«Migräne betrifft mindestens 15% der Bevölkerung»
Mehr als «nur» Kopfschmerz: Migräne beeinflusst Wahrnehmung, Sinneseindrücke und verschiedene Netzwerke im Gehirn. Im Interview erklärt Dr. med. Antonia Klein, Referentin an der «Woche des Gehirns» vom 16. bis 18. März an der Universität Luzern, was bei einer Migräneattacke im Gehirn passiert.
Antonia Klein, Sie sprechen an der «Woche des Gehirns» über Migräne. Was macht dieses Thema so interessant?
Migräne ist eine Erkrankung, die mindestens 15% der Bevölkerung betrifft, insbesondere Frauen. Es muss nicht chronische Migräne sein, bei der man mehrere Tage im Monat krankgeschrieben ist. Manche Menschen haben eine Attacke im Jahr. Eine Migräne betrifft mehrere Bereiche des Gehirns und beeinflusst verschiedene Wahrnehmungsfunktionen. Ich denke, dass der Vortrag dazu beitragen kann, das Verständnis für dieses Krankheitsbild zu erweitern.
Wie verändert sich die Wahrnehmung der Welt während einer Migräneattacke – und wie würden Sie das jemandem erklären, der so etwas noch nie erlebt hat?
Typischerweise merkt man bereits vor den Beschwerden subtile Symptome wie vermehrte Reizbarkeit oder Schlafstörungen. Dann gibt es eine Phase, in der man Aura-Symptome haben kann. Dabei sieht man zum Beispiel Lichtblitze oder Linien, die sich im Gesichtsfeld bewegen. Danach kommt häufig die bekannte Kopfschmerzphase, begleitet von Übelkeit, Licht- und Lautstärkeempfindlichkeit sowie dem Bedürfnis, sich zurückzuziehen und sich hinzulegen.
Gibt es auch Migränen, die gar keine Kopfschmerzen auslösen?
Ja. Es gibt tatsächlich Migräneattacken, die ohne Kopfschmerzen ablaufen und nur mit anderen Sinneseindrücken verbunden sind, zum Beispiel mit Schwindel oder Aura. Das Interessante ist, dass die Migräne ein Netzwerk an Hirnbereichen betrifft. Das heisst, verschiedene Hirnareale, die bei der Wahrnehmung eine Rolle spielen, sind in diesen Prozess involviert und es ist unterschiedlich, welches Symptom für die Betroffenen im Vordergrund steht.
Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass Migräne mehr mit Wahrnehmung als nur mit Schmerz allein zu tun hat?
In den letzten Jahren habe ich eine Ausbildung zur Fachärztin für Neurologie, überwiegend am Inselspital in Bern, gemacht. Dabei lag ein besonderer Schwerpunkt meiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit auf Kopfschmerzen und visuellen Wahrnehmungsstörungen, sowohl in der Patientenversorgung als auch im Rahmen von Forschungsprojekten.
Im Rahmen der Kopfschmerz-Sprechstunde kamen Patientinnen und Patienten mit einer Sonnenbrille ins Wartezimmer und berichteten davon, dass sie schon Tage vor der Migräneattacke Symptome feststellten. Manchmal sind es wirklich die anderen Symptome, die den Alltag massgeblich beeinträchtigen, für die jedoch häufig das Bewusstsein in der Umgebung und am Arbeitsplatz fehlt.
Was kann das Verständnis von Migräne uns generell über das menschliche Gehirn und unsere Wahrnehmung beibringen?
Die Symptome lassen sich nicht dadurch erklären, dass man sie auf einzelne Gehirnbereiche zurückführt, sondern es handelt sich um ein Zusammenspiel verschiedener Bereiche, die überaktiviert sind und miteinander interagieren. Wenn in diesem Netzwerk etwas aus dem Gleichgewicht gerät, beginnt eine Migräneattacke. Das Filtern von Reizen im Gehirn ist gestört und Informationen werden verstärkt, die normalerweise irrelevant sind. Das Ganze pendelt sich meist nach einigen Stunden wieder ein und das Gehirn kann sich wieder selbst regulieren.
Woche des Gehirns
Die European Dana Alliance for the Brain (EDAB) koordiniert jährlich in mehreren Ländern Europas eine «Internationale Woche des Gehirns» mit dem Ziel, die interessierte Öffentlichkeit über das Gehirn und die Fortschritte in den Neurowissenschaften zu informieren. 2026 wird die «Woche des Gehirns» vom 16. bis zum 18. März erstmals in Luzern durchgeführt. Auf dem Programm stehen wissenschaftliche Kurzvorträge und eine Filmvorführung mit Podiumsdiskussion. Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten.

