Moralischer Universalismus im Spiel der Mächte

Im Rahmen der zehnten Presidential Lecture sprach der renommierte Soziologe und Philosoph Hans Joas über sein neues Buch, «Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos». Er zeigte die ständige Verwicklung dieses Ethos mit der Geschichte der Imperien, die auch heute allgegenwärtig scheint.

Der Referent: Soziologe und Philosoph Hans Joas

Es sei ein «ehrgeiziges Buch», betonte Hans Joas zu Beginn seines Referats und ergänzte, dass er seinen Vortrag als einen «Appetitmacher» verstehe, um sich mit dem Inhalt des Werkes näher zu beschäftigen. Der deutsche Soziologe ging in seinem Vortrag als Erstes auf die grundlegende Fragestellung seines Buches ein. Das Wohl aller Menschen im Auge zu haben, sei ein zentraler Gesichtspunkt, ein Ethos, das viele Menschen teilen würden. Moralische Forderungen bestünden zwar auch in unserer näheren Umgebung – in der Familie, innerhalb eines Volkes, Staates oder einer Religion.

Dennoch existiere ein breites Bewusstsein darüber, dass wir unsere moralischen Ansprüche nicht auf unser unmittelbares Umfeld begrenzen dürften. Dafür habe sich der Begriff «moralischer Universalismus» eingebürgert. Dieses Menschheitsethos sei alles andere als selbstverständlich. Hans Joas wies darauf hin, dass im Dritten Reich beispielsweise die Auffassung vertreten wurde, dass Menschen, die an Menschenrechte glaubten, als «rassisch minderwertig» zu betrachten seien. Ebenso hätten etwa radikale Nationalisten nicht den moralischen Universalismus, sondern einzig das Wohl der eigenen Nation im Fokus. Dieses Ethos entwickle sich auch nicht von selbst, führte Joas weiter aus. Deshalb sei seine Grundfrage, wann, wo, warum und wie genau der moralische Universalismus entstanden sei.

Menschenrechte nicht vom Himmel gefallen

Es gebe zwei Standard-Antworten auf die Frage, woher die Menschenrechte stammen, so Hans Joas. Dieses Ethos sei im christlichen Umfeld entstanden, sei die erste Behauptung. Die zweite Antwort besage, dass es seinen Ursprung in der Aufklärung habe. «Diese Erklärungen halte ich für zu einfach», betonte er. «Beide verweisen auf das christliche Abendland. Aber gibt es diese Idee nicht auch ausserhalb dieser Kultur?» Damit kam der Autor auf die Grundidee seines Werkes zu sprechen. Diese sei aus einem Unbehagen entstanden. Die Geschichte der Menschenrechte werde mit der amerikanischen und der französischen Revolution in Zusammenhang gebracht. Die Vorgeschichte, wie es zu diesen Ideen der Freiheit und Gleichberechtigung kam, sei aus seiner Sicht aber oftmals zusammenhanglos und methodisch unbefriedigend aufgearbeitet. 

«Meine Schlüsselthese hält dem entgegen: Wir müssen die Geschichte der Menschenrechte, des moralischen Universalismus, nicht als Geschichte von Ideen, die sozusagen vom Himmel gefallen sind, betrachten, sondern vielmehr in einen Zusammenhang mit der Geschichte der Imperien stellen.» Der moralische Universalismus könne nur verstanden werden, wenn man ihn als Reaktion auf politischen Universalismus – den Weltherrschaftsanspruch der Imperien – verstehe. Für Hans Joas ist deshalb klar, dass der moralische Universalismus in der Zeit der Auseinandersetzung mit den ersten Imperien entstanden sei: zwischen 800 und 200 vor Christus und dies an vier verschiedenen Orten: Israel, Griechenland, China und Indien.

Enge Verbindung zur Macht

Hans Joas beschrieb, wie er in seiner Arbeit die wechselnden Konstellationen zwischen Imperien und Menschheitsethos untersuchte. Im Buch werde bald klar, dass der moralische Universalismus keineswegs stets das Gegenstück zum jeweiligen herrschenden Imperium gewesen sei. «Kluge Köpfe kamen rasch auf die Idee, dass dieses Ethos bestens geeignet ist, um die eigene imperiale Herrschaft zu rechtfertigen», sagte Hans Joas. Im weiteren Verlauf der Geschichte habe sich gezeigt, dass etwa die Christen nur allzu bereit waren, heilsgeschichtliche Konstruktionen zu entwickeln, welche die Macht des römischen Imperiums legitimierten. Schliesslich sei das Bewusstsein entstanden, dass dieses Imperium selbst vergänglich sein könnte und deshalb kein Verlass auf es sei. Darin liegt in gewissem Sinn der Ausgangspunkt der katholischen Kirche. Im Mittelalter sei die Entstehung zweier Pole erfolgt: Kaisertum und Papsttum. Danach kam es zur  Wiederbelebung der Imperiums-Idee durch die Entdeckung neuer Kontinente und den daraus folgenden Kolonialismus. Dass der moralische Universalismus nicht nur im Kontext des christlichen Abendlandes aufgetaucht sei, zeige sich nicht nur in der Antike, sondern etwa an der Unabhängigkeitsbewegung Indiens mit Gandhi, so Joas weiter.

Besorgter Blick auf die Gegenwart

Zum Schluss ging der Autor einen Schritt über das Buch hinaus und warf einen Blick auf die unmittelbare Gegenwart. Nebst den geopolitischen Spannungen verwies er dabei vor allem auf den sich anbahnenden Konflikt zwischen den zwei imperialen Mächten USA und China. Es stelle sich die Frage, wie gross die Chancen auf einen moralischen Universalismus seien, der nicht als Instrument der herrschenden Mächte benutzt werde. «Damit endet auch das Buch: mit der Frage nach einem Universalismus ohne Imperialismus.»

Impressionen

Bilder: Roberto Conciatori