Neues Pflegekonzept verbessert Lebensqualität Demenzbetroffener
Steigende Demenzfallzahlen und Grenzen medikamentöser Behandlungen unterstreichen die Bedeutung wirksamer Pflegekonzepte. Eine neue Studie zeigt nun, dass das im Haus Herbschtzytlos entwickelte Konzept «vida cotidiana®» die Lebensqualität von Menschen mit Demenz verbessern und Angehörige spürbar entlasten kann.
Die steigende Zahl von Demenzerkrankungen stellt das Schweizer Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen. Stand 2024 lebten rund 156'900 Menschen mit Demenz in der Schweiz – die Zahl wird sich in den nächsten 30 Jahren mehr als verdoppeln. Damit steigt der Pflegebedarf, während Fachkräftemangel und Kosten die Langzeitpflege belasten.
Insbesondere Verhaltens- und psychologische Symptome der Demenz (BPSD) führen häufig zum Einsatz von Psychopharmaka (Medikamente zur Behandlung psychischer Symptome), deren Wirksamkeit begrenzt und deren Nebenwirkungen erheblich sind. Vor diesem Hintergrund hat das Haus Herbschtzytlos (HZL), eine Einrichtung für Menschen mit neurologischen und neurokognitiven Beeinträchtigungen, das Konzept vida cotidiana® entwickelt, das auf die Einbindung von Menschen mit Demenz in alltägliche Aktivitäten setzt. Durch natürliche Routinen, sinnvolle Aufgaben und die Erhaltung der Selbstwirksamkeit soll die Würde und Lebensqualität der Betroffenen gesteigert werden. Dabei wird die Individualität der Menschen gewahrt und auf erzwungene Interventionen verzichtet, während gleichzeitig der Einsatz von Psychopharmaka möglichst vermieden oder reduziert wird.
Carol Sarbach, Gründerin und Geschäftsleitung des HZL, und Sabrina Ziegner, Pflegefachperson, Betriebsleiterin des HZL und Mitentwicklerin, beschreiben das Grundverständnis des Pflegekonzepts: «vida cotidiana® ist aus der Praxis entstanden und wird von einer klaren Haltung getragen: Menschen mit Demenz sollen ihren Alltag aktiv mitgestalten können – in Würde, Beziehung und Selbstwirksamkeit.»
«Paradebeispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit»
Ein Forschungsteam der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Universität Luzern evaluierte in einer Vorstudie mit fünf Fällen die Wirksamkeit des Pflegekonzepts. Dabei wurden Verlaufsdokumentationen der Pflegefachpersonen, Medikamentenlisten und Interviews mit Angehörigen analysiert. Die Daten wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Ziel war, die Auswirkungen des Konzepts auf Lebensqualität, Wohlbefinden und Verhalten der Betroffenen zu erfassen.
«Dieses Projekt ist ein Paradebeispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis, das viel zum bestehenden Wissensstand rund um die Betreuung von Demenzerkrankungen beitragen kann», so Dr. phil. Annemarie Schumacher, die Teil der Forschungsteams war.
Die Studie ist ein Projekt der Universität Luzern und wurde von Prof. Dr. Carla Sabariego und Annemarie Schumacher betreut und mitkonzipiert. Die Durchführung lag bei Jana Lingenhel, Masterstudentin der Health Sciences an der Universität Luzern, und war Teil ihres Research Internships. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem HZL durchgeführt und von der Senevita Stiftung finanziell unterstützt.
«Unsere Stiftung bezweckt die Förderung und Unterstützung von Ideen zur Optimierung der Lebensqualität im Alter – das konnte mit diesem Projekt wirkungsvoll und nachhaltig erreicht werden», sagt Andrea Seiler, Stiftungsrätin der Senevita Stiftung.
Gesteigerte Lebensqualität und spürbare Entlastung
Die Auswertung zeigt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner durch regelmässige Teilnahme an sinnstiftenden Alltagsaktivitäten, einem hohen Mass an Selbstbestimmung und personenzentrierter Pflege eine gesteigerte Lebensqualität erlebten. Emotionen und BPSD hatten Platz und wurden nicht unterdrückt, sondern mit Unterstützung und individuellen Bewältigungsstrategien begleitet. Angehörige schilderten den Aufenthalt im HZL als entlastend und wertschätzend. In allen Fällen konnte die Medikation mit Psychopharmaka im Verlauf reduziert oder ganz abgesetzt werden.
Neue Perspektiven für Betroffene und Angehörige
Das Konzept vida cotidiana® fördert Lebensqualität und Wohlbefinden von Menschen mit Demenz, ermöglicht einen regulierenden Umgang mit BPSD und entlastet zugleich die Angehörigen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass nicht-pharmakologische Interventionen wichtige Impulse für eine personenzentrierte Pflege geben und Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Demenzbetreuung in der Schweiz bieten.
Das Betreuungskonzept und die Erkenntnisse der Studie wurden im November 2025 am Nationalen Palliative Care Kongress in Biel dem Fachpublikum vorgestellt. Langfristig sollen die Erkenntnisse in ein Manual für Weiterbildung und Implementierung münden, damit andere Institutionen von den Erfahrungen lernen und das Konzept übernehmen können – für eine nachhaltige Verbesserung der Betreuung.
Mehr Infos zum Konzept vida cotidiana® auf der Website des Haus Herbschtzytlos
