Das Feiern der Sünde im gegenreformatorischen Luzern
Wie sittenstreng war das katholische Luzern tatsächlich? Sarah Lobina zeigt, wie ambivalent der Umgang mit Sexualmoral und Sünde in der Gegenreformation war und welche Rolle dabei Maria Magdalena und die Fasnacht spielte.
In ihrem Vortrag «Du sollst keine Ehebrecherinnen steinigen: Nonmonogamie im gegenreformatorischen Luzern» nahm Dr. Sarah Lobina, Lehrbeauftragte Historisches Seminar, das Publikum rund 500 Jahre zurück. Der Vortrag war Teil der Reihe «Verbotene Gedanken» im Museum Luzern. Im Zentrum stand die Frage, was biblische Bilder über Liebe, Moral und gesellschaftliche Rollenbilder erzählen und wie sittenstreng das katholische Luzern tatsächlich war.
Zwischen Keuschheit und Ehe
Schnell wurde klar: Sexualmoral und Geschlechterrollen waren im katholischen Luzern viel farbiger, als es das rückblickende Bild von Prüderie und starren Moralvorstellungen vermuten lässt und auch einiges farbiger als in reformierten Städten wie Zürich oder Basel. Ein zentraler Unterschied zeigte sich im Umgang mit Keuschheit, Ehe und Sexualmoral. Die Katholiken brachten dabei einen bemerkenswerten Spagat zustande: Einerseits hielten sie am Keuschheitsideal fest, andererseits wurde die Ehe in der Gegenreformation zum heiligen Sakrament erhoben. Bei den Reformierten hingegen waren Keuschheit und Ehelosigkeit keine anzustrebenden Ideale. Hier galt die Ehe und lebenslange Monogamie als gesellschaftliche Norm, die auch gesetzlich strikt verteidigt wurde.
Das katholische Luzern fand, so Lobina, eine besondere Form des Umgangs mit dieser Mehrdeutigkeit: das Feiern und Zelebrieren der Sünde und der Sündhaftigkeit des Menschen. Im Zentrum stand dabei weniger die strikte Bestrafung des Verstosses als die Möglichkeit von Busse und Vergebung: «Gnade vor Recht». Auch Verstössen gegen die geltenden Normen von Ehe und Sexualität konnte damit auf eine durchaus spielerische Weise begegnet werden, denn auf die Sünde konnte die Busse und auf die Busse wiederum die Vergebung durch einen gnädigen Gott folgen.
Und hier kommen die Bilder ins Spiel. Während in anderen Städten der Bildersturm tobte, wurde in Luzern die farbige und ambivalente katholische Bilderwelt zelebriert und gefeiert. Die damalige Hofbrücke bot dafür einen besonders prominenten Ort: Die Gläubigen mussten sie auf dem Hin- und Rückweg zur Hofkirche überqueren und begegneten dabei einer ganzen Bilderbibel. Ein propagandistischer Erfolg dieser Bilderwelt bestand beispielsweise darin, die Heilige Familie als ideale christliche Familie zu etablieren – obwohl sie, wie Lobina meinte, eher einer «Patchworkfamilie» entsprach. Besonders deutlich zeigte sich der ambivalente Umgang mit Sünde und Sexualmoral jedoch an einer anderen Figur: Maria Magdalena.
Maria Magdalena: Sünderin, Heilige, Superstar
Diese farbige Bilderwelt brachte einen regelrechten Superstar hervor: Maria Magdalena. Sünderin, Büsserin und Bekehrte. In ihr vereinten sich gegensätzliche Vorstellungen von Sünde und Heiligkeit. Gerade deshalb eignete sie sich besonders dazu, gängige Rollenbilder von «Huren» und «Heiligen» zu hinterfragen. Zugleich bot ihre besondere Nähe zu Jesus Raum für Spekulationen über die Art ihrer Beziehung.
Wie sich dieser Umgang in der Praxis zeigte, verdeutlichen beispielsweise Gerichtsurteile aus jener Zeit. So wurden ledigen Frauen, die sexuelle Beziehungen mit Männern hatten, ohne diese zu heiraten, sogenannte Jungfräulichkeitsentschädigungen zugesprochen. Lobina erwähnte den Fall einer ledigen Frau, der das Gericht von gleich drei Männern eine solche Entschädigung zusprach. Daran zeige sich zugleich, dass das katholische Christentum keineswegs strikt monogam gewesen sei. An einem reformierten Ort wäre dies schon aufgrund der damit verbundenen Rufschädigung der Frau kaum denkbar gewesen.
Ein Überbleibsel bis heute: die Fasnacht
Auf die Frage aus dem Publikum, ob sich dieses Feiern der Sünde auch heute noch konkret in Luzern zeige, antwortete Lobina lächelnd: «Waren Sie schon einmal an der Fasnacht?» Schon für Reformierte galt Luzern damals als «sittenlockere, voritalienische Provinz». Lobina spitzte es schliesslich so zu: «Die Konservativen zu dieser Zeit waren die Reformierten.» Denn dort hatte die Frau ihre strikte Rolle als monogame und sittliche Ehefrau zu erfüllen.
Im gegenreformatorischen Luzern dagegen zeigte sich ein auf den ersten Blick widersprüchlicher Umgang mit Moral: Die Sünde konnte gefeiert werden, gerade weil die Möglichkeit von Busse und Vergebung immer schon mitgedacht wurde und, wie bei Maria Magdalena, der Weg zurück zur Gnade stets offenstand. Hier schliesst sich der Bogen zur Luzerner Fasnacht: Auf die Ausschweifungen konnte die Busse folgen und folgt man dieser Logik, dürften die Beichtstühle in den Luzerner Kirchen nach der Fasnacht entsprechend gut besucht gewesen sein.
Dieser Artikel wurde von Michael Bieri, Masterstudent in Ethnologie und Religionswissenschaft, verfasst.

