Die Bedeutung der frühen Lebensphase

Die Zeit ab Empfängnis bis kurz nach Geburt kann die Gesundheit nachhaltig prägen. Eine internationale Gruppe aus Forschenden und klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten fordert einen Perspektiven­wechsel in der Prävention chronischer Krankheiten.

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(Symbolbild; ©istock.com/Natalia Kuzina)

Nichtübertragbare Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Erkrankungen gehören zu den grössten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Die moderne Medizin setzt jedoch häufig erst dann an, wenn Risikofaktoren oder Krankheiten bereits vorhanden sind. Eine internationale Gruppe von Forschenden und klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten argumentiert nun für einen erweiterten Ansatz: Die Förderung langfristiger Gesundheit sollte bereits am Anfang des Lebens beginnen.

Diesem Ansatz widmet sich die Arbeit unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. med. Martin Stocker, Chefarzt Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Kinderspital Zentralschweiz und Titularprofessor für Medizinische Wissenschaften an der Universität Luzern, und Prof. Dr. Thomas Pilgrim, Stv. Chefarzt an der Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital Bern und Professor an der Universität Bern. Seitens der Universität Luzern war zudem Prof. Dr. Stefan Boes, Professor für Gesundheitsökonomie, beteiligt. Grundlage des Beitrags ist eine Auswertung der bestehenden wissenschaftlichen Literatur.

Ein bislang zu wenig genutztes Zeitfenster

Das Projektteam richtet den Blick auf die Zeit von der Empfängnis bis in die ersten vier Wochen nach der Geburt. In dieser Phase entwickeln sich zentrale biologische und psychosoziale Systeme mit hoher Dynamik. Das Mikrobiom – also die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf unserem Körper leben – sowie die epigenetische Regulation, die beeinflusst, welche Gene in unseren Zellen aktiv sind, können zusammen mit Ernährung und frühen Beziehungserfahrungen Auswirkungen auf die spätere Entstehung von nichtübertragbaren chronischen Krankheiten haben. 

Der vorgeschlagene Ansatz geht über einzelne Präventionsmassnahmen hinaus. «Wir müssen anfangen, an Gesundheit zu denken, bevor Krankheit überhaupt entsteht», sagt Stocker. «Massnahmen rund um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebenswochen müssen sich zunächst unmittelbar positiv auswirken. Gleichzeitig sollten wir systematischer berücksichtigen, welche Bedeutung diese getroffenen Massnahmen für die langfristige Gesundheit haben können.» 

Dazu gehören ein gezielter Einsatz von Medikamenten und insbesondere Antibiotika, die Vermeidung medizinisch nicht notwendiger Interventionen, eine optimale Ernährung einschliesslich der Förderung des Stillens sowie eine familienzentrierte und entwicklungsfördernde Betreuung.

Eine neue Forschungs- und Gesundheitsagenda

Neu ist dabei nicht die Erkenntnis, dass frühe Lebensbedingungen für die spätere Gesundheit von Bedeutung sein können, sondern der Versuch, diese Erkenntnisse in einem gemeinsamen Konzept für langfristige Gesundheitsförderung zusammenzuführen – über biologische, medizinische, ernährungsbezogene und psychosoziale Faktoren hinweg und mit Blick auf klinische wie ökonomische Langzeitwirkungen. Digitale Gesundheitsdaten, neue Sensortechnologien und künstliche Intelligenz könnten künftig helfen, die langfristige Gesundheit besser zu verstehen und wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln.

Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, Gesundheitsnutzen, Beanspruchung und Kosten des Gesundheitssystems sowie längerfristige gesellschaftliche Effekte gemeinsam zu betrachten – im Sinne eines breiter verstandenen gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts für das einzelne Kind, für Familien, für das Gesundheitssystem und für die Gesellschaft.

Stocker Martin et al.
Promotion of long-term health in early life
Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2026
Open-Access-Aufruf

Zur Publikation

Der Beitrag wurde im renommierten Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.

Das Projektteam setze sich aus Forschenden des Kinderspitals Zentralschweiz und der Universität Luzern, des Inselspitals und der Universität Bern, der ETH Zürich sowie des Marie Meierhofer Instituts für das Kind (MMI), einem assoziierten Institut der Universität Zürich zusammen. Gleichzeitig vereint die Arbeit Expertinnen und Experten führender Institutionen in Europa und Nordamerika und verbindet Disziplinen von Geburtshilfe, Neonatologie und Pädiatrie über Kardiologie, Immunologie und Epigenetik bis hin zu Ernährungswissenschaften, Psychologie, Bioengineering und Gesundheitsökonomie.