Neuer Blick offenbart innovatives Uri

Am Beispiel des Schächentals zeigte Boris Previšić im Rahmen der LUKB-Vorlesungsreihe, wie ein städtischer Blick auf die Alpen deren Innovationskraft unterschätzt. Mit seinem Vortrag plädierte er für ein offeneres Verständnis von Innovation und Entwicklung.

Der Referent Boris Previšić (Bild: Roberto Conciatori)

60 Prozent der Schweiz bestünden aus «alpiner Brache»: aus Restflächen ohne erkennbare Zukunft, geprägt von vermeintlich überholter Alp- und Forstwirtschaft und wenigen touristischen Zentren. So lautete vor gut 20 Jahren die Diagnose der Studie «Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt» des ETH Studio Basel, eines 1999 bis 2018 an der ETH Zürich angesiedelten Lehr- und Forschungsinstituts für Stadt- und Territoriumsforschung. «Eine Aussage, die bei den Betroffenen für heftige Reaktionen sorgte», bemerkte Prof. Dr. Boris Previšić, Gründungsdirektor des Urner Instituts Kulturen der Alpen und Titularprofessor für Kulturwissenschaften, zu Beginn des Anlasses. Heute würden die Alpen – auch infolge der Corona-Pandemie und der Energiewende – wieder als Rückzugs-, Produktions- und Speicherraum wahrgenommen. «Doch hat sich auch der Massstab verändert, mit dem ihre Zukunftsfähigkeit beurteilt wird?», fragte Previšić. 

Alte Denkmuster aufbrechen

Um diese Frage zu ergründen, zog er den kantonalen Wettbewerbsindikator der UBS von 2025 heran. Uri belegt darin insgesamt den letzten Platz, liegt beim Kostenumfeld jedoch auf Rang drei und beim Arbeitsmarkt auf Rang acht. Zurück fällt der Kanton vor allem bei Humankapital, Wirtschaftsstruktur, Einzugsgebiet und Innovation. Für Previšić zeigt sich darin ein vertrautes Denkmuster: Das Potenzial eines Standorts wird über die Erreichbarkeit wirtschaftlicher Zentren bewertet, Innovation etwa anhand von Patenten, Start-ups und Neueinträgen im Handelsregister. Der Kanton Neuenburg allerdings weist im Wettbewerbsindikator der UBS trotz schwachem Einzugsgebiet eine hohe Innovationskraft auf – dies dank gewachsenen Kompetenzen in Uhrenindustrie, Feinmechanik und Mikrotechnik. «Geografische Anbindung ist also nicht Schicksal», folgerte Previšić.

Einheimische als «Alleskönner»

Auch das Schächental mit seinen drei Ortschaften Bürglen, Spiringen und Unterschächen verfüge über lokal verwurzelte Fähigkeiten, die in herkömmlichen Ranglisten kaum sichtbar würden. Previšić stellte dem UBS-Bericht deshalb das sogenannte Oslo-Manual der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gegenüber. Dieses berücksichtigt neben neuen Produkten auch Prozesse, Organisationsformen und Vermarktung. Typisch für das Schächental sei die Mehrfachtätigkeit: Viele Menschen würden Erwerbsarbeit, Landwirtschaft und Ehrenamt verbinden. Wissen werde in Familien, Betrieben und Vereinen weitergegeben. Im Urner Dialekt stehe dafür das Wort «acheerig»: geschickt, tüchtig und fähig, sich durch Ausprobieren und im Austausch mit anderen zu helfen wissen. Vereine seien daher mehr als Freizeitorganisationen; sie bildeten eine informelle Wissens- und Tauschinfrastruktur. Darin zeige sich informelles, praxisorientiertes Lernen, was der klassischen Definition von innovativem Lernen entspreche.

Als weiteres Beispiel für die Innovationskraft des Schächentals nannte Boris Previšić die Zusammenarbeit von Spiringen und Unterschächen. Die Zusammenlegung der Schulen habe das Angebot flexibilisiert und den Stundenplan mit dem öffentlichen Verkehr verzahnt. Was aus der Distanz als Nachteil erscheine, könne vor Ort attraktiv sein: die Nähe zur Natur und ein enges soziales Netz. Bemerkenswert sei zudem, dass die beiden Gemeinden derzeit die höchste Geburtenrate der Schweiz aufwiesen.

Bestehendes nutzen und verdichten

Besonders deutlich werde der erweiterte Blick bei der Energie. Während sie im UBS-Indikator vor allem als Kostenfaktor erscheine, entsteht im Schächental auf rund 2000 Metern die Solaranlage Sidenplangg mit acht Megawatt Leistung und einer erwarteten Jahresproduktion von 12,5 Gigawattstunden. Das entspreche dem Verbrauch von etwa 2800 Haushalten, sagte Previšić. Rund 70 Prozent des Bauvolumens der neuen Anlage gehen an Urner Unternehmen, Spiringen erhält jährlich einen Fixbetrag für die Stromerzeugung.

Weitere innovative Beispiele seien der genossenschaftliche Dorfladen in Unterschächen, der die Funktionen als Geschäft, Postagentur, Café und Treffpunkt verbindet, sowie digitale Plattformen und gemeinsam genutzte Elektroautos. Darin erkennt Previšić ein Muster: Innovation entsteht nicht als Bruch mit dem Bestehenden, sondern durch dessen Verdichtung und neue Vernetzung. Die strukturellen Nachteile des Schächentals verschwänden dadurch nicht. Doch ein Innovationsbegriff, der Erfahrungswissen, neue Organisationsformen und gemeinschaftliche Infrastruktur ausblende, bleibe unvollständig. Das Schächental sei die Probe aufs Exempel: Es zeige, wie anders die Zukunft der Alpen erscheine, wenn sie nicht allein mit urbanen Massstäben gemessen werde.

Im anschliessenden Podium mit Martin Hartmann, Rektor der Universität Luzern, betonte Christina Furrer, Vorsteherin des Amts für Gesundheit, Soziales und Umwelt der Gemeinde Unterschächen, Innovation brauche Menschen, die gemeinsam Neues entwickelten. Previšić ergänzte, auch die naturgegebenen Herausforderungen des Tals könnten dessen historisch verankerte Innovationskraft erklären: Not mache erfinderisch.

Literarische Auseinandersetzung mit dem Alpenraum

Bei der LUKB-Vorlesung handelte es sich um den zweiten Teil der Themenabende «Alpen – Energie – Innovation». Am Vortag hatte unter dem Motto «Energie!» eine Lesung der mehrfach ausgezeichneten Schweizer Autorin Seraina Kobler aus ihrem neuen Roman «Tal der Schwalben» stattgefunden. Das Thema des Buches – die Bedrohung und Bewahrung alpiner Kultur vor dem Hintergrund ausgreifender technologischer Innovationen – diskutierte sie im Anschluss mit Titularprofessor Boris Previšić und Max Baumgart, Ausserordentlicher Professor für Energierecht und Blockchain an der Universität Luzern und am externen Zug Institute for Blockchain Research (ZIBR). Kobler ist eine der sogenannten Kulturschreiber:innen des ebenfalls externen, von Previšić geleiteten Urner Instituts Kulturen der Alpen in Altdorf, die sich während drei Monaten vor Ort journalistisch-wissenschaftlich mit Uri befassen. Am 18. November wird die Abschlussveranstaltung dieses Projekts stattfinden.

Impressionen

(Fotos: Roberto Conciatori)