Der Kanton Luzern war lange Zeit römisch-katholisch geprägt und ist es heute auf dem Land weiterhin. Seit den 1970er Jahren traten jedoch verstärkt neue Religionsgemeinschaften und Religionen hinzu: freichristliche Gruppen und christlich-orthodoxe Gemeinden, muslimische Vereinigungen und buddhistische Zentren, hinduistische Andachtsstätten und Versammlungsorte weiterer religiöser Gemeinschaften entstanden in vielen Gemeinden, besonders jedoch in der Stadt Luzern und der Agglomeration.

Das Religionswissenschaftliche Seminar der Universität Luzern erforscht seit 2002 die Vielfalt unterschiedlicher religiöser Gruppen, Gemeinschaften und Kirchen im Kanton Luzern. Die erste Dokumentation zur neuen religiösen Vielfalt erschien 2004, gefolgt von Aktualisierungen 2005 und 2007. Zehn Jahre später liegt 2017 die vierte aktualisierte Vollerhebung vor. Zahlreiche Gruppen sind seit 2007 neu hinzugekommen, seien es pfingstlerische, muslimische oder buddhistische Gemeinschaften, während andere Gruppen etwa im alternativ-spirituellen Bereich sich auflösten. Die Webseite www.unilu.ch/rel-LU und der gleichzeitig publizierte Leporello Religiös, bunt und vielfältig – Kanton Luzern zeigen die Vielfalt und Unterschiedlichkeit mit Bildern, Grafiken und kurzen Texten auf. Der Erhebung zum Bestand religiöser Gruppen und Gemeinden sowie den vertiefenden Forschungen zu einzelnen Gemeinschaften liegen drei Leitfragen zugrunde:

  • Wie sieht die Religionslandschaft des Kantons aktuell aus, welche Religionen und weltanschaulichen Gemeinschaften gibt es hier? Neben verschiedenen Christen und Christinnen unterschiedlicher Konfessionen und Kirchen sowie jüdischen, muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Gläubigen leben ebenso Baha'i, Zeugen Jehovas und koptische Christen hier. Seit wann sind sie hier, wie viele kommen zu Gottesdienst und Andacht zusammen, verfügen die Gemeinschaften über eigene Häuser und Kirchen oder lediglich über angemietete oder zeitweise überlassene Räumlichkeiten? Dieses erhebt die fortlaufende Dokumentation.
  • In einem zweiten Schritt untersuchen wir an ausgewählten Fallbeispielen, wie sich Religionsgemeinschaften, insbesondere die von Immigranten, begonnen haben zu verändern. Die neue rechtliche, soziale und kulturelle Umwelt hat unweigerlich zu Anpassungen geführt, sei es auf organisatorischer, inhaltlicher und praxisbezogener Ebene. Beispielsweise entwickelten sich Moscheen zu mehr als religiösen Orten des Gebets und der Predigt, sie sind auch soziale Treffpunkte, Informationsbörse und Ort für Angebote wie Sprachkurse und Beratungen. Religiöse Leitungspersonen wie Imame, Hindu-Priester oder buddhistischer Mönch sind zuzüglich zu ihren religiösen Aufgaben oft auch Ansprechpersonen für Behörden, Schulen und Medien.
  • Drittens interessiert uns, welche neuen Beziehungen und Formen der Zusammenarbeit sich zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften gebildet haben. So ermöglicht beispielsweise die evangelisch-charismatische Freikirche Christliches Zentrum Zollhaus anderen christlichen Gruppen wie die Tamil Christian Fellowship oder die Gemeinschaft des eritreischen Kingdom Life Centre ihre Gottesdienste dort zu feiern. Ebenso können portugiesische, kroatische, italienische und andere römisch-katholische Gläubige ihre Gottesdienste in jeweiliger Sprache und eigener Liturgie in vielen katholischen Kirchen durchführen. Aufschlussreich ist auch, dass etwa der erste Hindu-Tempel in einem kleinen Raum der St. Karli Kirche Platz fand; nach dem Fortzug in die deutlich grösseren Räumlichkeiten in Gisikon-Root ist dort heute noch die Andachtsstätte der hinduistischen Verehrer des Guru Sai Baba untergebracht. Auf Ebene der Stadt Luzern kommen überdies seit 2013 alle zwei Jahre viele Religionen unter dem Motto «Unter einem Dach» in der «Kornschütte» zusammen, um den Dialog untereinander und mit der breiten Bevölkerung zu verstärken.

Ziel der Studien und Erhebungen ist es, die religiöse und weltanschauliche Vielgestaltigkeit des Kantons zu erheben, im Internet und in übersichtlich gestalteten Publikationen für Interessierte, Schulen und Behörden darzustellen und die Implikationen dieser neuen religiösen Pluralität für das Zusammenleben zu analysieren. Deutlich wird nur zu oft, wie wenig die einen Gläubigen von anderen religiösen Gläubigen wissen. Mehr Kenntnisse voneinander nehmen die Ängste vor der Fremdheit und dem Unbekannten. In der Begegnung und durch die eigene Erfahrung kann dieses Neue, Hinzugekommene besser verstanden werden und vielleicht auch als Bereicherung empfunden werden.