Drei Fragen an Prof. Dr. Mariusz Kalczewiak
Seit August 2025 ist Prof. Dr. Mariusz Kalczewiak Professor für Jewish Studies an der Universität Luzern. In seiner Antrittsvorlesung am 19. Mai 2026, «Zentrum und Rand: Perspektiven auf jüdische Geschichte», gewährt er einen Einblick in seine Forschung.
Prof. Dr. Kalczewiak, Sie bringen Erfahrung aus aller Welt mit: Sie haben in Warschau studiert, in Tel Aviv promoviert, in Potsdam habilitiert und in Los Angeles sowie Breslau geforscht. Gibt es Perspektiven und Erkenntnisse dieser internationalen Laufbahn, die Sie bewusst an die Universität Luzern mitnehmen?
Ja, auf jeden Fall. Eine internationale akademische Laufbahn prägt nicht nur meine eigene Forschungsperspektive, sondern auch mein Verständnis dafür, wie Wissenschaft in unterschiedlichen kulturellen und institutionellen Kontexten funktioniert. Aus jeder Station habe ich etwas Spezifisches mitgenommen: etwa die Offenheit für interdisziplinäre Herangehensweisen aus Tel Aviv, die Bedeutung klarer und überzeugender Wissensvermittlung aus Los Angeles sowie die systematische Methodik aus Deutschland. Was mir besonders wichtig ist und was ich nach Luzern mitbringe, ist die Überzeugung, dass Wissenschaft vom Austausch lebt – über Ländergrenzen, Disziplinen und Denkweisen hinweg.
Ihre Antrittsvorlesung verspricht eine «history from below». Damit rücken Sie marginalisierte Gruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung in den Fokus. Welche Einsichten ermöglicht diese Perspektive, die andere Ansätze übersehen?
Die Perspektive einer «history from below» verschiebt den Blick bewusst weg von politischen Eliten, Institutionen oder religiösen Führungspersonen und fokussiert sich auf die alltäglichen Erfahrungen gewöhnlicher Menschen. Der Erkenntnisgewinn liegt darin, dass historische Entwicklungen stärker in ihrer sozialen Breite sichtbar werden.
Traditionelle Narrative neigen manchmal dazu, die Handlungsmacht ausschliesslich bei den etablierten Akteuren zu verorten. Die «history from below» zeigt hingegen, dass auch marginalisierte Gruppen Handlungsspielräume hatten. Ein Beispiel: anstatt osteuropäische Juden und Jüdinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als passive Armutsflüchtlinge zu betrachten, die etwa in den USA ihre «Rettung» finden, geht es darum zu zeigen, wie sie durch individuelle Migrationsentscheidungen den Verlauf ihres Lebens selbst bestimmen.
Schliesslich eröffnet diese Perspektive auch methodisch neue Zugänge: Quellen wie Briefe, Gerichtsakten, Selbstzeugnisse oder Alltagsdokumente gewinnen an Bedeutung. Sie ermöglichen eine andere Art von Geschichtsschreibung, die näher an den Stimmen der Zeitgenossen selbst ist.
Ihr Vortrag führt das Publikum in Lebenswelten von Jüdinnen und Juden mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen sowie von Menschen in der Prostitution. Das sind Personengruppen, die in der historischen Überlieferung, aber auch im heutigen öffentlichen Bewusstsein kaum sichtbar sind. Wie lassen sich solche «unsichtbaren» Geschichten historisch überhaupt rekonstruieren?
Solche «unsichtbaren» Geschichten lassen sich vor allem rekonstruieren, indem man gezielt nach den Lücken in der historischen Überlieferung sucht. Das bedeutet, unterschiedliche Quellen zu verbinden – etwa Akten aus Gerichten oder Fürsorge- und Polizeiarchiven, oder auch Presseberichte, in denen solche Personen nur am Rand erscheinen.
Gerade diese Quellen erfordern eine kritische Lektüre. Man muss fragen, aus welcher Perspektive sie entstanden sind und welche gesellschaftlichen Ordnungen sie widerspiegeln. Ergänzend werden, wo vorhanden, ego-dokumentarische Materialien wie Briefe, Tagebücher oder autobiografische Notizen herangezogen. Durch das Zusammenführen dieser Spuren lassen sich keine vollständigen Biografien im klassischen Sinn rekonstruieren, wohl aber werden marginalisierte Lebenswelten in ihren sozialen Kontexten wieder sichtbar und historisch greifbar gemacht.
Prof. Dr. Mariusz Kalczewiak hält am 19. Mai 2026 um 18:15 Uhr im Hörsaal 5 (Universität Luzern, Frohburgstrasse 3, EG) seinen Festvortrag mit dem Thema «Zentrum und Rand: Perspektiven auf jüdische Geschichte». Weitere Informationen finden Sie in der Agenda der Universität Luzern.
