Säkularisierung eröffnet neue ökumenische Perspektiven
Seine Diagnosen sind messerscharf, die Schlüsse nachvollziehbar. Jan Loffeld hielt die Otto-Karrer-Vorlesung 2026 in der Jesuitenkirche Luzern unter dem Titel «Ökumene in neuen Koordinaten? Postkonfessionelle Perspektiven in einer nachchristlichen Gesellschaft». Das Fragezeichen hätte es hier nicht gebraucht. Denn für den Pastoraltheologen steht fest, dass die Kirchen im 21. Jahrhundert alle vor den gleichen Herausforderungen stehen, wenn sie noch Teil der gesellschaftlichen Entwicklungen sein wollen. Dazu gab er auch gleich Anregungen für ökumenische Präsenz.

Die Zahlen von Befragungen zu Religion und Kirchenbindung in Europa sind aus Sicht der Kirchen ernüchternd: Die Kirchenaustritte nehmen in Europa zu, die Säkularisierung zeigt sich auch im gesellschaftlichen und politischen Geschehen. Diese Abwendung erfolgt, abgesehen von aktuellen Geschehnissen wie etwa der ungenügenden Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der römisch-katholischen Kirche, unabhängig der ursprünglichen konfessionellen Beheimatung. Dies zeigte der Referent an Umfrageergebnissen aus verschiedenen Ländern Europas.
Resistenter Glaube an den persönlichen Gott
Wo Menschen keinen Bezug zu einer religiösen Gemeinschaft mehr haben, kann auch nichts weitergegeben werden, konstatierte Jan Loffeld. Ein Glaube an «eine höhere Macht» führe denn auch bereits in der nachfolgenden Generation meist zu religiöser Indifferenz. Wo Menschen hingegen an einen personalen Gott, an ein Gegenüber glauben, halte sich die Religion stärker. Loffeld sprach von hoher «Säkularisierungsresistenz», wobei es auch hier kaum konfessionelle Unterschiede gebe.
Glaube dient nicht der Selbstoptimierung
Entsprechend sieht der Professor für Pastoraltheologie hier einen Ansatz für ein neues und stärkeres ökumenisches Engagement der Kirchen in einer zunehmend säkularen Welt. Religiosität oder Spiritualität werde heute als ein Angebot unter vielen gesehen, das von Menschen auf der Suche nach Selbstoptimierung gewählt werden könne. Doch als Theologe und Priester machte Loffeld sogleich deutlich, dass er den Glauben an Gott als «Angebot» neben Beruf, Sport oder Kreativität nicht gelten lässt.
Vielmehr gehe darum, in der zunehmend säkularen und gleichzeitig multireligiösen Welt die Präsenz des Christentums aufrecht zu erhalten. Und hier komme allen Gläubigen eine bedeutende Aufgabe zu. Es gelte, unabhängig der Konfession, die zentrale Aussage des Christentums hervorzuheben: den persönlichen Glauben an den Gott Jesu Christi. Nicht mehr und nicht weniger.
Kirchliche Interpretationskompetenz gefragt
In der Öffentlichkeit werde heute von den Fachleuten aus Kirche und Theologie zunehmend eine Interpretationskompetenz dieses Glaubens und seiner Ausdrucksformen sowie von Religion überhaupt notwendig. Dies in Abgrenzung zu «Bricolage-Religiosität oder -Spiritualität», die niemandem verboten werden könne. Dabei, und das betonte der Referent mehrfach, müssten die Kirchen eng zusammenarbeiten, gerade weil die Konfessionen aus der Distanz gesehen kaum mehr unterschieden würden.
Die Konfessionszugehörigkeit müsste ganz bestimmt nicht aufgegeben werden. Aber es dürfe, angesichts des Mitgliederrückgangs überall, auch keine Konkurrenz entstehen. Dem Säkularismus gelte es deshalb in einer «postkonfessionellen» Form entgegenzutreten. Mit einer «Ökumene der Gottesfrage» als Ausgangspunkt seien die Kirchen aufgerufen, zu einem «gemeinsamen Wirken inmitten der Polykrisen unserer Zeit» zu finden.
Dieser Bericht wurde Martin Spilker verfasst. Er schreibt regelmässig zu Anlässen des Ökumenischen Instituts Luzern. Er ist Mitglied des Institutsrats des Ökumenischen Instituts Luzern.
Über die Otto-Karrer-Vorlesung
Die Otto-Karrer-Vorlesung wird in Erinnerung an den in Luzern tätigen Theologen, Seelsorger und Vordenker der Ökumene Otto Karrer (1888-1976) durchgeführt. Die Vorlesungsreihe wird von der Leiterin des Ökumenischen Instituts Luzern, Nicola Ottiger, kuratiert. Die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung wurde in Anwesenheit der Dekanin der Theologischen Fakultät, Margrit Wasmeier-Sailer, der Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Rita Famos, sowie einer Delegation aus Ballrechten-Dottingen (D), der Heimatgemeinde von Otto Karrer, gehalten.
Weitere Informationen au der Webseite der Vorlesungsreihe | Der Reetext als PDF.