Neue Bilder gelebter Religion: Wie Studierende Religion erzählen

Wie sieht Religion aus, wenn man sie nicht nur liest, sondern sie auf der Strasse, in Kirchenräumen und im direkten Kontakt mit Menschen erlebt? In einem Seminar der Religionswissenschaft entwickelten Studierende eigene Filmreportagen und eröffneten damit neue Zugänge zu gelebter Religion.

Bild aus der Reportage «Es singt in mir» (Foto: Moira Gabathuler)

«Lesen Sie gern»?  Mit dieser Frage spricht ein in Orange gekleideter Mönch Passantinnen und Passanten in der Luzerner Altstadt an. Viele gehen weiter, manche bleiben stehen. Was bewegt ihn zu dieser Form der Begegnung und wie erlebt er die Reaktionen der Menschen? Solche Fragen standen am Anfang einer Filmreportage, die im Rahmen eines Seminars der Religionswissenschaft entstand. Die Szene verweist exemplarisch auf das Anliegen des Kurses: religiöse Praxis nicht nur zu beschreiben, sondern ihr im Alltag zu begegnen und sie erzählerisch zugänglich zu machen.

Theorie, Praxis und filmisches Erzählen

Im Herbstsemester 2025 fand an der Universität Luzern das interaktive Reportagenseminar «Dynamisch, verbunden und vernetzt: Neue Bilder gelebter Religion in der Gegenwart» unter der Leitung von Dr. Anne Beutter statt . Den Studierenden wurde darin das nötige Know-how – technisch wie auch wissenschaftlich – vermittelt, um eigene Reportagen zu erstellen.

Das Seminar war in einem mehrstufigen Prozess aufgebaut: wissenschaftliche Lektüre, eigenständige Feldforschung, praktische Medienarbeit und kontinuierliche Reflexion. Ziel war es, neue Bilder von Religion zu schaffen, die über gängige Stereotypen hinausgehen. Im Zentrum stand die Frage, wie Religion im Alltag sichtbar wird – jenseits etablierter Bilder und Begriffe.

Vom Feld zum Film

Die Studierenden begleiteten religiöse Akteurinnen und Akteure, führten Gespräche und hielten Beobachtungen audiovisuell fest. Daraus entstanden eigenständige Reportagen, in denen sie nicht nur dokumentierten, sondern bewusst erzählerische Entscheidungen trafen:
Welche Perspektive wird eingenommen? Welche Bilder tragen die Geschichte? Welche Atmosphäre entsteht durch Ton und Schnitt?

So wurde aus der Begegnung mit dem Hare-Krishna-Mönch eine Reportage über Präsenz im öffentlichen Raum, Kommunikation und religiöse Motivation im Alltag. Andere Projekte widmeten sich ebenfalls konkreten Praktiken und Orten. Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf gelebte Erfahrung statt abstrakter Beschreibung.

Lernen durch Praxis

Für die Studierenden war insbesondere die Verbindung von Theorie und praktischer Umsetzung prägend. «Aufwendig und intensiv, aber sehr bereichernd», beschreibt Moira Gabathuler das Seminar. Nicht zuletzt, weil hier Kompetenzen erworben wurden, die über klassische Seminarformate hinausgehen: der Umgang mit Kamera, Ton und Schnitt sowie die Entwicklung einer eigenen filmischen Handschrift. 

Auch Elena Zhivolup hebt hervor, wie zentral die eigenständige Gestaltung war: Statt sich primär auf wissenschaftliche Texte zu stützen, konnten die Studierenden selbst Regie führen und eine eigene Perspektive auf religiöse Praxis entwickeln.

Neue Perspektiven auf Religion

Die entstandenen Filme eröffnen Einblicke in religiöse Lebenswelten, die oft im Verborgenen bleiben oder stereotyp dargestellt werden. Sie zeigen Religion nicht nur in institutionellen Kontexten, sondern auch in alltäglichen Begegnungen, Bewegungen und Ausdrucksformen.

So stellt sich am Ende die Frage neu:
Was ist gelebte Religion? Sind es vor allem Predigten und offizielle Vertreter – oder auch die stillen, wiederkehrenden Handlungen im öffentlichen Raum und in Gemeinschaften?

Zu den Reportagen

Dieser Beitrag wurde von Michael Bieri, Masterstudent in Ethnologie und Religionswissenschaft, verfasst.