Dienende Finanzwirtschaft?

Welche Rolle soll die Finanzwirtschaft in unserer Gesellschaft spielen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Noemi Honegger in ihrer Dissertation. In der sozialethischen Studie untersucht sie das Zusammenspiel von Finanz- und Realwirtschaft.

Die Realwirtschaft produziert Güter und erbringt Dienstleistungen – sie umfasst also jene Bereiche, die unseren Alltag unmittelbar prägen. Die Finanzwirtschaft unterstützt diese Tätigkeiten, indem sie Kapital bereitstellt und wirtschaftliche Risiken verteilt. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Finanzwirtschaft jedoch zunehmend an gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Einfluss gewonnen. Spätestens seit der globalen Finanzkrise und der Euro-Schuldenkrise wird deshalb immer häufiger gefragt, ob sich die Finanzwirtschaft zu weit von ihrer ursprünglichen Aufgabe entfernt hat. In diesem Sinn fordern Stimmen aus Politik, Ethik und Theologie, dass die Finanzwirtschaft wieder stärker der Realwirtschaft dienen solle.

In ihrer Studie setzt sich Noemi Honegger mit dieser Forderung und ihrer normativen Geltung auseinander. Mit anderen Worten fragt sie danach, ob sich ein Dienst der Finanzwirtschaft an der Realwirtschaft aus ethischer Perspektive überzeugend begründen lässt. Dafür untersucht sie in einem ersten Schritt das Phänomen sogenannter Einkommen ohne Wertschöpfung, die durch die Finanzwirtschaft erzielt werden. Solche Einkommen stehen im Verdacht, keinen Mehrwert in Form von nützlichen Gütern und Dienstleistungen für die Gesellschaft zu schaffen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung kritisiert Noemi Honegger angesichts der ökologischen Krisen einen ökonomisch verstandenen Wertschöpfungsbegriff. Sie argumentiert, dass Realwirtschaft nur ungenügende moralische Orientierung bieten kann.

In einem zweiten Schritt analysiert Noemi Honegger das Zusammenspiel von Kapital und Arbeit. Sie stellt einerseits den Vorrang des Kapitals in Frage, der sich zum Beispiel in einer vorrangigen Entlöhnung desselben oder in einem ungenügenden Arbeiterschutz zeigt. Andererseits zeigt sie die besondere moralische Verantwortung auf, die Kapitaleignerinnen und -eignern in der Gestaltung der Welt zukommt. 

Die Studie kommt zum Schluss, dass das Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft einen fruchtbaren Ausgangspunkt für die Finanzethik darstellt. Durch die Berücksichtigung dieses Verhältnisses werden Ungleichheiten und Machtgefälle offengelegt. Gleichzeitig muss ein Dienst der Finanzwirtschaft an der Realwirtschaft als eine mehrfache Verkürzung beurteilt werden, die dem komplexen Zusammenspiel von Finanz- und Realwirtschaft nicht gerecht wird. Vielmehr müssen soziale, gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen ernstgenommen und nachhaltig bewältigt werden.

Dr. Noemi Honegger ist Doktoratsassistentin am Departement für Moraltheologie und Ethik der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg sowie Klinikseelsorgerin am Kantonsspital Fribourg. Als Lehrbeauftrage lehrt sie regelmässig an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Sie studierte Theologie und Volkswirtschaft an der Universität Fribourg und promovierte anschliessend am Institut für Sozialethik ISE der Universität Luzern bei Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger. Die Dissertation ist in der Reihe «Studien zur theologischen Ethik» (Schwabe Verlag, Basel/Berlin) open acess erschienen.

Noemi Honegger
Dienende Finanzwirtschaft? Sozialethische Überlegungen zum Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft
Schwabe Verlag, Basel/Berlin 2025
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