«Ich möchte das Unsichtbare sichtbar machen»

Nadja El Kassar ist seit diesem April Professorin für Theoretische Philosophie an der Universität Luzern und startet im demnächst beginnenden Herbstsemester mit der Lehre. Die Studierenden dürfen sich auf klassische Texte, neue Forschung und gemeinsame Diskussionen freuen.

Prof. Dr. Nadja El Kassar, Professorin für Theoretische Philosophie

Nadja El Kassar, seit nun fast einem halben Jahr sind Sie an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Was gefällt Ihnen an der Universität Luzern und worauf freuen Sie sich weiterhin?
Nadja El Kassar: Ich freue mich darauf, die Philosophie hier mitweiterzuentwickeln und dass ich mit der Universität Luzern einen Ort gefunden habe, an dem ich mit Kolleg*innen interdisziplinär diskutieren und forschen kann. Mein Schwerpunkt ist unter anderem die soziale Erkenntnistheorie. Es handelt sich dabei um ein relativ junges Teilgebiet der Philosophie und es gibt nur wenige Institute mit diesem Schwerpunkt. Ich finde es deshalb wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem man Zugänge zu Themen wie Unwissenheit und epistemischer Ungerechtigkeit (siehe Box) erhalten kann. Bei diesen Themen bieten sich aktuelle Texte hervorragend an, um Fragen zu thematisieren, die für uns heute relevant sind.

Wie schaffen Sie diesen aktuellen Bezug in Ihren Seminaren?
Wir werden uns mit vielen neueren Texten beschäftigen. Vor Kurzem ist beispielsweise das Buch «Philosophie in Afrika» von der Philosophin Anke Graness erschienen, das wichtige Grundlagenarbeit leistet. Ich freue mich, diesen und andere aktuelle Texte in Seminaren zu erarbeiten. Aber wir werden natürlich auch ganz viel Klassisches lesen. Alle Philosophie lebt schliesslich auch vom Klassischen. Wenn ich aber beispielsweise dieses Semester Descartes’ «Meditationen» als Einführungskurs anbiete, dann werden wir diesen klassischen Text immer mit heutigen Stellungnahmen in Verbindung bringen. Ich will erarbeiten, wie sehr Descartes’ Dualismus uns immer noch prägt, ohne dass wir das merken. Ich will das Unsichtbare sichtbar machen.

Und wie sieht es mit einem weiteren Ihrer Schwerpunkte, der Philosophie des Geistes, aus?
Bei der Philosophie des Geistes geht es um die Bedingungen des Denkens und um die Frage, wie Kognition und Wahrnehmung funktionieren. Brauche ich Begriffe, um etwas wahrzunehmen? Brauche ich den Begriff «Kühlschrank», um einen Kühlschrank wahrnehmen zu können? Brauche ich Begriffe für Farben, um Farben wahrnehmen zu können?

Die soziale Dimension bei der Philosophie des Geistes geht über das Individuelle hinaus zum Gesellschaftlichen, Politischen und Strukturellen. Denken findet nicht nur im Kopf statt, sondern beispielsweise zunehmend mithilfe unserer Geräte. Manche sehen unsere Handys als Erweiterungen unserer kognitiven Fähigkeiten an. Sie gehören gewissermassen zu unserem Denken dazu, sind eine Erweiterung unseres Geistes.

Nicht selten wird in der Lehre die Philosophiegeschichte von männlichen Philosophen dominiert. Von der Antike bis in die Moderne kommen Namen wie Aristoteles, Descartes, Kant und Hegel vor, aber die Namen ihrer weiblichen Kolleginnen gehen unter. Wie gestalten Sie diesbezüglich Ihre Lehrveranstaltungen?
Ich finde es sehr wichtig, weibliche Autorinnen auf den Plan zu bringen, das ist in meinen Seminarplänen immer selbstverständlich. Ich habe bereits Seminare geleitet, in denen wir ausschliesslich weibliche Philosophinnen gelesen haben. Das war wunderbar, aber es ist interessant zu sehen, welche Vorurteile da oft noch am Werk sind: Die Teilnehmenden in den Seminaren sprachen dann oft von «seinen Thesen», meinten aber die Thesen einer Autorin.

Der nächste Schritt ist übrigens, nicht nur von weissen Frauen zu lesen. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass Philosophie an ganz vielen Orten und in ganz vielen Kulturen betrieben wurde und immer noch wird. Das wird verkannt, wenn man einen eurozentrischen Blick einnimmt. Es gibt mehr als nur weisse Philosoph*innen. Ein Teil dieser Erkenntnis ist, dass die Philosophiegeschichte eine Konstruktion der Aufklärung ist. Die Philosophie der alten Griechen ist nicht der Anfang der Philosophie. Es ist lediglich eine von vielen Arten, Philosophiegeschichte zu schreiben.

Was wäre eine alternative Geschichte der Philosophie?
Es gibt mittlerweile gute Projekte, die zeigen, dass nicht alles erst mit den Griechen angefangen hat. Diese Projekte fragen beispielsweise, was der Wert der Schriftlichkeit für die Philosophie ist. Wir lesen viele Texte. Doch es gibt auch einen nichtschriftlichen Teil der philosophischen Tradition, der wenig beachtet wird und deshalb oft verloren geht. Die meisten würden sagen, Philosophie ist eine Textwissenschaft, aber eigentlich ist Philosophie ein Dialog. Das sieht man schon bei Platon und Sokrates: Dialoge wurden aufgeschrieben und dadurch übertragen. Das alles hat mit Gesprächen angefangen, nicht mit Texten.

In Kürze begrüssen Sie die ersten Studierenden an der Universität Luzern in Ihren Lehrveranstaltungen. Wie würden Sie die Studierenden dazu motivieren, ihre eigenen philosophischen Stimmen zu finden?
Es muss erst zwischen zwei Dingen unterschieden werden: Es ist nicht dasselbe, die eigene philosophische Stimme in schriftlichen Arbeiten und die Stimme im Seminar zu finden. Sie erfordern unterschiedliche Methoden und Zugänge.

In meinen Veranstaltungen will ich Räume schaffen, in denen man seine philosophische Stimme ausprobieren kann. Dafür ist es hilfreich, wenn in kleinen Gruppen diskutiert wird. Die Diskussion muss nicht von Anfang an im Plenum stattfinden. Wichtig ist, dass direkt miteinander gesprochen und aufeinander Bezug genommen wird, sowohl für die Studierenden als auch für die Dozierenden. In schriftlichen Arbeiten ermutige ich die Studierenden, zu ihrer Person zu stehen und «Ich» zu schreiben. Ich ermutige sie dazu, sich nicht hinter Passivkonstruktionen zu verstecken, sondern zu sagen: «Ich argumentiere so und so» oder «Ich verstehe das so und so».

Vielen Dank, Nadja El Kassar. Wir wünschen Ihnen ein erkenntnisreiches Herbstsemester 2023 an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.

Dieses Interview wurde von Toni Rasic, Masterstudent in Philosophie und Ethik, erarbeitet.
 

Prof. Dr. Nadja El Kassar hält am Dienstagabend, 28. November, ihre Antrtittsvorlesung an der Universität Luzern zum Thema "Irren ist menschlich. Unwissenheit auch."

Zur epistemischen Ungerechtigkeit

Epistemische Ungerechtigkeit ist eine Form der Ungerechtigkeit, die sich auf den Bereich des Wissens und auf Menschen als Wissende bezieht. Die Philosophin Miranda Fricker, die diesen Begriff geprägt hat, unterscheidet zwischen hermeneutischer und testimonialer Ungerechtigkeit. Hermeneutische Ungerechtigkeit besteht, wenn Erfahrungen weder begriffen noch kommuniziert werden können und so dem kollektiven Verständnis entzogen werden. Beispielsweise liegt hermeneutische Ungerechtigkeit vor, wenn ein Opfer sexueller Gewalt nicht als solches erkannt wird, weil es in seiner Gesellschaft keinen Begriff (und somit auch kein Verständnis) dafür gibt. Von testimonialer Ungerechtigkeit betroffen sind Menschen, denen aufgrund von gegen sie gerichteten Vorurteilen keine Glaubwürdigkeit zugemessen wird. Zum Beispiel wenn der Aussage einer Frau aufgrund des Vorurteils, dass Frauen zu emotional seien, nicht oder weniger geglaubt wird.