Jugendbewegungen im Blick: 100 Jahre Jungwacht Blauring
Anlässlich seines bevorstehenden 100-Jahr-Jubiläums lässt der katholische Kinder- und Jugendverband Jungwacht Blauring Schweiz (Jubla) seine Geschichte wissenschaftlich untersuchen und in den gesellschaftlichen Kontext einordnen. Hierzu wird an der Professur für Kirchengeschichte der Universität Luzern nun eine Vorstudie zur Verbandsgeschichte erstellt.
Die Gründungen von Jungwacht (1932) und Blauring (1933) als nationalen Verbänden jähren sich 2032/33 zum hundertsten Mal. Das Jubiläum gibt Anlass, die Verbandsgeschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten und für heutige und kommende Generationen zugänglich zu machen. Um dieses Anliegen mit der Frage zu verbinden, wie sich Gesellschaft, Religion und Pädagogik gegenseitig beeinflussen und entwickelt haben, hat Jungwacht Blauring Schweiz Prof. Dr. David Neuhold und sein Team an der Professur für Kirchengeschichte beauftragt, bis Herbst 2027 eine Vorstudie zu erarbeiten. Mit der Projektleitung betraut ist Dr. Thomas Zaugg als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl. Davor und danach sind sowohl öffentliche Veranstaltungen wie auch Lehrveranstaltungen der Professur zum Thema vorgesehen.
Jugend zwischen Kirche, Gesellschaft und Zeitgeist
Jugendliche begegneten schon immer den Erwartungen von Erwachsenen, institutionellen Autoritäten und Zeitströmungen. Wie sie diese aufnahmen, für sich veränderten oder gar zurückwiesen, gehört zu den zentralen Fragen des Projekts. Die zunächst getrennten Jungwacht- und Blauring-Bünde werfen zudem Fragen nach Geschlechterbildern und Mitbestimmung auf. Untersucht wird auch, ob und in welcher Form es zu Ausgrenzung oder Zwang kam. Für die Gründungszeit ist das Verhältnis zu den politischen Ideologien der Zwischenkriegsjahre zu klären. Jugendliche Eigenständigkeit rief bei Erwachsenen seit je Unbehagen hervor. So befürchtete der christlichsoziale St. Galler Politiker Josef Scherrer bereits 1932, die katholischen «Sturmscharen» könnten mit ihrer radikalen Sprache ausser Kontrolle geraten.
Die Jubla hat diese Aufarbeitung aus eigener Initiative angestossen, weil sie sich ihrer Geschichte stellen will, auch den ambivalenten Seiten. «Wir wollen unsere Geschichte kennen», betont Caroline Albrecht, Co-Präsidentin von Jungwacht Blauring Schweiz. «Dazu gehören alle Geschichten, auf die wir stolz sind, aber auch die herausfordernden Kapitel. Deshalb haben wir uns bewusst für eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung entschieden.»
Internationaler Kontext
Die Schweizer Entwicklung steht in einem internationalen Zusammenhang, den es zu erforschen gilt. 1909 entstand in Deutschland die Quickborn-Bewegung aus katholischen Schülerkreisen. In Belgien gründete sich 1925 die Jeunesse ouvrière chrétienne (JOC) um Joseph Cardijn, in der sich junge Arbeiterinnen und Arbeiter organisierten. 1957 konstituierte sich in Rom die internationale JOC. Erziehungskonzepte, Symbole und Organisationsformen zirkulierten über Grenzen hinweg.
Archive, Fotografien und Erinnerungen als Quellen
Die Vorstudie klärt die Quellenlage und entwickelt Fragen für die weitere Forschung im Austausch mit einer von der Jubla gebildeten Projektgruppe. Dr. Thomas Zaugg sichtet Bestände im Staatsarchiv Luzern sowie in weiteren öffentlichen und kirchlichen Archiven. Neben Protokollen, Briefen und Zeitschriften werden Fotografien und Filme berücksichtigt. Erinnerungen ehemaliger Mitglieder ergänzen die schriftlichen Überlieferungen. Damit schafft die Vorstudie eine Grundlage für weitere Forschungsarbeiten und Publikationen. Die Ergebnisse sollen in Ausbildungsunterlagen und Beiträge zum Jubla-Jubiläum einfliessen. So verbindet das Projekt historische Forschung mit der Vermittlung von Verbandsgeschichte.


