gelungenen Seminararbeit, einer hitzigen Diskussion und dem regelmässigen Verhindern meines ganz persönlichen akademischen Weltuntergangs.
Dieser Beitrag wurde von Chantal Hüsler, Masterstudentin in Global Studies, verfasst.
