«Alle Christinnen und Christen sitzen im selben Boot»
Prof. Dr. theol. Jan Loffeld hält die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung am 23. September in der Jesuitenkirche Luzern. Im Interview gibt er einen ersten Einblick in sein Thema «Ökumene in neuen Koordinaten? Postkonfessionelle Perspektiven in einer nachchristlichen Gesellschaft» und erklärt, weshalb ausgerechnet der Relevanzverlust des Glaubens für die Ökumene eine grosse Chance sein kann.
Jan Loffeld (*1975) studierte Theologie in Münster und Rom und wurde 2003 für das Bistum Münster zum Priester geweiht. Nach Promotion und Habilitation in Erfurt (2010 bzw. 2018) war er Professor für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz, bevor er 2019 den Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Tilburg School of Catholic Theology in Utrecht übernahm. 2024 erschien sein vielbeachtetes Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz», das den Ausgangspunkt seiner Otto-Karrer-Vorlesung bildet.
Herr Professor Loffeld, in Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass vielen Menschen heute nichts mehr fehlt, wenn Gott fehlt. Bedeutet das nicht das Ende der Kirchen?
Nein, sicher nicht. Aber es bedeutet wahrscheinlich das Ende einer bisher tonangebenden Präsenzweise des Christentums: etwa in verschiedenen Konfessionen, die dann insgesamt eine christliche Kultur je auf ihre Weise prägen. Religiöse Menschen werden derzeit insgesamt eine Minderheit, auch etwa diejenigen, die nicht einer christlichen Konfession angehören. Ebenso verändern sich Weisen des Christwerdens: Die klassische Kindertaufe geht zurück, alternative, diverse Wege im Erwachsenenalter nehmen zu.
Welche Rolle spielt die Ökumene in einer «nachchristlichen» Gesellschaft zu Beginn des 3. Jahrtausends?
Eine sehr zentrale. Denn bei diesem Phänomen sitzen gewissermassen alle Christinnen und Christen im selben Boot. Es ist ja nicht so, dass Menschen, die aus der einen Kirche austreten, in eine andere, für sie bessere wechseln. Dann hätten wir eher einen ökumenischen Wettbewerb. Da aber offenbar nicht die Kirchengestalt die Hauptrolle spielt, sondern die Frage, ob der christliche Glaube an sich überhaupt noch Resonanzen im persönlichen Leben erzeugt, hat dieses Phänomen ein hohes ökumenisches Potenzial. Denn keine Kirche, wie unterschiedlich sie sich in verschiedenen Fragen auch aufstellt, kann letztlich ohne den Glauben an Gott existieren.
In Ihrem Vortrag wird es auch um «postkonfessionelle Perspektiven» gehen. Denken Sie dabei an ein Ende klassischer Konfessionsgrenzen?
Das Ende wahrscheinlich nicht, aber vielleicht gelingt es uns ja, die Vielfalt des Christentums in ihrer Diversität wertzuschätzen und gleichzeitig die Gemeinsamkeit im Glauben an den einen Gott zu betonen.
Wo sehen Sie überraschende ökumenische Aufbrüche, die viele vielleicht noch gar nicht wahrnehmen? Was macht Ihnen Hoffnung?
Das, was mich am meisten freut – ich denke nicht, dass es ein Aufbruch ist – war und ist die Tatsache, wie ich sie in den vergangenen zwei Jahren erleben durfte, dass der Relevanzverlust des Glaubens über die verschiedensten Konfessionsgrenzen hinweg Menschen aufrütteln kann. Fast noch mehr, als es die heissen kirchlichen Eisen tun, die damit natürlich nichts an Dringlichkeit verloren haben. Um es mit einem Satz auszudrücken: Es ist vielen doch nicht ganz egal, dass immer mehr Menschen Gott egal wird.
Ist ein «postkonfessionelles» Zeitalter eigentlich etwas Gutes? Steht es für mehr Verständigung und Einheit, oder ist das nicht der Weg?
Das wird sich zeigen. Entscheidend wird wahrscheinlich sein, dass wir uns als Christen allesamt nicht in Identitätspolitik oder in inner- wie ausserkirchliche Kulturkämpfe hineinziehen lassen.
Die Otto-Karrer-Vorlesung
Seit 1977 wird im Gedenken an den Ökumeniker Otto Karrer jährlich eine Otto-Karrer-Vorlesung gehalten. Dabei kommt jedes Jahr eine andere Persönlichkeit aus Kirche, Gesellschaft oder Politik zu Wort.
