Hirnschlag: Verbesserte Diagnostik mit Blick­bewegungs­messung

Eine einfache Messung der Blickbewegungen kann dabei helfen, Störungen der räumlichen Wahrnehmung nach einem Hirnschlag zuverlässig zu erkennen. Eine neue Studie der Universität Luzern und des Luzerner Kantonsspitals schafft wichtige Voraussetzungen dafür, diese Methode künftig breiter im klinischen Alltag einzusetzen.

Beispiel einer Augenbewegungsmessung als «Heatmap»: Eine Patientin oder ein Patient mit «visuell-räumlichen Neglect» nimmt bei der Betrachtung nur die rechte Bildhälfte wahr, die linke Seite wird deutlich vernachlässigt.

Der «visuell-räumliche Neglect» ist eine häufige Folge eines Hirnschlags. Betroffene beachten eine Seite ihrer Umgebung deutlich weniger oder gar nicht. Dadurch übersehen sie Menschen, Gegenstände oder sogar Teile ihres eigenen Körpers. Das kann alltägliche Tätigkeiten wie Lesen, Gehen oder das sichere Überqueren einer Strasse erheblich erschweren und zu gefährlichen Situationen führen. 

Forschende der Universität Luzern und des Luzerner Kantonsspitals (LUKS) haben einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Neglect-Diagnose unternommen. Ihre kürzlich veröffentlichte Studie schafft die Grundlage dafür, die Messung von Augenbewegungen künftig verstärkt als modernes neuropsychologisches Untersuchungsverfahren einzusetzen.

Prof. Dr. Thomas Nyffeler, Dr. Brigitte Kaufmann und ihr Team zeigen, dass eine kurze Messung der Augenbewegungen einen Neglect zuverlässig erfassen kann. Dazu untersuchten die Forschenden gesunde Personen in verschiedene Altersgruppen und ermittelten altersübergreifende Vergleichswerte, die künftig in Spitälern, Rehabilitationskliniken und neuropsychologischen Praxen zur Neglect-Diagnostik verwendet werden können.

Blickbewegungen im Fokus

Bei der Untersuchung betrachten die Teilnehmenden Fotos von Alltagsszenen, während ein hochpräziser Augen-Tracker ihre Augenbewegungen aufzeichnet. Die Ergebnisse zeigen, dass der entscheidende Messwert – die durchschnittliche Blickposition – über das gesamte Erwachsenenalter hinweg stabil bleibt. Abweichungen, wie sie bei einem Neglect auftreten, können daher unabhängig vom Alter zuverlässig erkannt werden.

Am häufigsten tritt ein Neglect nach einem Hirnschlag in der rechten Gehirnhälfte auf, wodurch Betroffene Informationen auf ihrer linken Seite nicht beachten. Herkömmliche Untersuchungen am Krankenbett können einen Neglect zwar häufig erkennen. Sie bilden jedoch nicht immer vollständig ab, mit welchen Schwierigkeiten die Patientinnen und Patienten in komplexen Alltagssituationen konfrontiert sind.

Durch die Analyse des natürlichen Blickverhaltens können subtile Aufmerksamkeitsdefizite erkannt werden, die andernfalls unbemerkt bleiben. Dadurch könnten Beeinträchtigungen erkannt werden, bevor sie sich im Alltag deutlich bemerkbar machen. Die Studie zeigte auch konsistente Ergebnisse bei wiederholten Messungen, was das Potenzial des Augen-Trackings für die Diagnose als auch für Messung des Genesungsverlaufs hervorhebt.

Grundlagen für eine bessere Rehabilitation

Mit der Studie gehen die Forschenden eines der wichtigsten Hindernisse für den breiteren Einsatz der Eye-Tracking-Technologie in der klinischen Praxis an: Bislang fehlten verlässliche Vergleichswerte von gesunden Erwachsenen. Die neu ermittelten Referenzdaten wurden frei zugänglich gemacht und können dadurch unmittelbar von Fachpersonen in der Klinik und Forschung genutzt werden. Die Luzerner Studie konnte zudem bestätigen, dass ein in einer früheren Studie entwickelter Referenzwert mehr als 95 % der gesunden Teilnehmenden korrekt identifizierte. Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass ungewöhnliche Eye-Tracking-Ergebnisse auf eine tatsächliche neurologische Beeinträchtigung zurückzuführen sind und nicht auf normale Unterschiede im Blickverhalten gesunder Menschen.

Die Ergebnisse der Studie unterstützen eine breitere Anwendung von Eye-Tracking-Untersuchungen in Krankenhäusern, Neurorehabilitationszentren und neuropsychologischen Einrichtungen. Der Test ist kurz, standardisiert und mit geringem sprachlichem Austausch verbunden. Dies kann insbesondere für Menschen nach einem Hirnschlag von Vorteil sein, die zusätzlich unter Sprach- oder Sprechstörungen leiden. Da keine sprachbasierten Antworten erforderlich sind, kann die Untersuchung unabhängig von der Muttersprache einer Person durchgeführt werden und eignet sich gut für wiederholte Beurteilungen während der Genesung.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Studie entstand im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen zwei vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekten: Dem auf vier Jahre ausgelegten Ambizione-Projekt unter der Leitung von Dr. Brigitte Kaufmann: «VERA – Unravelling Vertical Visuospatial Attention to Enhance Post-Stroke Recovery» an der Fakultät für Verhaltenswissenschaften und Psychologie und «The Role of the Cerebellum in Recovery of Visual Neglect», dem Projekt unter der Leitung von Professor Thomas Nyffeler an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin. 
 

Michael Jehle, Manuela Pastore-Wapp, Dario Cazzoli, Thomas Nyffeler, Brigitte C. Kaufmann
Toward clinical implementation of free visual exploration in neglect diagnostics: Reference data and psychometric properties across adulthood
Neuropsychological Rehabilitation, Volume 36, Taylor & Francis, 2026
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