«Dialog ist die einzige Alternative zur Gewalt»

Juden- und Christentum haben Europa massgebend geprägt – und doch ist ihr Verhältnis zueinander bis heute spannungsreich. Professor Christian M. Rutishauser SJ erklärt, was Studierende im neuen BA/MA Jüdisch-Christliche Beziehungen erwartet und warum dieser Studiengang gerade jetzt wichtig ist.

Symbolisiert das Miteinander von Christen- und Judentum: die Skulptur «Twins – Zwillinge» des Künstlers Johan Tahon am Landeskirchenamt der Ev.-luth. Landeskirche Hannover. (Bild: Stefan Heinze)

Professor Christian Rutishauser, Sie sind Studienleiter des Bachelor-/Masterstudiengangs Jüdisch-Christliche Beziehungen, der nun in diesem Herbst erstmals durchgeführt wird. Was lernen die Studierenden hier konkret bzw. was sind die inhaltlichen Schwerpunkte – und was macht diesen Studiengang einzigartig?

Christian Rutishauser: Im ganzen deutschsprachigen Raum gibt es noch keinen BA/MA in jüdisch-christlicher Beziehung. Es gibt Angebote zu Jüdischen Studien oder zur christlichen Theologie. Doch über 2000 Jahre hin haben sich die jüdische und christliche Tradition immer wieder beeinflusst. Sie haben je auf ihre Weise die europäische Gesellschaft geprägt. Genau auf diese Zusammenhänge fokussiert der Lehrgang. Einmalig ist, dass dabei biblische, rabbinische und christliche Quellen erschlossen werden und zugleich aktuelle Fragestellungen wie das Judentum in der Moderne, der Staat Israel, der gegenwärtige jüdisch-christliche Dialog mit seinen Themen und seiner Geschichte in den Blick kommen.

Judentum und Christentum verbindet eine lange, auch konfliktreiche Geschichte. Wie geht man im Hörsaal mit so aufgeladenen Themen wie Antisemitismus oder dem Nahostkonflikt sachlich um?

Judenfeindschaft ist ein komplexes Phänomen, das es psychologisch, anthropologisch, soziologisch und religiös zu verstehen gilt. Christlicher Antijudaismus ist ein Teil davon. Durch die unterschiedlichen Zugänge wird plastisch, wie man auf Antisemitismus reagieren kann. Und der Nahostkonflikt: Er ist davon nicht zu trennen. Auch dabei gilt es historisch zu verstehen, wie der Nahostkonflikt entstanden ist und zu fragen, welche Verantwortung wer zu übernehmen hat. Beide Themen geben tiefen und exemplarischen Einblick in das, was der Mensch, was Geschichte, was Glaube und Religion ist. 

Der Islam wird im Studiengang einbezogen. Warum ist das bei einem Studiengang über jüdisch-christliche Beziehungen unverzichtbar?

Der Koran nimmt Themen auf, um die Juden und Christen in der Auslegung der Bibel ringen. Durch die ganze Geschichte haben sich Juden, Christen und auch Muslime aneinander gerieben. In der Auseinandersetzung haben sie ihre Identität herausgebildet. So ist es einerseits fruchtbar und schärft den Blick, auch auf die Antworten zu schauen, die der Islam gibt. Andrerseits ist heute der Islam in unserer Gesellschaft so präsent, dass das Verhältnis von Religion, Zivilgesellschaft und Politik nur mit einem Blick auf ihn thematisiert werden kann. Im BA/MA Jüdisch-Christliche Beziehungen geht es eben neben theologischen und religiösen Fragen auch darum, wie beide Glaubenstraditionen in der postmodernen Gesellschaft sich bewegen.

Religiöse Spannungen, wachsender Antisemitismus, polarisierte Debatten über den Nahostkonflikt – braucht die Gesellschaft solche Kompetenzen heute dringender als früher?

Dialog ist kein Luxus. Dia logos ist Altgriechisch und bedeutet durch das Wort, durch Gespräch, durch Vernunft, durch Begegnung etc. Das ist die einzige Art, wie ein gemeinsames Leben in einer pluralen und freien Gesellschaft möglich ist. Dialog ist in diesem Sinne die einzige Alternative zur Gewalt. 

Was macht man nach diesem Studium? Wo sehen Sie den grössten gesellschaftlichen Bedarf an solchen Kompetenzen?

Dialogkompetenz und die Fähigkeit, mit säkularen, religiösen und weltanschaulichen Traditionen umzugehen, braucht es in vielen sozialen Bereichen der Gesellschaft, für Medien- und Kulturarbeit etc. Dann ist bei kirchlichen Anstellungen oder im Bereich von Judentum der BA und MA mehr als gefragt, weil die eigene Identität reflektiert wird, wie auch die Fähigkeit, sich dabei in Beziehung mit anderen zu setzen. 
 

BA/MA Jüdisch-Christliche Beziehungen

Die Theologische Fakultät der Universität Luzern bietet neu den Bachelor- und Masterstudiengang «Jüdisch-Christliche Beziehungen» an – den ersten dieser Art im deutschsprachigen Raum. Studierende erschliessen biblische, rabbinische und christliche Quellen und setzen sich mit aktuellen Fragen auseinander: dem Judentum in der Moderne, dem Staat Israel, Antisemitismus und dem jüdisch-christlichen Dialog. Auch der Islam wird systematisch einbezogen. Das Studium ist im Präsenz- oder Fernmodus möglich und qualifiziert für Tätigkeiten in Bildung, Kirche, Kultur und Medien. 

Eine Online-Infoanlass findet am Dienstag, 7. Juli, um 17.00 Uhr statt – um Anmeldung wird gebeten.