40 Delegaten, 25 Nationen und 1 Ziel: Chinas Diplomatie erleben
Neue Akteure, alte Werte: Wie positioniert sich China in einer sich wandelnden Weltordnung? Global-Studies-Masterstudentin Chantal Hüsler nahm aus eigener Initiative am 25. Young Diplomats Forum in Peking teil und erhielt Einblicke in Chinas politische Selbstwahrnehmung und internationale Diplomatie
Delegatin an der 25. Ausgabe des Young Diplomats Forum in Peking
Die Globalisierung verändert die Welt: Technischer Fortschritt macht geografische Distanz zunehmend irrelevant, zugleich verschiebt sich die globale Machtdynamik. Eine zentrale Rolle dabei spielt China. Das zeigt mir nicht nur mein Studium der Global Studies, sondern auch mein Alltag.
Seit 2014 verbindet die Schweiz mit ihrem drittwichtigsten Handelspartner China ein Freihandelsabkommen, das eben erst, am 20.8.2026, optimiert wurde. Doch während das «Made in China»-Label unsere Warenkörbe dominiert, chinesische Trends unseren Insta-feed prägen und «Labubus» unsere Taschen erobern, bleibt das Land China ein mysteriöser Gigante in der Ferne.
Nie hätte ich gedacht, dieses Mysterium einmal erkunden zu dürfen.
Ich hatte mich aus eigener Initiative für das Young Diplomats Forum (YDF) des Global Diplomatic Forum beworben, um mein Studium an der Universität Luzern mit einer chinesischen Perspektive zu erweitern. Entsprechend gross war meine Freude, als ich für die 25. Ausgabe in Peking ausgewählt wurde: Gemeinsam mit 39 weiteren Delegierten aus aller Welt durfte ich als Gast des Chinese People's Institute of Foreign Affairs (CPIFA) verschiedene politische Institutionen Chinas kennenlernen.
Von der Mauer zum Eisbrecher
Nach einer Irrfahrt vom Flughafen ins Hotel, bei der mich mein Taxifahrer ebenso gründlich über den Alltag der chinesischen Bevölkerung in Peking aufklärte, wie er mir ans Herz legte einen «chinesischen Ehemann» zu finden, ging es endlich los.
Bei einem Besuch der Chinesischen Mauer, hatte ich die Gelegenheit, meine Mitdelegierten kennenzulernen. Ein wahrer Genuss, denn ob aus dem Oman, Singapur oder Kanada, junge Politiker*innen eint die Neugier gegenüber fremden Ländern, Kulturen und neuen Freundschaften.
Während wir das chinesische Weltwunder Stufe für Stufe erklommen, schwand zwar unsere Kraft, nie aber der Gesprächsstoff. Ich erfuhr von allem möglichen: von Anekdoten über den thailändischen Kronprinzen, über Analysen des Kashmir- Konflikts bis hin zum Wandel der amerikanischen Veteranenpolitik.
In den Fusstapfen von Henry Kissinger
Am nächsten Tag startete der offizielle Teil. Mit einer Keynote Opening Speech zu Chinas Global Governance des Vizepräsidenten des CPIFAs wurden wir feierlich empfangen.
Auf einem kleinen Rundgang vorbei an Bildern und Büsten von prominenten Besuchern des CPIFAs, blieb mein Blick an einem Foto von Henry Kissinger und dem chinesischen Ex-Präsident Hu Jintao hängen. Das stimmte mich nachdenklich: «Wird eines Tages auch ein Bild unseres Besuches diese Wand zieren, weil einer von uns die Welt nachhaltig und positiv verändert hat?»
Unser Gastgeber schien mit seiner Anekdote einen ähnlichen Gedanken gehabt zu haben: Im Juli 1971 habe Kissinger seine Rede in China damit eröffnet, dass viele Besucher in dieses schöne und für sie geheimnisvolle Land gekommen seien. Premierminister Zhou Enlai wies ihn sofort daraufhin: Das Land sei nicht mehr so geheimnisvoll, wenn man sich einmal damit vertraut gemacht habe.
Ich schmunzelte, denn genau dieses Ziel hatte mich zur Bewerbung für das YDF bewogen – auch wenn mir bewusst war, dass einige Tage und ein kuratiertes Programm nur einen Ausschnitt dieses komplexen Landes zeigen können.
Ein Abstecher ins Kaiserreich
Das sorgfältig organisierte Programm eröffnete uns unterschiedliche Einblicke in Chinas Vergangenheit, Gegenwart und politische Zukunftsvorstellungen – wenn auch nur ausschnitthaft.
Bei einem Besuch des Tempels des Himmels und einem Rundgang durch die Verbotene Stadt tauchten wir in die Geschichte des chinesischen Kaiserreichs ein. Staunend wandelten wir über die 720.000 Quadratmeter des antiken Palastareals. Kaum zu glauben, dass es den Kaisern der Ming- und Qing-Dynastie einst möglich war, jeden Schritt ihrer Beamten exakt zu regulieren. Aufgrund ihrer technischen und handwerklichen Raffinesse gehört die Palastanlage heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Zurück in die Zukunft
Die Kaiser sind längst in die chinesischen Geschichtsbücher verschwunden, technische Innovation prägt China bis heute.
Das durften wir am eigenen Leib erfahren, als wir die Beijing High-Level Autonomous Driving Demonstration Zone besuchten. Dort chauffierten uns fahrerlose Busse unfallfrei durch die Strassen Pekings. Der Term «Geisterfahrer» dürfte in naher Zukunft einen buchstäblichen Sinn- und Kurswechsel erfahren. Ob das Fahrerlebnis dadurch stressfreier werden wird, bleibt offen. Meine Kollegin quittierte den fehlenden Fahrer mit: « Lord have mercy!»
Etwas theoretischer wurde es im Zhongguancun Innovation Zone Conference Center. Dort stellten uns Entwickler und politische Entscheidungsträger ihre Sicht auf die Aussenpolitik im Bereich technologischer Innovation vor.
Fasziniert erkannte ich, wie unterschiedlich China und die Schweiz mit technischer Innovation umgehen: China plant zentral in Fünfjahresplänen, die Schweiz verfolgt demgegenüber einen stärker dezentralen Ansatz: Sie setzt stärker auf autonome Akteure sowie staatliche Rahmenbedingungen und Akteure. International strebt die Schweiz eine demokratische Regulierung an, um Grundrechte und Datensicherheit zu schützen. China hingegen sehe in KI, wie man uns erklärte, vor allem ein Mittel zur Armutsbekämpfung. Es stelle das «Recht auf Entwicklung» ins Zentrum und setze sich als Fürsprecher für den Globalen Süden ein.
Ein politischer Ausblick
Mein persönliches Highlight war, Chinas Blick auf die Geopolitik mitzuerleben. Als Gast des Ministeriums of Foreign Affairs, der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) und der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) sass ich für einen Moment inmitten der Weltpolitik. Plötzlich sass ich Vertreter:innen jener Institutionen gegenüber, deren Arbeit ich bisher vor allem aus der Tagesschau kannte. Ehrfürchtig, wenn auch mit einer gesunden Portion Skepsis, prägte ich mir jedes Wort ein. Das fiel mir leicht, nicht nur wegen meiner grossen Neugierde, sondern auch, weil das chinesische Narrativ auffallend geschlossen war: dieselbe Einschätzung, dieselbe Vision, dieselbe Strategie.
Die multipolare Weltordnung wurde begrüsst und die bedeutende Rolle der UN in der Global Governance konsequent betont, bevor Chinas Vision der globalen Zusammenarbeit, die «Community of a shared future for mankind», erklärt wurde. Die nach Marx und Engels und verankert in der chinesischen Verfassung auf «der freien Entwicklung für alle» abstellt. Mein westlich geprägtes Weltverständnis horchte überrascht auf, als die kommunistischen Ideologen mit einer ungewohnten Selbstverständlichkeit genannt wurden. Zugleich wurde argumentiert, dass wirtschaftliche Verflechtung und komparative Vorteile eine Grundlage für die Koexistenz unterschiedlicher politischer Systeme schaffen könnten.
Der «Schmelztiegel der Ideologien» wurde dabei mit einem Augenzwinkern als Stärke des Multilateralismus beschrieben. Daraus leitete sich die Vorstellung ab, globale Herausforderungen wie Klimawandel oder KI nicht erst in der Krise zu adressieren, sondern frühzeitig und gemeinsam zu gestalten. Dies, so die vermittelte Perspektive, solle die Entwicklung aller beteiligten Staaten fördern.
Die westliche Skepsis
China war ein grosszügiger Gastgeber: Es öffnete uns die Türen der SCO, der AIIB und vieler weiterer Institutionen und begeisterte uns mit optimistischen Zukunftsvisionen und Innovationsdrang. Gleichzeitig war mir bewusst, dass gerade dieser Zugang Teil von Public Diplomacy ist: Staaten nutzen solche Begegnungen auch, um einem internationalen Publikum ihr Selbstverständnis und ihre Sicht auf die Welt vermitteln. Solche Besuche sind daher immer auch politisch zu lesen, und ein umfassendes Bild entsteht erst aus mehreren Perspektiven. Umso gespannter war ich auf die europäischen Institutionen.
Der Besuch des polnischen Botschafters zu Peking sowie die Podiumsdiskussion mit dem belgischen Botschafter, dem indonesischen Deputy Head of Mission und dem brasilianischen Minister Counselor kontextualisierten das chinesische Narrativ, nicht durch Kritik oder Vorwürfe, sondern durch die Würdigung unterschiedlicher Umstände und der europäischen Perspektive. In den Gesprächen wurde argumentiert, das chinesische System funktioniere in China aufgrund seiner Grösse, einer starken Wachstumsorientierung und zentraler politischer Steuerung.
Doch Europa sei nicht China. Aus europäischer Perspektive wurde in den Gesprächen betont, dass Menschenrechte als universell verstanden würden und neben wirtschaftlichem Wachstum auch individuelle Selbstverwirklichung und Lebensqualität einen hohen Stellenwert hätten.
Das erinnert mich an eine Rede Von der Leyens, in der sie die europäische Industrie vor zunehmendem Wettbewerbsdruck warnte und betonte, Europas Wirtschaft könne den Menschen nur dienen, wenn sie wettbewerbsfähig bleibe. Denn ein starkes soziales Europa brauche ein starkes wirtschaftliches Fundament.
Das «starke wirtschaftliche Fundament» bezeichneten die europäischen Botschafter als grosse Herausforderung: Europa und dessen zukünftige Diplomaten müssten sich für eine neue Ära mit neuen Dynamiken wappnen.
Dieser Gedanke stürzte mich vom Mysterium China ins Mysterium «Zukunft». Mein Blick huschte durch die Runde angehender Politikwissenschaftler*Innen, Policy-Maker*Innen und Diplomat*Innen. Die wenigsten von ihnen stammten aus Europa und trotzdem wirkten sie vertraut, engagiert, ambitioniert. Uns einte die Zuversicht, gemeinsam unser Bestes zu geben, um diese Zukunft mitzugestalten. Oder, um es mit den Worten von Zhou Enlai auszudrücken: «Plötzlich war die Zukunft nicht mehr so geheimnisvoll, denn ich hatte mich mit ihren Mitgestalter*Innen bekannt gemacht.»
Dieser Beitrag wurde von Chantal Hüsler, Masterstudentin in Global Studies, verfasst.
